Jahrhundertelang kannte Europa Hildegard von Bingen vor allem durch ein Buch, das sie nicht geschrieben hatte. Um 1220 kürzte Gebeno, Prior der Zisterzienserabtei Eberbach, ihre Visionsschriften und Briefe zu einer Sammlung von Prophezeiungen über die kommenden Zeiten zusammen, und sein Pentachronon war bis ins 17. Jahrhundert im Umlauf. Die Sammlung hat die Prophetin bewahrt, das Denken dahinter hat sie weggelassen: einen Entwurf der ganzen geschaffenen Welt mit dem Menschen in ihrer Mitte, gewonnen auf einem Weg, den die Schulen der Zeit nicht anerkannten.
Dieser Weg war die Schau. In der Vorrede zu Scivias, ihrem ersten Buch, schreibt sie, sie habe seit ihrem fünften Lebensjahr Dinge gesehen – wach, nicht im Traum und nicht in Raserei. 1141, mit zweiundvierzig, ergoss sich aus dem geöffneten Himmel ein feuriges Licht in sie, und mit einem Mal verstand sie den Sinn der Psalmen und der Evangelien, wenn auch nicht ihre Grammatik. Im Kloster hatte sie einfaches Latein gelernt; die freien Künste, den vollen Lehrplan der Schulen, hatte ihr niemand beigebracht. Sie nannte sich eine ungelehrte Frau und verließ sich ihr Leben lang auf Sekretäre, die ihre Grammatik korrigierten, ihre Worte aber nicht antasteten. Predigt und Lehre waren in der Kirche ihrer Zeit geweihten Männern vorbehalten; ihr Recht zu schreiben beruhte auf dem Anspruch, dass ihr Wissen nicht von ihr selbst stammte.
Ihre Eltern, Hildebert und Mechtild aus dem niederen Adel des Rheinlands, hatten sie als Kind der Kirche übergeben. Spätere Berichte nennen diese Gabe einen Zehnten, und die Neue Deutsche Biographie macht Hildegard zum zehnten Kind der Familie; die Quellen nennen nur sieben ältere Geschwister. Man gab sie in die Obhut Juttas von Sponheim, einer Inklusin, die neben den Benediktinermönchen auf dem Disibodenberg eingeschlossen lebte. Die Vita, die nach Hildegards Tod entstand, lässt sie mit acht Jahren dorthin kommen, doch Juttas Einschließung ist auf 1112 datiert, als Hildegard vierzehn war, und über die Abfolge streitet die Forschung bis heute. Als Jutta 1136 starb, wählten die Frauen, die sich um sie gesammelt hatten, Hildegard zu ihrer magistra, ihrer Vorsteherin.
Selbst nach 1141 zögerte sie noch. Zweifel und die Angst vor dem Gerede der Leute, schreibt sie, hätten sie vom Schreiben abgehalten, bis Krankheit sie ans Bett fesselte. Auf einer Synode in Trier im Winter 1147/48 bekam Papst Eugen III. einen Teil von Scivias zu sehen und trug ihr auf, weiterzuschreiben. Von da an schrieb sie als eine, die Gehör gefunden hatte – an Päpste, an Kaiser Friedrich Barbarossa und an einen Mainzer Erzbischof, dem sie vorhielt, dass Kirchenämter für Geld vergeben würden. 1150 zog sie mit etwa zwanzig Nonnen in ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, gegen den Widerstand Kunos, des Abts vom Disibodenberg. Zwischen etwa 1160 und 1170 unternahm sie vier Predigtreisen, von Köln und Trier bis nach Bamberg und Schwaben, und sprach vor Klerus und Laien über die Verderbtheit der Geistlichen.
Was sie sah, fügte sich zu einem System. Sein Kern: Der Mensch ist mit Leib und Seele nach dem Muster des Kosmos gebaut. Darum wirkt, was er tut, auf die Ordnung der Welt, und diese Ordnung wirkt zurück auf seinen Körper. Das Buch vom Wirken Gottes, 1163 mit fünfundsechzig begonnen, stellt die menschliche Gestalt zwischen die Sphären, die Winde und die Elemente. Das Leben, das Pflanzen, Körper und Seelen durchströmt, nannte sie viriditas, Grünkraft. Dieselbe Entsprechung bestimmt ihre Bücher über die Kräfte der Pflanzen und Steine und über die Säfte des Körpers. Ihr Denken schreitet in gedeuteten Bildern voran, nicht wie an den Schulen in Frage und Einwand. Spät im Leben wandte sie sich offen gegen die Schulgelehrten: In der Explanatio Symboli Sancti Athanasii, um 1170 an ihre Nonnen gerichtet, tadelt sie die Magister, die die Schrift um der Ehre und des Geldes willen studieren.
Heinrich Schipperges, Medizinhistoriker und Verfasser ihres Artikels in der Neuen Deutschen Biographie, urteilte, ihr symbolisches Weltbild sei von der aristotelischen Philosophie beiseitegefegt worden, die nach ihr an den Schulen herrschte. Wiederentdeckt wurde sie in größerem Umfang erst im 20. Jahrhundert: Musiker nahmen ihre Gesänge auf, Historiker der Medizin und der Frauengeschichte lasen ihre Bücher, und die New-Age-Bewegung reklamierte sie für sich. Die Kirche hatte sie seit dem Mittelalter in örtlichen Kalendern als Heilige verehrt, ohne je eine Heiligsprechung abzuschließen. Am 10. Mai 2012 trug Papst Benedikt XVI. ihren Namen in das Verzeichnis der Heiligen ein, und am 7. Oktober 2012 erhob er sie zur Kirchenlehrerin.