Haftet ein Autor für seine Figuren?
Wenn in einem Gedicht ein eifersüchtiger Ehemann über die Ehefrauen herzieht, wer spricht dann, die Figur oder der Dichter? Der Streit dreht sich darum, ob die Erfindung entschuldigt, was sie lehrt.
Pierre Cols Verteidigung lautet, bei Jean de Meun sprächen der eifersüchtige Ehemann, die Alte und die Vernunft jeweils in ihrer Rolle, sodass man dem Dichter ihre Worte nicht anlasten könne. Christine antwortet mit der Wirkung: Leser behalten die Lehre, wer immer sie ausspricht, und eine Warnung, die die verbotene Frucht beim Namen nennt, macht sie verlockender. Sie erkennt die Kunst des Gedichts an und beurteilt es dennoch nach seinem Nutzen. Zum unverhüllten Benennen der Geschlechtsteile meint sie, die Sache mache das Wort anstößig, und sie schließt, das Buch verdiene eher ein Leichentuch aus Feuer als einen Lorbeerkranz.
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Ins Gespräch kommen
- Pierre Col, ein Domherr, der das Gedicht verteidigt, sagt, nicht der Dichter schmähe die Frauen, sondern der eifersüchtige Ehemann. Warum trägt diese Verteidigung Ihrem Urteil nach nicht?
- Sie geben zu, dass der Rosenroman schön geschrieben ist, und halten ihn doch für feuerwürdig. Soll Kunstfertigkeit nichts zählen, wenn die Lehre eines Buches schlecht ist?
- Wer Kranke vor sauren Äpfeln warnt, lässt sie nur an die Äpfel denken, so Ihr Beispiel. Was folgt daraus für Bücher, die Laster schildern, um sie zu verurteilen?
- Besser betrügen als betrogen werden, heißt es im Gedicht, und Sie behaupten das Gegenteil. Warum ist der Betrogene besser dran als der Betrüger?
- Nicht das Wort mache die Sache anstößig, schreiben Sie, sondern die Sache das Wort. Warum stört es Sie, dass Frau Vernunft im Gedicht die Geschlechtsteile beim Namen nennt?