PhilosophChina

Laozi

Der Alte Meister eines Weges, der sich nicht nennen lässt

1 Werk · 81 Passagen verankert

Lebensdaten
~601–~531 v. Chr.
Schule
Daoismus
Auch bekannt als
Lao Tzu · Laotse · Lao-tse
Wikipedia

Der Geist

Ein Grab in Guodian, in der chinesischen Provinz Hubei, gab Ende 1993 rund achthundert Bambusstreifen frei. Das Grab wird auf die Zeit um 300 v. Chr. datiert, und etwa zweitausend der Schriftzeichen auf den Streifen stimmen mit dem Buch überein, das heute als Tao te king bekannt ist. Sie sind die älteste greifbare Spur von Laozi, dem Alten Meister, dem das Buch zugeschrieben wird. Über den Mann selbst ist kein Zeugnis aus seiner eigenen Zeit erhalten.

Den Bericht, den alle wiederholen, schrieb im frühen ersten Jahrhundert v. Chr. Sima Qian nieder, der Hofhistoriker der Han-Dynastie. Er erzählt von einem Mann aus dem südlichen Staat Chu, der am Königshof der Zhou das Archiv führte: Familienname Li, Rufname Er, auch Dan genannt – frühe Texte nennen ihn Lao Dan, den Alten Dan. Diesem Bericht zufolge kam Konfuzius zu ihm, um ihn über die Riten zu befragen, und rühmte ihn hinterher. Als der Archivar das Königshaus der Zhou verfallen sah, brach er nach Westen auf. An der Grenze bat ihn Yin Xi, der Wächter des Passes, seine Lehre aufzuschreiben. Der Archivar schrieb ein Buch in zwei Teilen, rund fünftausend Schriftzeichen über den Weg und über die Tugend, und zog weiter; niemand wusste, wohin. Sima Qian nennt danach zwei weitere Männer, die Laozi gewesen sein könnten, und legt sich nicht fest. Die Überlieferung datiert das Leben ins sechste Jahrhundert v. Chr. und macht Laozi zu einem älteren Zeitgenossen des Konfuzius.

Die Historiker sind uneins darüber, was hinter Sima Qians Bericht steht – wenn überhaupt etwas. Manche kommen zu dem Schluss, einen historischen Laozi habe es nie gegeben. Der britische Sinologe A. C. Graham vertrat 1986 die Ansicht, hier seien mehrere Legenden zusammengefügt worden; die älteste sei eine Geschichte von der Begegnung des Konfuzius mit Lao Dan, die spätestens im vierten Jahrhundert v. Chr. im Umlauf war. Andere Forscher folgen der Überlieferung, Laozi sei ein älterer Zeitgenosse des Konfuzius gewesen. Über das Buch herrscht mehr Einigkeit: Viele datieren seinen Hauptteil ins vierte Jahrhundert v. Chr., und D. C. Lau, der es 1963 übersetzte, las es als Anthologie vieler Verfasser. In zwei Abschriften auf Seide, die in Mawangdui in einem 168 v. Chr. verschlossenen Grab gefunden wurden, stehen seine beiden Hälften in umgekehrter Reihenfolge, verglichen mit dem heute bekannten Text.

Das Buch stellt eine zentrale Behauptung auf: Das Tao (der Weg) ist der Ursprung von allem, lässt sich nicht benennen und bewirkt die Dinge, ohne sie zu erzwingen. Ein Mensch oder ein Herrscher soll deshalb wuwei üben, das Nichthandeln. Das heißt nicht, nichts zu tun; es heißt, auf ein Handeln zu verzichten, das von eigennützigem Begehren getrieben ist. Andere Lehrer der Zeit, unter ihnen die Anhänger des Konfuzius, boten den Herrschern Programme sittlicher Anstrengung an, die auf Menschlichkeit und Rechtschaffenheit gründeten. Wo der heute bekannte Text den Leser auffordert, Menschlichkeit und Rechtschaffenheit zu verwerfen, heißt es auf den Streifen von Guodian, man solle mit Künstlichkeit und Betrug brechen. Manche Forscher schließen daraus, dass sich der Streit mit den Konfuzianern verschärfte, während die Sprüche weitergegeben wurden. Das Zhuangzi, ein daoistisches Buch aus dem späten vierten Jahrhundert v. Chr., zeigt Lao Dan in siebzehn Passagen, in neun davon im Gespräch mit Konfuzius.

Die Gestalt wuchs, während das Buch sich verbreitete. Die Kaiserinwitwe Dou, Mutter des Han-Kaisers Jing, studierte es mit Hingabe, und spätere Quellen fügen hinzu, Jing, der von 157 bis 141 v. Chr. regierte, habe es offiziell zum Klassiker erhoben. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. ließ der Han-Kaiser Huan an Laozis überliefertem Geburtsort einen Palast errichten, und eine Inschrift von etwa 166 n. Chr. stellt Laozi als Verkörperung des Tao dar. Die Himmelsmeister, die erste organisierte daoistische Gemeinschaft, verehrten ihn als Gottheit. Die Tang-Kaiser, die den Familiennamen Li trugen, führten ihre Abstammung auf ihn zurück. Wang Bi, ein Philosoph, der 249 n. Chr. mit etwa dreiundzwanzig Jahren starb, schrieb einen der beiden Kommentare, durch die der Text zu späteren Lesern gelangte. Einer Zählung zufolge sind zu dem Buch rund siebenhundert Kommentare geschrieben worden.

Schlüsselbegriffe

Was meint Laozi mit der Rückkehr zur Wurzel?

Rückkehr zur Wurzel heißt: Was wächst, geht dorthin zurück, woher es kam, und erst damit ist es vollendet. Sein Beispiel ist die Pflanze, die austreibt und dann zu ihrer Wurzel zurückkehrt. Den Zustand, den sie erreicht, nennt er Stille. Wer diese Regel versteht, wird ihm zufolge geduldig und großzügig gegen alle Dinge. Wer sie nicht versteht, gerät in rastloses Handeln, das böse endet.

Was ist die Leere in Laozis Denken?

Die Leere ist das, was ein Ding brauchbar macht und es unerschöpflich hält. Laozi vergleicht das Tao (den Weg), den Ursprung aller Dinge, mit einem leeren Gefäß, das man nie bis zum Rand füllen soll. Den Raum zwischen Himmel und Erde vergleicht er mit einem Blasebalg: Er ist leer, und je mehr man ihn bewegt, desto mehr Luft gibt er. Beim Menschen heißt Leere, nicht von sich selbst erfüllt zu sein.

Warum schlagen die Dinge nach Laozi in ihr Gegenteil um?

Weil das Tao (der Weg), der Lauf, dem alle Dinge folgen, sich in Gegensätzen bewegt: Was weit in eine Richtung geht, kommt zurück. Eine Spitze, die man bis zum Äußersten schärft, wird stumpf, wer auf Zehenspitzen steht, verliert den Halt, und was seine volle Stärke erreicht, wird alt. Ebenso liegen Glück und Unglück dicht beieinander. Laozi sieht deshalb in jedem Gipfel den Beginn eines Abstiegs und rät, vorher innezuhalten.

Was bedeutet Nichtstreiten bei Laozi?

Nichtstreiten heißt, mit anderen nicht um Rang, Anerkennung oder das letzte Wort zu wetteifern. Der Weise, sagt er, stellt sich nicht zur Schau, beharrt nicht auf seiner Ansicht und rühmt sich nicht, und gerade darum wird sein Verdienst anerkannt. Weil er mit niemandem streitet, kann niemand mit ihm streiten. Vorbild ist der Himmel, der nicht streitet und doch überwindet, der nicht spricht und doch Antwort erhält.

Was ist der Weg des Himmels bei Laozi?

Der Weg des Himmels ist Laozis Name dafür, wie die Natur selbst verfährt, und er stellt ihn den Menschen als Muster hin. Er nimmt, wo zu viel ist, und gibt, wo zu wenig ist, so wie sich die beiden Enden eines Bogens beim Spannen bewegen. Günstlinge kennt er nicht, und er nützt, ohne zu schaden. Die Menschen, sagt Laozi, tun das Gegenteil: Sie nehmen denen, die zu wenig haben, und geben denen, die zu viel haben.

Warum spricht Laozi vom Weiblichen und von der Mutter?

