Am 14. Oktober 1806 zerschlug Napoleon die Armee, die Friedrich der Große Preußen hinterlassen hatte – in zwei Schlachten am selben Tag, bei Jena und bei Auerstedt. Zwei Wochen später nahmen die Franzosen bei Prenzlau Prinz August gefangen, einen Neffen Friedrichs, und mit ihm seinen Adjutanten, den sechsundzwanzigjährigen Carl von Clausewitz. Die folgenden Monate verbrachte er als Gefangener in Frankreich, den Rest seines Lebens mit der Frage, wie so etwas geschehen konnte. Seine Antwort ist der Gedanke, für den man ihn kennt: Der Krieg ist kein Handwerk mit eigenen Regeln, sondern die Fortsetzung des politischen Verkehrs mit anderen Mitteln. Welchen Zweck ein Staat verfolgt, entscheidet deshalb darüber, wie er kämpfen soll, wie heftig und wie lange.
In dieser Armee war er groß geworden. Er war der Sohn eines Akziseeinnehmers aus Burg und stammte aus einer Pfarrersfamilie; 1792 trat er mit zwölf Jahren in ein Infanterieregiment ein. Im Sommer darauf wurde er bei der Belagerung von Mainz, wo Preußen gegen das revolutionäre Frankreich kämpfte, zum Offizier befördert. 1801 kam er an die Kriegsschule in Berlin. Ihr Leiter, Gerhard von Scharnhorst, wurde sein Freund und, wie die Neue Deutsche Biographie schreibt, der Lehrer, der seinem Denken die Richtung gab. Nach der Niederlage führte Scharnhorst den Neuaufbau der Armee, und Clausewitz arbeitete ab 1809 unter ihm im Kriegsministerium. Im Dezember 1810 heiratete er Gräfin Marie von Brühl.
Die Reformer wollten, dass Preußen erneut gegen Napoleon kämpfte. Doch im Februar 1812 willigte der König stattdessen ein, 20.000 Mann mit Napoleon gegen Russland ziehen zu lassen. Clausewitz schrieb die Bekenntnisdenkschrift: Ein Volk, so ihr Argument, schulde nichts Höheres als die Verteidigung seiner Würde und Freiheit. Dann nahm er seinen Abschied und trat in die russische Armee ein. Die Neue Deutsche Biographie nennt das die folgenreichste Entscheidung seines Lebens; er traf sie allein und nach eigenem Gewissen. Im September stand er bei Borodino, der großen Schlacht vor Moskau, im Stab der Kavallerie des Generals Uwarow. Am Ende des Jahres gehörte er zu den Offizieren, die Ludwig Yorck, den Befehlshaber des mit Napoleons Armee marschierenden preußischen Korps, zur Konvention von Tauroggen überredeten. Sie wurde ohne Zustimmung des Königs unterzeichnet, nahm das Korps aus dem Krieg und leitete Preußens Wendung gegen Frankreich ein. Der König weigerte sich zunächst, Clausewitz wieder in preußische Dienste zu nehmen; 1815 aber war er Stabschef des Korps, das im Feldzug von Waterloo bei Ligny und Wavre kämpfte.
Die Theorie entstand am Schreibtisch. Von 1818 bis 1830 war er Verwaltungsdirektor der Allgemeinen Kriegsschule, ein Posten, der mit dem Unterricht wenig zu tun hatte; die Neue Deutsche Biographie nennt die Stelle unbedeutend und nicht nach seinem Geschmack. Die freie Zeit nutzte er, um das Buch zu schreiben, aus dem Vom Kriege wurde. Die Theoretiker seiner Zeit hatten nach Regeln gesucht – nach der Geometrie der Versorgungsbasis einer Armee, nach dem Vorteil der inneren Linien. Clausewitz hielt dagegen: Krieg wird in Gefahr und Erschöpfung geführt, auf Nachrichten hin, die größtenteils widersprüchlich oder falsch sind. Die Summe all dessen nannte er Friktion. In einer Notiz vom Juli 1827 schrieb er, es gebe zwei Arten von Krieg: den, der den Gegner völlig niederwerfen will, und den, der an den Grenzen ein Stück Land erobern will. Entlang dieser Unterscheidung und der Bindung an die Politik wollte er das ganze Buch überarbeiten; fertig wurde er nach eigener Aussage nur mit dem ersten Kapitel. Wie die Formel, der Krieg setze die Politik fort, zu lesen ist, darüber streitet die Forschung bis heute. Manche sehen in ihr nur eine Seite eines Arguments, das das Buch in eine Dreifaltigkeit aus Leidenschaft, Zufall und Vernunft auflöst – das Wort ist Clausewitz’ eigenes.
Zu Lebzeiten wollte er Vom Kriege nicht veröffentlichen. Marie hatte er halb im Scherz gesagt, sie werde es herausgeben. 1830, als er die Kriegsschule verließ, versiegelte er das Manuskript. Im März 1831 wurde er Stabschef bei Feldmarschall Gneisenau, seinem Mitstreiter aus der Reformzeit; im November starb er in Breslau an der Cholera. Marie brachte das Buch zwischen 1832 und 1834 in drei Bänden heraus.
Seine Leser haben höchst unterschiedliche Lehren daraus gezogen, zuerst in Preußen. 1876 schrieb das maßgebliche deutsche biographische Nachschlagewerk jener Zeit die Siege von 1866 und 1870/71 Clausewitz’ Denkweise zu. Errungen hatte sie Helmuth von Moltke, Chef des preußischen Generalstabs – obwohl gerade Moltke die Kriegführung so weit wie möglich von der Politik freihalten wollte. Nach dem Ersten Weltkrieg gab der britische Militärschriftsteller Basil Liddell Hart Clausewitz die Schuld an den massierten Frontalangriffen der Westfront, und 1993 wiederholte der britische Historiker John Keegan den Vorwurf. In den Vereinigten Staaten wurde Vom Kriege nach dem Vietnamkrieg zu einem Schlüsseltext: 1976 am Naval War College, 1978 am Air War College, 1981 am Army War College. Die Übersetzung von Michael Howard und Peter Paret aus dem Jahr 1976 ist bis heute die maßgebliche englische Ausgabe.