Erkenntnis vor dem Ritus
Kann ein Ritus jemanden befreien, der nicht verstanden hat? Das erste Kapitel verneint es: Gebunden ist man durch Unwissen, also löst nur Erkenntnis die Bindung, und jeder Ritus wartet auf diese Erkenntnis.
Abhinavagupta teilt das Unwissen in zwei. Das eine wohnt im Verstand, als Zweifel oder als selbstsicherer Irrtum; das andere liegt tiefer, in der Person selbst, als Bewusstsein, das zu einem kleinen Ich geschrumpft ist. Die Einweihung kann das tiefere aufheben, aber nicht bei jemandem, dessen Verstand noch nicht weiß, was zu meiden und was zu suchen ist. Verstehen kommt zuerst, und beständig geübt lockert es sogar den tieferen Knoten, weil lange durchgearbeitetes Denken in ein Gewahrsein jenseits des Denkens mündet. Darum gilt sorgfältiges Nachdenken als höchstes Glied des Yoga.
- Befreiung vom Leiden
- Wissen
- Begriffsdenken
- Bewusstsein
- Nondualismus
- Göttliche Gnade
- Wahrnehmung
- Karma
- Yoga
- Handlungsmacht
Ins Gespräch kommen
- Unwissen bindet, so beginnen Sie, also befreit nur Erkenntnis. Warum kann die Einweihung dann einen Teil des Unwissens tilgen, aber nur bei jemandem, der schon versteht?
- Jemand besucht treu jede Zeremonie, hat aber nie gefragt, was sie bedeutet. Ist dieser Mensch Ihrer Darstellung nach der Freiheit irgendwie näher gekommen?
- Atemlenkung, Sitzhaltung und das Zurückziehen der Sinne sind klassische Stufen des Yoga, und doch stellen Sie sorgfältiges Nachdenken über sie alle. Weshalb?
- Wenn Erkenntnis allein befreit, müsste jeder, der dieses Buch gründlich liest, schon frei sein. Was bleibt nach dem Lesen noch zu tun?
- Ein Mensch kann sich einer Sache völlig sicher sein und trotzdem irren. Ist ein selbstsicherer Irrtum für Sie schlimmer als ein ehrlicher Zweifel?