Beides sind seine Bilder für eine Stärke, die durch Stille und den unteren Platz wirkt. Den Ursprung aller Dinge nennt er eine Mutter und zeichnet ihn als Tal, tief gelegen und offen. Das Weibliche, sagt er, überwindet das Männliche durch seine Stille. Sein Rat lautet, die eigene Kraft zu kennen und sich dennoch an die sanftere Seite zu halten, wie eine Rinne, in die alles fließt.

Themen eines Geistes

Begriffe, die im hier vorliegenden Korpus gemeinsam wiederkehren, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Gesamtwerks jedes einnimmt.

Der Ursprung und der Weg zurück

Woher kommt alles, und wohin geht es? Laozi nennt einen einzigen Ursprung, das Tao (den Weg), aus dem die Dinge hervorgehen und zu dem sie zurückkehren, und wer das weiß, hat ihm zufolge von keinem Ende etwas zu fürchten.

Die Dinge gehen aus dem Ursprung hervor wie Kinder aus einer Mutter, und sie bleiben nicht fort. Pflanzen treiben aus, und jede kehrt zu ihrer Wurzel zurück. Dieses Zurückkehren nennt Laozi Stille, und es zu kennen nennt er Einsicht. Wer es nicht kennt, gerät in wilde Bewegung und nimmt ein böses Ende. Wer die Mutter kennt und bewahrt, was er von ihr hat, ist sein Leben lang außer Gefahr. Der Himmel richtet sich nach dem Tao, und das Tao hat kein anderes Gesetz, als zu sein, was es ist.

  • Tao
  • Kosmologie
  • Unaussprechlichkeit
  • Stillsein

Warum das Schwache das Starke überdauert

Was geschieht mit allem, was seine volle Stärke erreicht? Laozi zufolge schlägt es in sein Gegenteil um, und darum vertraut er dem, was sich biegt, unten bleibt und nicht wetteifert.

Das Tao (der Weg) bewegt sich in Gegensätzen. Wer auf Zehenspitzen steht, steht nicht fest, eine Spitze, die man immer wieder schärft, bleibt nicht scharf, und was stark geworden ist, wird alt. Neben dem Unglück steht das Glück, und niemand weiß, was woraus wird. Laozi leitet daraus eine Regel ab: sich zurückhalten, den unteren Platz nehmen und nicht streiten, denn mit dem, der nicht streitet, kann niemand streiten. Sein Bild dafür ist der Bogen. Wird er gespannt, senkt sich das obere Ende, und das untere hebt sich.

  • Paradox
  • Komplementarität
  • Nicht-Handeln
  • Nicht-Streiten
  • Demut
  • Zurückhaltung
  • Klugheit

Weniger wollen

Wie viel braucht ein Mensch? Laozi hält das Habenwollen für den größten aller Fehler, und sein Maß nimmt er am Bauch, der sich füllen lässt, und nicht am Auge, das nie satt wird.

Ruhm oder Leben, Leben oder Reichtum: Er fragt, was einem lieber ist, und antwortet, wer am Ruhm hänge, gebe Größeres preis. Eine Halle voll Gold und Jade lässt sich nicht bewahren. Gunst ist so sehr zu fürchten wie Schande, denn wer sie hat, lebt in der Angst, sie zu verlieren. Selbst der Wunsch zu leben kann zu weit gehen, und wer sich abmüht, sein Leben zu verlängern, bewegt sich auf den Tod zu. Sein Vorbild ist der Säugling, dessen Begierden sich noch nicht geregt haben. Andere zu kennen ist Scharfsinn. Sich selbst zu kennen, sagt er, ist das Größere.

  • Verlangen
  • Mäßigung
  • Zufriedenheit
  • Einfachheit
  • Selbstbildung
  • Selbsterkenntnis

Gegen die Lehrer von Tugend und Gelehrsamkeit

Machen Sittenlehre und Studium die Menschen besser? Laozi antwortet, die höchste Güte wisse nichts von sich als Güte, und das Benennen, Lehren und Vorzeigen komme erst später, wenn sie zu schwinden beginnt.

Was die Lehrer seiner Zeit hochhielten, ordnet er auf einer Leiter an, die abwärts führt. Zuerst geht das Tao (der Weg) verloren, dann die Kraft, die es einem Menschen gibt, dann die Güte, dann die Rechtschaffenheit, und zuletzt kommen die Regeln des Anstands, die er den Anfang der Unordnung nennt. Dem Lernen ergeht es nicht besser. Die Vielgelehrten kennen das Tao nicht, schöne Worte sind nicht aufrichtig, und zu meinen, man wisse, was man nicht weiß, ist eine Krankheit. Was er behält, ist Freundlichkeit ohne Lehrgebäude: Der Weise verstößt niemanden, und Unrecht ist mit Güte zu vergelten.

