WerkRosa Luxemburg

Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie

Lenins Plan einer zentralisierten Partei, 1904 besprochen mit der Frage, wer in einer Arbeiterbewegung eigentlich das Denken besorgen soll.

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1935 druckte eine kleine antiparlamentarische Gruppe in Glasgow einen dreißig Jahre alten deutschen Artikel nach, unter einem Titel, den seine Verfasserin ihm nie gegeben hatte: Leninism or Marxism? Der Name blieb haften. Was Rosa Luxemburg im Juli 1904 veröffentlicht hatte, war eine Buchbesprechung. Sie erschien in zwei Heften der Neuen Zeit, der theoretischen Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie, und auf Russisch im Parteiblatt Iskra. Die russischen Sozialdemokraten hatten sich im Jahr zuvor gespalten, und in Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück verteidigte Lenin seine Position in diesem Streit: eine straff organisierte Partei, deren Zentralkomitee die örtlichen Komitees bilden, ihre Mitglieder bestimmen und ihre Arbeit lenken konnte. Dass die zerstreuten russischen Zirkel eine einheitliche Partei brauchen, gibt Luxemburg zu. Ihr Einwand gilt der Frage, wer in dieser Partei denkt. Lenin hatte die Fabrik dafür gelobt, dass sie die Arbeiter Disziplin lehre; sie erwidert, der Gehorsam, den man unter einem Aufseher oder in der Kaserne lernt, sei eben die Gewohnheit, die eine sozialistische Bewegung zu brechen hat. Sie hält fest, dass kein Komitee die Taktik ersonnen hat, die die russische Bewegung voranbrachte. Der Massenstreik in Rostow am Don brach von selbst aus, mit Straßenversammlungen, die an Ort und Stelle improvisiert wurden, und die Führer folgten nach. Eine Zentrale mit den Befugnissen, die Lenin verlangt, tauge nur zur Überwachung; ihren Geist vergleicht Luxemburg mit dem eines Nachtwächters. Die Fehler einer wirklichen Arbeiterbewegung, so ihr Schluss, lehren mehr als die Unfehlbarkeit des besten Zentralkomitees. Lenin schrieb im September desselben Jahres eine Erwiderung und schickte sie an Karl Kautsky, den Redakteur der Neuen Zeit, der sie nicht drucken wollte; sie blieb bis 1930 unveröffentlicht.

Schlüsselbegriffe

Was meint Luxemburg mit Ultrazentralismus?

Ultrazentralismus nennt sie Lenins Organisationsplan. Er ruht auf zwei Regeln. Jede örtliche Körperschaft gehorcht einer Zentrale, die für alle denkt, entscheidet und handelt, und die organisierten Revolutionäre werden scharf von dem weiteren Kreis der Anhänger um sie herum getrennt. Praktisch konnte das Zentralkomitee Ortskomitees einsetzen, ihre Mitglieder bestimmen, ihnen ein Statut geben und sie auflösen. Luxemburg bejaht die einheitliche Partei und lehnt diese Art ab, sie zu einen.

Was ist der Selbstzentralismus, den Luxemburg Lenins Plan entgegenstellt?

Selbstzentralismus ist die Herrschaft der Mehrheit der tätigen, politisch geschulten Arbeiter einer Partei über deren einzelne Gruppen und Personen. Die Zentrale fasst den Willen der Mitglieder zusammen und hat keinen eigenen neben ihm. Luxemburg nennt zwei Bedingungen: eine breite Schicht von Arbeitern, die im politischen Kampf schon geschult ist, und die Möglichkeit, ihren Einfluss öffentlich geltend zu machen, auf Parteitagen und in der Parteipresse. Im Russland von 1904, fügt sie hinzu, entstand beides gerade erst.

Was ist Blanquismus, und warum spricht Luxemburg davon?

Blanquismus ist die Vorstellung, eine kleine, straff disziplinierte Verschwörung ergreife die Macht für das Volk, das davon erst nachträglich erfährt. Eine solche Gruppe braucht kein tägliches Leben unter den Massen: Ihr Plan steht im Voraus fest, die Mitglieder führen ihn nur aus, und blinder Gehorsam passt dazu. Luxemburg hält Lenin vor, er habe dieses Organisationsmuster auf eine Massenbewegung übertragen, deren Taktik im Kampf entsteht und sich nicht vorab festlegen lässt.

Welche Rolle spielt die Spontaneität in diesem Aufsatz?

Spontaneität heißt, dass Arbeiter handeln, bevor eine Organisation es beschlossen hat. Luxemburg sieht darin die Quelle jeder neuen Kampfform. Ihre Formel lautet, das Unbewusste gehe vor dem Bewussten: Unter dem Druck der Ereignisse tun Menschen etwas Neues, und erst danach wird es begriffen und als Taktik aufgenommen. Ihre Fälle sind russisch, etwa der Streik der Petersburger Textilarbeiter von 1896, den keine sozialistische Gruppe geplant hatte.

Wie erklärt Luxemburg hier den Opportunismus?

Opportunismus, die Bereitschaft, sozialistische Grundsätze gegen schnelle Vorteile zu tauschen, entsteht für Luxemburg aus den Verhältnissen und nicht aus schlechten Statuten. Er kommt mit dem Zustrom von außerhalb der Arbeiterklasse, vor allem von Akademikern, und nährt sich von der parlamentarischen Arbeit innerhalb der bestehenden Ordnung. Eine feste Ansicht über Organisation hat er nicht. In Deutschland wünschten seine Wortführer lockere Formen, doch in einer jungen Bewegung, warnt sie, nützt ihnen strenger Zentralismus mehr, weil dann wenige Gebildete den Rest befehligen.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Wer in einer Arbeiterpartei das Denken übernimmt

Dass verstreute Zirkel eine einheitliche Partei brauchen, gibt Luxemburg Lenin zu. Ihre Frage ist, wozu die Zentrale da ist: um den Willen der Mitglieder zusammenzufassen oder um ihn zu ersetzen?

In Lenins Plan bildet das Zentralkomitee die Ortskomitees, bestimmt ihre Mitglieder und kann sie auflösen, sodass jede andere Körperschaft sein Werkzeug wird. Luxemburg führt das auf Verschwörungen jakobinisch-blanquistischer Art zurück, in denen wenige planen und die übrigen ausführen. Eine Arbeiterpartei ist etwas anderes: die eigene Bewegung der Klasse, und ihr Zentralismus kann nur die Herrschaft der Mehrheit ihrer tätigen Mitglieder über sich selbst sein. Lenin hatte die Fabrik als Schule der Disziplin gerühmt. Sie erwidert, ein Taktstock, der vom Unternehmer auf ein Komitee übergeht, dirigiere weiterhin Menschen, denen das Denken abgewöhnt wurde.

  • Zentralisierung
  • demokratischer Zentralismus
  • Parteidisziplin
  • politische Organisation
  • Parteiorganisation
  • Bürokratie
  • Verschwörung
  • politische Theorie

Eine Bewegung, die aus eigenen Fehlern lernt

Woher kommt die Taktik einer Bewegung, und wer bewahrt sie vor Irrwegen? Luxemburg meint, Arbeiter fänden ihren Weg im Handeln, und ein Vormund, der ihnen jeden Fehler erspart, erspare ihnen auch die Lehre.

Jeder Wendepunkt der russischen Bewegung kam, wie Luxemburg festhält, ungeplant: der Petersburger Streik von 1896, die Studentenunruhen von 1901, der Massenstreik in Rostow am Don. Am Anfang stand die Tat, die Leitung folgte. Führung ist für sie ihrem Wesen nach konservativ und macht aus jedem Gewinn ein Bollwerk gegen den nächsten. Lenin wollte den Opportunismus, das Verwässern der Grundsätze, durch das Statut fernhalten. Sie entgegnet, diese Neigung wachse aus den Bedingungen des Kampfes und lasse sich auf dem Papier nicht aussperren, und eine starre Zentrale liefere eine junge Bewegung einer Handvoll Akademiker aus. Arbeiter müssen ihre eigenen Fehler machen dürfen.

  • Massenbewegungen
  • Spontaneität
  • Arbeiterautonomie
  • Politische Bildung
  • Politische Handlungsfähigkeit
  • Opportunismus
  • