1488 druckte der Pariser Verleger Antoine Vérard ein französisches Kriegshandbuch und gab es als Werk des römischen Autors Vegetius aus. Geschrieben hatte es 1410 eine Frau, Christine de Pizan; die Ausgabe nannte sie nicht. Sie war damals seit fast sechzig Jahren tot. Einen großen Teil ihres Arbeitslebens hatte sie auf das Argument verwendet, das dieser Druck anschaulich macht: Was in den Büchern ihrer Zeit gegen Frauen stand, war die Meinung der Männer, die diese Bücher geschrieben hatten. Diese Männer, so ihr Urteil, hatten eine Sitte beobachtet und sie als Natur hingestellt.
Führen konnte sie dieses Argument, weil sie die Bücher gelesen hatte. Ihr Vater, Tommaso da Pizzano, war Arzt und Astrologe König Karls V. von Frankreich und holte die Familie von Venedig nach Paris, als sie noch ein kleines Kind war. Er unterrichtete sie selbst. Mit fünfzehn heiratete sie den königlichen Sekretär Étienne du Castel; zehn Jahre später starb er. Mit fünfundzwanzig stand sie allein da und hatte drei Kinder und ihre Mutter zu versorgen. Um das Geld einzutreiben, das man ihm schuldete, prozessierte sie vor vier Pariser Gerichten zugleich. Sie heiratete nicht wieder. Stattdessen las sie, ohne Lehrer, und begann gegen Bezahlung zu schreiben: zuerst lyrische Gedichte, die sie den Fürsten des Hofes überreichte – in Handschriften, die unter ihrer eigenen Leitung entstanden. In Le Livre de la mutacion de Fortune, einem langen Gedicht von 1403, schrieb sie, Fortuna habe sie in einen Mann verwandelt.
Ihre Lektüre führte sie zum Rosenroman, einem langen französischen Gedicht des vorangegangenen Jahrhunderts, das Jean de Meun vollendet hatte. Darin bringen die Figuren den Liebenden bei, Frauen zu täuschen, und schildern die Frauen als von Natur aus treulos. Im Sendbrief vom Liebesgott griff sie das Gedicht 1399 in Versen an. Als zwei Jahre später ein Sekretär des Königs eine Lobschrift auf den Rosenroman verfasste, antwortete sie ihm brieflich. Die Forderung, sie solle widerrufen, wies sie zurück, und im Februar 1402 schickte sie den gesamten Briefwechsel an die Königin. Ein Schriftsteller, so ihr Standpunkt, hat für die Worte einzustehen, die er seinen Figuren in den Mund legt, denn Lektüre verändert die Leser.
Das Buch von der Stadt der Frauen, spätestens 1405 abgeschlossen, formuliert die größere These. Frauen scheinen weniger zu wissen als Männer, weil man sie im Haus hält und nicht unterrichtet; eine Tochter, die man wie einen Sohn zur Schule schickte, würde ebenso gut lernen. Den Beweis führt das Buch mit den Geschichten von Frauen, die herrschten, kämpften, erfanden und studierten. Die Fortsetzung, Der Schatz der Stadt der Frauen, gibt lebenden Frauen jeden Standes Rat, wie sie allein zurechtkommen – so, wie die Verfasserin es selbst getan hatte.
Der Hof, von dem sie abhing, zerfiel. Der regierende König, Karl VI., litt seit 1392 an Wahnsinnsanfällen, und seine Verwandten stritten um die Regierung. Also schrieb Christine auch für sie: eine Lebensbeschreibung Karls V. als Vorbild eines gelehrten Königs und das Kriegshandbuch, dem zufolge nur ein Herrscher, der Gerechtigkeit sucht, rechtmäßig Krieg führen darf. Als die burgundische Partei 1418 Paris einnahm, verließ sie die Stadt. In ihrem letzten Gedicht, datiert auf den 31. Juli 1429, heißt es, sie habe elf Jahre eingeschlossen in einer Abtei verbracht; meist nimmt man an, es sei Poissy gewesen, wo ihre Tochter Nonne war. Das Gedicht feiert Jeanne d'Arc, die im Mai jenes Jahres Orléans befreit hatte. Christine starb um 1430.
Ihre Bücher wurden noch ein Jahrhundert lang abgeschrieben, übersetzt und gedruckt, dann kaum mehr gelesen. Simone de Beauvoir nannte Christine 1949 die erste Frau, die zur Feder griff, um ihr Geschlecht zu verteidigen; 1982 folgte eine moderne englische Übersetzung der Stadt der Frauen. Ob man sie eine Feministin nennen sollte, ist umstritten. Dieselbe Autorin, die darlegte, dass Frauen ebenso gut lernen können wie Männer, verteidigte auch die Standesordnung und lehrte Gehorsam innerhalb dieser Ordnung.