  • Tugend
  • Wissen
  • Aufrichtigkeit
  • Mitgefühl

Macht, die man nicht spürt

Wer taugt dazu, Macht über andere zu haben? Für Laozi ist es der, der sich unter sie stellt, so wie Ströme und Meere tiefer liegen als die Bäche, die sie speisen.

Ein Herrscher, der über dem Volk stehen will, muss reden wie einer, der unter ihm steht, dann spürt es sein Gewicht nicht. Das Reich lässt sich nicht durch Anstrengung gewinnen, und wer es festhält, verliert es. Fürsten in prächtigen Gewändern, deren Speicher leer stehen, nennt er Räuber. Auch dem Henker misstraut er, denn Menschen, die den Tod nicht fürchten, regiert man nicht mit der Drohung des Todes. Der Himmel nimmt, wo zu viel ist, und gibt, wo zu wenig ist, die Herrscher der Menschen tun das Gegenteil. Ein guter Feldherr führt seinen Schlag und hört auf, und ein großer Staat gewinnt die kleinen, indem er sich erniedrigt.

  • Governance
  • Führung
  • Politische Autorität
  • politische Philosophie
  • politische Macht
  • Recht
  • Vertrauen
  • Krieg
  • Gewaltlosigkeit

In Zahlen

Werke im Bestand
1
erfasste Passagen
81
erfasste Konzepte
163
thematische Cluster
5

Konzepte, die zusammen auftreten

Das Rad nimmt die führenden Konzepte dieser Schriften und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Demut“ und „Führung“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 23 Paarungen. 51 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
DemutFührung9
Der Wegpolitische Philosophie5
DemutTao4
DemutDer Weg3
Demutpolitische Philosophie3
Führungpolitische Philosophie3
GovernanceTao3
Verlangenpolitische Philosophie3
DemutNicht-Handeln2
FührungNicht-Handeln2
Governancepolitische Philosophie2
Nicht-Handelnpolitische Philosophie2
Nicht-HandelnTao2
DemutGovernance1
DemutVerlangen1
Der WegFührung1
Der WegNicht-Handeln1
FührungGovernance1
GovernanceNicht-Handeln1
GovernanceVerlangen1
Nicht-HandelnVerlangen1
Taopolitische Philosophie1
TaoVerlangen1

Der Bogen eines Werks

Das Gewicht einer Zelle ist der Anteil des Konzepts an den Passagen des Werks; eine Spalte lässt sich daher ebenso von oben nach unten lesen wie eine Zeile von links nach rechts. Am dichtesten: Demut in Tao te king, 24,7 %.

Dichte 0 % 24,7 %

Konzeptdichte je Werk, chronologisch Ein einzelnes Werk. 8 Konzeptspalten, nach Gesamtgewicht geordnet. 6 weitere Konzepte liegen außerhalb der gezeigten Spalten.
WerkJahrDemutpolitische PhilosophieTaoNicht-HandelnFührungDer WegGovernanceVerlangen
Tao te king24,7 %22,2 %21 %14,8 %13,6 %13,6 %12,3 %11,1 %

Werke im Bestand

Titel in deiner Sprache, darunter das Original in Klammern; „dt. etwa“ markiert unsere eigene Übersetzung, wo es keine deutsche Ausgabe gibt. Die seitlichen Marken zeigen, welche Volltexte vorliegen.

  1. -400 Tao te king (道德經)

    Das unter Laozis Namen überlieferte Buch ist auch als Daodejing bekannt, als „Klassiker vom Weg und von der Tugend“. Beide Teile liegen hier vollständig vor, in der englischen Übersetzung, die James Legge, der erste Professor für Chinesisch in Oxford, 1891 veröffentlichte.

    EN
Einen Dialog mit Laozi beginnen

— oder zieh weiter zu einem anderen Geist

Zwei Geister gegeneinander antreten lassen

Jede dieser Fragen beantworten die beiden verschieden. Wähle eine, und sie tragen sie aus, beide gestützt auf die hier vorliegenden Texte.