Ob das Denken die Tatsache des Seins erreicht
Kann die Vernunft die Tatsache erreichen, dass überhaupt etwas ist, oder entfaltet sie nur, was im Denken notwendig ist? Schelling kommt zu dem Zweifel, ob die Vernunft das Sein überhaupt erreicht, ohne sich erst selbst loszulassen.
Bis 1821 hatte Schelling ein Jahrzehnt lang fast nichts veröffentlicht, und Hegel beherrschte das Feld. Diese Eröffnungsvorlesungen sprechen den Zweifel aus, um den sein ganzes Spätdenken kreist: Die systematische Vernunft kann sagen, was ein Ding sein muss, wenn es existiert, aber nie, dass es existiert; die bloße Tatsache des Seins entschlüpft ihrem Netz. Sie lässt sich nicht frontal erstürmen. Das erkennende Subjekt muss den Griff auf sich selbst lockern, ein Heraustreten, das Schelling eine Ekstase der Vernunft nennt, ehe das wahrhaft Seiende empfangen statt abgeleitet werden kann. Hier wendet der deutsche Idealismus sich zum ersten Mal gegen seinen eigenen Glauben, Denken und Sein seien eins.
- Subjektivität
- Identität
- Notwendigkeit
- Form
- Freiheit
- Wissen
- Dialektik
- Bewusstsein
- Erkenntnistheorie
Ins Gespräch kommen
- Ein Mensch hat versucht, sich zu erdenken, warum überhaupt etwas existiert, und geht leer aus. Ist das ein Scheitern oder die Natur der Sache?
- Ist „die Vernunft kann das Sein nicht erreichen“ nicht ein Rückzug vom ganzen Ehrgeiz der Philosophie, als Entdeckung verkleidet?
- Wie würdest du ein System, das beansprucht, das Absolute zu begreifen, von einem unterscheiden, das es nur empfangen kann?
- Welche Zuversicht, die du selbst einst hegtest, muss ein Denker aufgeben, um zuzugeben, dass die Vernunft nicht ableiten kann, dass die Welt existiert?
- Du verlangst vom erkennenden Subjekt, den Griff auf sich selbst zu lockern. Wie fühlt sich dieses Loslassen von innen an, für jemanden, der es versucht?
- Wenn das Dasein dem Denken stets entkommt, hat die Philosophie ihre wichtigste Frage nicht an etwas anderes als die Vernunft abgetreten?