Kann Moral ohne Religion bestehen?
Ist eine Moral unabhängig von der Religion möglich, wie es die Berliner Gesellschaft für ethische Kultur zeigen wollte? Tolstois Nein beruht darauf, was er unter Religion versteht.
Religion ist in diesem Essay weder geoffenbarte Wahrheit noch ein Haufen Aberglauben noch eine nützliche Fiktion, um die Massen in Ordnung zu halten. Sie ist das Verhältnis, das jeder Mensch zwischen sich und der unendlichen Welt oder ihrem Ursprung herstellt, und Moral ist die beständige Anleitung zum Leben, die aus diesem Verhältnis folgt. Fällt das Verhältnis weg, schrumpft die Moral zur Sitte einer Gruppe, und Sitten hat auch eine Räuberbande. Thomas Huxleys ethischer Prozess, dem Kampf ums Dasein entgegengesetzt, scheitert am selben Punkt: Er sagt nie, woher dieser Prozess kommt.
- Religion
- Moralität
- Ethik
- säkulare Ethik
- moralische Grundlegung
- Weltanschauung
- Sinn des Lebens
- Metaphysik
- Definition
- Evolution
- Überleben
- Wissenschaft
- soziale Ordnung
- religiöses Wissen
Ins Gespräch kommen
- Gibt es für einen Menschen, der kein Verhältnis zu irgendetwas Unendlichem spürt, einen Zugang zu der Moral, die Sie beschreiben?
- Der Biologe Huxley benannte einen ethischen Prozess, der den Kampf ums Dasein zügelt. Warum ist ein Verhältnis zum Unendlichen, das niemand beobachten kann, die bessere Quelle?
- Jemand ohne Kenntnis der Musik tritt als Dirigent auf und schwingt den Taktstock vor Musikern, die das Stück kennen. Warum ist das Ihr Bild einer Ethik ohne Religion?
- Sie loben Kant, weil er die Ethik von der Metaphysik trennte, und sagen doch, ein Sterblicher gebe sein Wohl nicht auf, nur weil Pflicht es gebietet. Was fehlt?
- Gebildete Menschen halten die Religion für ein überkommenes Organ, wie die nutzlose fünfte Zehe des Pferdes. Warum kann Ihnen zufolge kein Fortschritt des Wissens sie beseitigen?