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Candide oder der Optimismus

Eine komische Erzählung von Krieg, Schiffbruch und Erdbeben – gegen die Lehre, unsere Welt sei die beste aller möglichen.

von Voltaire155 Passagen vorhanden

  • Englisch, eine hier vorhandene Übersetzung
Originaltitel
Candide, ou l'Optimisme
Erstveröffentlichung
(mit 65 Jahren)
Originalsprache
Französisch

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Überblick

Bis Ende 1759, dem Jahr seines Erscheinens, hatte Candide mehr als zwanzig Auflagen erlebt und sich zwischen zwanzig- und dreißigtausendmal verkauft, obwohl der Große Rat von Genf und die Pariser Behörden das Buch binnen weniger Wochen verboten hatten. 1762 setzte der Vatikan es auf den Index der verbotenen Bücher. Das Titelblatt nannte keinen Verfasser; angeblich hatte ein Doktor Ralph das Buch aus dem Deutschen übersetzt. Die These der Erzählung ist einfach: Die Welt ist nicht die beste aller möglichen, und eine Philosophie, die das behauptet, hat aufgehört, sie anzusehen. Die Idee, die sie verspottet, stammte von Leibniz. Der deutsche Philosoph hatte dargelegt, Gott müsse unter allen möglichen Welten die beste gewählt haben, jedes Übel diene also einem größeren Gut. Am 1. November 1755 zerstörte ein Erdbeben Lissabon und tötete Zehntausende. 1756 antwortete Voltaire mit einem Gedicht auf die Katastrophe, und im August desselben Jahres verteidigte Jean-Jacques Rousseau in einem langen Brief die Vorsehung. Candide ist Voltaires zweite, weit schärfere Antwort – verkleidet als komisches Abenteuer. Der Hauslehrer Pangloss lehrt, alles sei zum Besten, und doziert unbeirrt weiter, während die Geschichte ihn und seinen Schüler Candide durch Krieg und Schiffbruch schleift, durch das Erdbeben von Lissabon selbst, durch ein Autodafé der Inquisition und eine Zeit als Galeerensklave. Auch wirkliche Ereignisse ziehen durch das Buch: Im Hafen von Portsmouth sieht Candide zu, wie die Briten einen ihrer eigenen Admirale erschießen – so wie sie im März 1757 Admiral John Byng erschossen hatten. Ein Gegensystem stellt Voltaire Pangloss nicht entgegen. Am Ende landen die Reisenden auf einem kleinen Hof bei Konstantinopel, und Candide beschließt, dass sie ihren Garten bestellen müssen.

Schlüsselbegriffe

Welchen Optimismus will Candide lächerlich machen?

Die auf Leibniz zurückgehende Lehre, Gott habe die beste aller möglichen Welten gewählt, sodass jedes Übel ein notwendiger Teil des Guten im Ganzen ist. Pangloss verkürzt sie zu einer Formel, alles ist zum Besten, und wendet sie auf jedes Unglück an, sobald es geschieht. Die Erzählung widerlegt sie nie abstrakt; sie stellt die Formel so lange neben einen bestimmten leidenden Körper, bis sie obszön klingt.

Warum sagt Pangloss, die Nase sei zum Brillentragen gemacht?

Weil er von allem, was existiert, rückwärts auf den Zweck schließt, dem es dienen muss: Es gibt Nasen, Brillen sitzen darauf, also sind Nasen für Brillen gemacht, wie Beine für Strümpfe. Das parodiert den Satz, dass alles einen zureichenden Grund und einen Zweck hat. Gilt jede Tatsache als Beweis eines Plans, kann nichts mehr gegen das System sprechen, und eben diese Unangreifbarkeit ist der eigentliche Einwand der Erzählung.

Was ist Eldorado, und was beweist es in der Erzählung?

Ein verborgenes Königreich in Südamerika, in dem Gold und Edelsteine auf der Straße liegen, es weder Gerichte noch Gefängnisse gibt, jeder Familienvater Priester ist und niemand um etwas bittet, sondern nur dankt. Es zeigt, dass eine vernünftige Gesellschaft denkbar ist, und dann, wie wenig das nützt: Man gelangt nur durch Zufall dorthin, und Candide verlässt es aus freien Stücken, weil er dort reich sein will, wo Reichtum zählt.

Was leistet der naive Held einer philosophischen Erzählung?

Er prüft eine Idee an der Erfahrung, ohne sie zu verteidigen. Candide hat einen schlichten Geist und glaubt, was sein Lehrer ihn lehrt; so trifft jeder Schlag der Welt die Lehre selbst und nicht einen klugen Leser, der ihn wegerklären könnte. Die Form erlaubt Voltaire, durch Ereignisse zu argumentieren: Niemand in der Erzählung widerlegt den Optimismus, das tut die Handlung, ein Unglück nach dem anderen.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Die beste aller möglichen Welten?

Wenn jedes Übel einem größeren Gut dient, was darf man den Überlebenden von Lissabon ehrlicherweise sagen? Die Erzählung lässt ihren Philosophen nie aufhören zu erklären und die Welt nie aufhören, über ihn hereinzubrechen.

Ziel ist der Optimismus, der auf Leibniz zurückgeht: Ein Gott, der unter allen möglichen Welten wählt, muss die beste gewählt haben, und so ist jedes Übel ein notwendiger Teil eines guten Ganzen. Pangloss lehrt das im ersten Kapitel und hält daran fest, durch die Syphilis, einen Schiffbruch, das Erdbeben und eine verpfuschte Hinrichtung hindurch. Martin, den Candide in Surinam kennenlernt, hält dagegen, dass das Übel überall überwiegt. Die Erzählung gibt keinem von beiden recht. Ihr Vorwurf an Pangloss lautet, dass ein System ihn blind gemacht hat, und am Ende vertritt er es noch immer, ohne ein Wort davon zu glauben.

