WerkJane Addams

Demokratie und Soziale Ethik

Zwölf Vorlesungen aus einem Chicagoer Settlement legen dar, warum die private Moral der Ehrlichkeit und Sparsamkeit im Fürsorgebüro, in der Fabrik und im Stadtbezirk versagt.

von Jane Addams178 Passagen vorhanden

  • Englisch, die Originalsprache
Originaltitel
Democracy and Social Ethics
Erstveröffentlichung
(mit 42 Jahren)
Originalsprache
Englisch

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Überblick

Zwölf Vorlesungen, die Jane Addams an Colleges und in Volksbildungskursen der Universitäten gehalten hatte, wurden 1902 zu einem Buch; es erschien in einer Reihe, die der Ökonom Richard Ely herausgab. Addams lebte damals seit dreizehn Jahren in Hull-House, dem Settlement, das sie 1889 in einem Chicagoer Bezirk mit fünfzigtausend Menschen aus rund zwanzig Nationen eröffnet hatte. Die Vorlesungen berichten, was sie dort hatte scheitern sehen. Die Moral, mit der ihre Leser aufgewachsen waren, verlangt vom Einzelnen, ehrlich und sparsam zu sein und für die eigene Familie zu sorgen. Gemacht sei sie, so Addams, für den Umgang von Mensch zu Mensch, und sie versage überall dort, wo einer für viele entscheidet: im Fürsorgebüro, in der Fabrik, in der Schule und im Stadtrat. In einer Demokratie, sagt sie, kann niemand wissen, was für andere gut ist, ohne ihr Leben zu teilen und sie zu fragen. Sechs Kapitel prüfen das an je einem Verhältnis. Eine Armenbesucherin predigt Sparsamkeit vor Nachbarn, die einander ihre Schuhe leihen. Eine Tochter kehrt vom College zu Eltern zurück, die sie noch immer als Familienbesitz behandeln. Ein Arbeitgeber baut seinen Arbeitern eine Musterstadt, kürzt ihnen in einer Wirtschaftskrise Arbeitszeit und Lohn und steht im Sommer 1894 vor einem Streik. Addams nennt seinen Namen nicht, doch gemeint ist George Pullman, der Hersteller von Eisenbahnschlafwagen. Er habe seine Güte an den eigenen Gefühlen gemessen, schreibt sie, und nie an dem, was die Männer wollten. Ein Aufsatz von 1894, in dem sie Pullman mit König Lear verglich, blieb bis 1912 ungedruckt; im Buch tritt Lear im Kapitel über Eltern und Töchter auf. Das letzte Kapitel gilt Johnny Powers, dem Stadtverordneten ihres eigenen Bezirks, den die Reformer von Hull-House in drei Wahlkämpfen aus dem Amt zu drängen versuchten. Addams erklärt, warum er gewann: Powers bezahlte Beerdigungen, verschaffte Männern Arbeit und verschenkte zu Weihnachten Truthähne. Seine Wähler beurteilten ihn nach diesen Taten und nicht nach den städtischen Konzessionen, die er an Unternehmen verkaufte. Im Stadtrat saß er bis in die 1920er-Jahre. Der Philosoph John Dewey schrieb später, Addams habe als Erste klar ausgesprochen, dass Demokratie bestimmte Arten von Erfahrung bedeutet.

Schlüsselbegriffe

Was versteht Addams unter sozialer Ethik?

Eine Moral für Verhältnisse, in denen einer für viele entscheidet. Ehrlichkeit, Sparsamkeit und die Sorge für die eigene Familie sind für den Umgang zwischen Einzelnen gemacht, sagt Addams, und im Wohlfahrtsbüro, in der Fabrik oder im Stadtrat reichen sie nicht aus. Ihr Beispiel ist der Fabrikherr, der privat rechtschaffen war und seinen Arbeitern im Streik doch nichts zu bieten hatte. Soziale Ethik fragt, was die vielen selbst brauchen und wollen.

Was ist der „gesellschaftliche Anspruch“ in „Demokratie und Soziale Ethik“?

Die Forderung, die die Welt außerhalb der Familie an einen Menschen stellt, neben der Forderung der eigenen Familie. Addams stellt sie dem Familienanspruch gegenüber, den Eltern gegenüber einer erwachsenen Tochter geltend machen. Ihr Fall ist die junge Frau nach dem College, deren Ausbildung sie auf Menschen außerhalb des Hauses verwiesen hat. Der Familienanspruch ist bestimmt, der andere vage, darum unterliegt er meist, und für Addams müssen beide zu ihrem Recht kommen.

Warum verbindet Addams Demokratie mit geteilter Erfahrung?

