Ein Grab in Guodian, in der chinesischen Provinz Hubei, gab Ende 1993 rund achthundert Bambusstreifen frei. Das Grab wird auf die Zeit um 300 v. Chr. datiert, und etwa zweitausend der Schriftzeichen auf den Streifen stimmen mit dem Buch überein, das heute als Tao te king bekannt ist. Sie sind die älteste greifbare Spur von Laozi, dem Alten Meister, dem das Buch zugeschrieben wird. Über den Mann selbst ist kein Zeugnis aus seiner eigenen Zeit erhalten.
Den Bericht, den alle wiederholen, schrieb im frühen ersten Jahrhundert v. Chr. Sima Qian nieder, der Hofhistoriker der Han-Dynastie. Er erzählt von einem Mann aus dem südlichen Staat Chu, der am Königshof der Zhou das Archiv führte: Familienname Li, Rufname Er, auch Dan genannt – frühe Texte nennen ihn Lao Dan, den Alten Dan. Diesem Bericht zufolge kam Konfuzius zu ihm, um ihn über die Riten zu befragen, und rühmte ihn hinterher. Als der Archivar das Königshaus der Zhou verfallen sah, brach er nach Westen auf. An der Grenze bat ihn Yin Xi, der Wächter des Passes, seine Lehre aufzuschreiben. Der Archivar schrieb ein Buch in zwei Teilen, rund fünftausend Schriftzeichen über den Weg und über die Tugend, und zog weiter; niemand wusste, wohin. Sima Qian nennt danach zwei weitere Männer, die Laozi gewesen sein könnten, und legt sich nicht fest. Die Überlieferung datiert das Leben ins sechste Jahrhundert v. Chr. und macht Laozi zu einem älteren Zeitgenossen des Konfuzius.
Die Historiker sind uneins darüber, was hinter Sima Qians Bericht steht – wenn überhaupt etwas. Manche kommen zu dem Schluss, einen historischen Laozi habe es nie gegeben. Der britische Sinologe A. C. Graham vertrat 1986 die Ansicht, hier seien mehrere Legenden zusammengefügt worden; die älteste sei eine Geschichte von der Begegnung des Konfuzius mit Lao Dan, die spätestens im vierten Jahrhundert v. Chr. im Umlauf war. Andere Forscher folgen der Überlieferung, Laozi sei ein älterer Zeitgenosse des Konfuzius gewesen. Über das Buch herrscht mehr Einigkeit: Viele datieren seinen Hauptteil ins vierte Jahrhundert v. Chr., und D. C. Lau, der es 1963 übersetzte, las es als Anthologie vieler Verfasser. In zwei Abschriften auf Seide, die in Mawangdui in einem 168 v. Chr. verschlossenen Grab gefunden wurden, stehen seine beiden Hälften in umgekehrter Reihenfolge, verglichen mit dem heute bekannten Text.
Das Buch stellt eine zentrale Behauptung auf: Das Tao (der Weg) ist der Ursprung von allem, lässt sich nicht benennen und bewirkt die Dinge, ohne sie zu erzwingen. Ein Mensch oder ein Herrscher soll deshalb wuwei üben, das Nichthandeln. Das heißt nicht, nichts zu tun; es heißt, auf ein Handeln zu verzichten, das von eigennützigem Begehren getrieben ist. Andere Lehrer der Zeit, unter ihnen die Anhänger des Konfuzius, boten den Herrschern Programme sittlicher Anstrengung an, die auf Menschlichkeit und Rechtschaffenheit gründeten. Wo der heute bekannte Text den Leser auffordert, Menschlichkeit und Rechtschaffenheit zu verwerfen, heißt es auf den Streifen von Guodian, man solle mit Künstlichkeit und Betrug brechen. Manche Forscher schließen daraus, dass sich der Streit mit den Konfuzianern verschärfte, während die Sprüche weitergegeben wurden. Das Zhuangzi, ein daoistisches Buch aus dem späten vierten Jahrhundert v. Chr., zeigt Lao Dan in siebzehn Passagen, in neun davon im Gespräch mit Konfuzius.
Die Gestalt wuchs, während das Buch sich verbreitete. Die Kaiserinwitwe Dou, Mutter des Han-Kaisers Jing, studierte es mit Hingabe, und spätere Quellen fügen hinzu, Jing, der von 157 bis 141 v. Chr. regierte, habe es offiziell zum Klassiker erhoben. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. ließ der Han-Kaiser Huan an Laozis überliefertem Geburtsort einen Palast errichten, und eine Inschrift von etwa 166 n. Chr. stellt Laozi als Verkörperung des Tao dar. Die Himmelsmeister, die erste organisierte daoistische Gemeinschaft, verehrten ihn als Gottheit. Die Tang-Kaiser, die den Familiennamen Li trugen, führten ihre Abstammung auf ihn zurück. Wang Bi, ein Philosoph, der 249 n. Chr. mit etwa dreiundzwanzig Jahren starb, schrieb einen der beiden Kommentare, durch die der Text zu späteren Lesern gelangte. Einer Zählung zufolge sind zu dem Buch rund siebenhundert Kommentare geschrieben worden.