  • Optimismus
  • Leiden
  • Böses
  • Pessimismus
  • Fortuna
  • Trauer
  • Ironie
  • Satire

Grausamkeit mit gutem Gewissen

Wie kommen Menschen dazu, andere zu prügeln, zu verbrennen und zu versklaven und sich dabei im Recht zu fühlen? Jeder Schrecken der Erzählung trägt seine Rechtfertigung bei sich, und auf diese Rechtfertigung zielt die Satire.

Bulgarische Werber lassen Candide Spießruten laufen, weil er spazieren gegangen ist. Die Inquisition verbrennt in Lissabon Menschen, damit die Erde nicht noch einmal bebt. Im Hafen von Portsmouth erschießen die Briten einen ihrer eigenen Admirale, den übrigen zum Exempel. Ein Sklave in Surinam, dem eine Hand und ein Bein fehlen, sagt Candide, das sei der Preis für Europas Zucker. Keiner von ihnen hält sich für böse. Dagegen setzt die Erzählung kleine, unbelohnte Anständigkeiten, etwa den Wiedertäufer Jacques, der einen Bettler aufnimmt und ertrinkt, nachdem er einen Matrosen aus dem Meer gezogen hat.

  • Gewalt
  • Krieg
  • Religion
  • Heuchelei
  • Zwang
  • politische Macht
  • Sklaverei
  • Gerechtigkeit
  • sozialer Status
  • Täuschung
  • Mitgefühl
  • Nächstenliebe

Wir müssen unseren Garten bestellen

Was bleibt, wonach sich leben lässt, wenn jedes System versagt hat? Die Erzählung antwortet auf das Problem des Übels mit einer Anweisung zur Arbeit und überlässt dem Leser, ob darin Weisheit liegt oder Rückzug.

Vor dem Ende prüft die Erzählung die gängigen Antworten auf das Unglück. Eldorado ist ein vollkommenes Land, und Candide verlässt es, um reicher zu werden als die Könige Europas. Der Venezianer Pococurante besitzt jedes Vergnügen und genießt keines. Im letzten Kapitel weigert sich ein Derwisch, überhaupt über das Übel zu reden: Wenn der Sultan ein Schiff nach Ägypten schickt, kümmert es ihn dann, ob die Ratten an Bord es bequem haben? Ein türkischer Bauer sagt, seine zwanzig Morgen hielten drei große Übel fern, Müßiggang, Laster und Not. Martin folgert, man müsse arbeiten, ohne zu streiten, und Candide schneidet Pangloss die letzte Rede ab: Wir müssen unseren Garten bestellen.

  • Glück
  • Verlangen
  • Lust
  • Liebe
  • Ehe
  • Überleben
  • Reichtum
  • Ästhetik
  • Menschennatur

In diesem Werk

Passagen vorhanden
155
eigenständige Begriffe
289
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 403

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Leiden“ und „Optimismus“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 19 Paarungen. 93 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
LeidenOptimismus10
IronieLeiden4
LeidenMenschennatur4
LeidenReichtum3
IronieOptimismus2
KriegLeiden2
KriegReligion2
GerechtigkeitIronie1
GerechtigkeitOptimismus1
GerechtigkeitReligion1
IronieKrieg1
IronieMenschennatur1
IronieReligion1
KriegOptimismus1
LeidenReligion1
MenschennaturOptimismus1
MenschennaturReichtum1
MenschennaturReligion1
OptimismusReligion1

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  1. 1734 Philosophische Briefe (Lettres philosophiques)

    Hervorgegangen aus dem Aufenthalt in England, der 1726 begann, und ein Vierteljahrhundert vor Candide erschienen. Das Buch kostete Voltaire seinen Platz in Paris und entwarf das Programm seiner späteren Feldzüge.

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  2. 1759 Candide oder der Optimismus (Candide, ou l'Optimisme) du bist hier EN
  3. 1762 Die Predigt der Fünfzig (Sermon des cinquante)

    Seinen postumen Herausgebern galt sie als die erste von Voltaires Flugschriften, die das Christentum offen angriff; ihre Argumente kehren in vielen Traktaten wieder, die er in den folgenden Jahrzehnten schrieb.

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  4. 1763 Über die Toleranz (Traité sur la tolérance)

    Das Buch gehört zu Voltaires eigenem Feldzug für Jean Calas, den bekanntesten der zu Unrecht Verurteilten, die er von Ferney aus verteidigte. Es erschien zwei Jahre, bevor das Urteil aufgehoben wurde.

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  5. 1764 Philosophisches Taschenwörterbuch (Dictionnaire philosophique portatif)

    Als einzelner Taschenband begonnen, wuchs das Alphabet in den 1760er-Jahren von Auflage zu Auflage. Nach Voltaires Tod vereinigten seine Herausgeber es mit seinen weit umfangreicheren Questions sur l'Encyclopédie zu einem vielbändigen Wörterbuch.

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  6. 1772 We Must Take Sides (Il faut prendre un parti, ou le principe d'action)

    Hier, mit siebenundsiebzig Jahren, wendet Voltaire seine Argumente nicht mehr gegen die Kirche, die er in Die Predigt der Fünfzig angegriffen hatte, sondern gegen die Atheisten aus d'Holbachs Kreis.

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