Die Welt verändern, nicht sie interpretieren
Ist der Geist ein Zuschauer, der eine Welt spiegelt, die er bloß betrachtet, oder werden die Menschen durch die praktische Tätigkeit geformt, mit der sie sie verändern? An der Antwort hängt, ob die Philosophie die Welt erklärt oder sie umbaut.
In elf privaten Notizen, die mit Feuerbach abrechnen, verwirft Marx einen Materialismus, der anschauend bleibt. Die Menschen starren die Wirklichkeit nicht an; sie verwandeln sie durch Praxis und werden selbst von den Bedingungen geformt, die sie verändern — sodass das menschliche Wesen kein innerer Kern ist, sondern, wie es die sechste These sagt, das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Engels fand die Kritzeleien nach Marx’ Tod und druckte sie 1888; die elfte, die das Interpretieren der Welt ihrem Verändern gegenüberstellt, steht auf seinem Grab in Highgate gemeißelt.
- Praktische Tätigkeit
- Materialismus
- Sozialer Wandel
- soziale Ontologie
- Entfremdung
- Wahrheit
- Ideologiekritik
- Historischer Materialismus
Ins Gespräch kommen
- Ein Mensch versucht, sich selbst zu ändern, indem er angestrengter denkt und mehr versteht — sagen deine Thesen, das sei verkehrt herum, das Tun komme zuerst?
- Jemand glaubt, die Menschen seien einfach so, wie sie geboren wurden — gibt ihm deine sechste These, dass wir von unseren gesellschaftlichen Verhältnissen gemacht sind, eine andere Erklärung?
- Die elfte These sagt, es komme darauf an, die Welt zu verändern statt zu interpretieren — doch muss man sie nicht erst gut interpretieren, um sie zu verändern?
- Wenn das menschliche Wesen das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ist und kein innerer Kern — welche Vorstellung eines privaten, selbstgemachten Selbst muss ein Mensch aufgeben?
- Feuerbach war ebenfalls Materialist, und doch brachst du mit ihm — was übersieht seine anschauende Fassung, worauf deine beharrt?