Weil für sie niemand aus der Ferne wissen kann, was für andere gut ist. Demokratie heißt, das gemeinsame Los zu teilen, und ihr Bild dafür ist die belebte Landstraße, auf der alle einander ausweichen müssen und wenigstens sehen, wie schwer die anderen tragen. Wer auf einem abgeschiedenen Seitenweg bleibt, unter seinesgleichen, urteilt am Ende eng, so gut er es auch meint.

Wer sind die „würdigen Armen“?

Die Armen, die den Wohltätigkeitsvereinen als hilfswürdig gelten, also die Nüchternen und Sparsamen. Addams berichtet, dass arme Viertel gelernt haben, nach diesem Maßstab werde Hilfe verteilt. Sie zeigt, wie er zerbricht. Eine Armenbesucherin sorgte weiter für eine verkrüppelte alte Frau, die noch immer trank, und die Nachbarn waren empört und sagten der Frau, sie verdiene das nicht. Für Addams kommt die Not vor jeder Prüfung des Charakters.

Warum ist Addams die Zustimmung der Betroffenen so wichtig?

Weil ein gutes Ergebnis, das Menschen aufgezwungen wird, für sie weder sicher noch wirklich gut ist. Das Leben besteht aus Wegen ebenso wie aus Ergebnissen, schreibt sie, und eine Reform kann allein an ihrer Methode scheitern. Ihr Beleg ist die Musterstadt: Nach dem Tod ihres Gründers wurden Parks und Brunnen abgebaut, und die Bewohner protestierten kaum. Wer auf Zustimmung wartet, muss sich mit dem Machbaren begnügen, und was er erreicht, wird von denen getragen, die es wollten.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Die Armenbesucherin und die Nachbarn

Was berechtigt eine junge Frau aus gutem Haus, einer Familie Sparsamkeit zu predigen, die ärmer ist, als sie selbst es je war? Addams stellt die Regeln der Besucherin neben die Art, wie Nachbarn einander helfen, und die Regeln wirken klein.

Im Mietshaus nimmt eine irische Familie, deren Ernährer selbst arbeitslos ist, eine Witwe mit fünf Kindern auf, die auf die Straße gesetzt wurde, und eine Frau leiht ihre Schuhe her. Gegeben wird dort, so weit die Not reicht. Die Besucherin vom Wohlfahrtsbüro prüft zuerst, lobt Sparen und Mäßigkeit und staunt, wenn ihre sichersten Sätze Widerspruch finden: In der Kneipe, die sie einen Schrecken nennt, bekam ein Arbeitsloser freies Essen und fünf Dollar geliehen. Addams schickt sie nicht fort. Sie zeigt, dass die Besucherin nach den Gewohnheiten ihrer eigenen Schicht urteilt und dass die Familien lernen, ihr gegenüber die Sparsamkeit zu preisen.

  • Nächstenliebe
  • Armut
  • Philanthropie
  • gegenseitige Hilfe
  • Soziale Klasse
  • moralisches Urteil
  • Mitgefühl

Familienanspruch gegen gesellschaftlichen Anspruch

Kann eine erwachsene Tochter Menschen außerhalb ihrer Familie etwas schulden? Addams nennt diese Schuld den gesellschaftlichen Anspruch und meint, dass ein Haushalt, der nur sich selbst sieht, der Tochter ebenso unrecht tut wie der Köchin.

Vier Jahre lang lehrt das College eine Tochter, sich um die Welt zu kümmern, und dann erwarten die Eltern sie zu Hause, als hätte sich nichts geändert. Sie gibt nach, weil die Forderung der Familie bestimmt ist und die andere vage, und die Jahre danach sind ruhelos und unglücklich. König Lear liest Addams als den Vater, der nicht hinnimmt, dass sein Kind erwachsen geworden ist, und auch Cordelia schont sie nicht. Dieselbe Enge zeigt die Küche. Eine Hausherrin will, dass ihre Köchin nur dieser einen Familie dient, getrennt von den eigenen Leuten, und wundert sich, dass Mädchen die Fabrik vorziehen, wo zwanzig andere neben ihnen arbeiten.

  • Familie
  • Familienethik
  • Frauenrollen
  • Gender
  • Hausarbeit
  • Soziale Isolation
  • gesellschaftliche Verpflichtung

Gutes für Menschen tun oder mit ihnen

Warum endete ein vorbildlicher Fabrikherr im Streik, während ein korrupter Stadtrat die Zuneigung seiner Wähler behielt? Addams gibt auf beides eine Antwort: Güte, die über die Köpfe der Menschen hinweg beschlossen wird, scheitert, und wer ihr Leben teilt, gewinnt sie, selbst wenn er unehrlich ist.

Der Präsident eines großen Unternehmens baute seinen Arbeitern eine Musterstadt mit Parks und sauberen Häusern, kürzte in der Krise die Löhne und lehnte jede Schlichtung ab. Gut zu sein hieß für ihn, sie zu Sparsamkeit und Mäßigkeit anzuhalten, und was die Männer selbst erstrebten, erfuhr er nie. Daneben stellt Addams den Stadtrat ihres eigenen Bezirks, der Beerdigungen bezahlt, Arbeit beschafft und zu Weihnachten Truthähne verschenkt, mit Geld aus den Konzessionen der Stadt. Seine Wähler wissen das und behalten ihn. Aus beidem zieht sie eine Regel für Reformer: Fortschritt, den man mit den Menschen macht, steigt langsamer, und er ist der, der hält.

  • Paternalismus
  • Arbeitsbeziehungen
  • Arbeit
  • Kollektives Handeln
  • Politische Korruption
  • politische Patronage
  • Demokratie
  • Sozialethik
  • Gemeinschaft

Bildung, die am Fabriktor endet

Wie viel schuldet die Schule dem Kind, das sein Leben in der Fabrik verbringen wird? Addams wirft ihr vor, sie lehre es, ins Büro zu entkommen, und sage denen, die bleiben, nichts über ihre Arbeit.

Ein Sohn italienischer Bauern hat seine Tage draußen verbracht, unter Menschen, die mit den Händen arbeiten, und die Schule verlangt als Erstes, dass er stillsitzt und zuhört. Die Straße unterrichtet ihn natürlicher. Was die Schule lehrt, bis hin zum kaufmännischen Rechnen, setzt voraus, dass ein Junge aufsteigt, indem er der Handarbeit entkommt. Wer Arbeiter bleibt, findet in seiner Arbeit nichts, was den Geist nährt, und begegnet obendrein einer Art Verachtung. Vom Erzieher verlangt Addams etwas anderes: Der Arbeiter soll ein bewusstes Mitglied der Gesellschaft sein und eine Vorstellung davon haben, was sein Anteil ihr wert ist.

  • Erziehung
  • sinnvolle Arbeit
  • Kindheit
  • moralische Entwicklung

In diesem Werk

Passagen vorhanden
178
eigenständige Begriffe
320
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 377

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Arbeit“ und „Erziehung“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 18 Paarungen. 88 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
ArbeitErziehung8
DemokratieSozialethik8
DemokratieFamilie6
NächstenliebeSozialethik6
DemokratieHausarbeit5
FamilieHausarbeit5
DemokratieNächstenliebe4
ErziehungFamilie4
ArbeitDemokratie3
ArbeitNächstenliebe3
DemokratieErziehung3
ErziehungNächstenliebe3
ErziehungHausarbeit2
ErziehungSozialethik2
HausarbeitSozialethik2
ArbeitFamilie1
ArbeitSozialethik1
DemokratiePolitische Korruption1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1902 Demokratie und Soziale Ethik (Democracy and Social Ethics) du bist hier EN
  2. 1907 Newer Ideals of Peace

    Dies ist das hoffnungsvolle unter ihren Büchern über den Frieden, abgeschlossen sieben Jahre vor dem Krieg von 1914. Peace and Bread in Time of War kehrt nach diesem Krieg zu seiner Frage zurück.

    EN
  3. 1909 Der Geist der Jugend und die Straßen der Stadt (The Spirit of Youth and the City Streets)

    Das Buch, das sie ihr liebstes nannte, geschrieben in ihrem zwanzigsten Jahr in Hull-House. Drei Jahre später ging A New Conscience and an Ancient Evil den Mädchen derselben Straßen bis in das Geschäft mit der Prostitution nach.

    EN
  4. 1912 A New Conscience and an Ancient Evil

    Fünf Zeitschriftenartikel aus McClure's, gestützt auf die Fallakten der Juvenile Protective Association von Chicago. Das Buch erschien zwei Jahre nach ihren Erinnerungen Twenty Years at Hull-House.

    EN
  5. 1916 The Long Road of Woman's Memory

    Das Gegenstück zu The Spirit of Youth and the City Streets: Jenes Buch hörte der Jugend des Viertels zu, dieses seinen alten Frauen. Sein fünftes Kapitel geht auf die Reise zurück, die Addams durch das Europa des Kriegsjahres 1915 machte.

    EN
  6. 1922 Peace and Bread in Time of War

    Teils Erinnerungsbuch, teils Plädoyer, über die Jahre 1914 bis 1921. Fünfzehn Jahre nach Newer Ideals of Peace kehrt es zu dessen Frage zurück – nach dem Krieg, den jenes Buch nicht erwartet hatte.

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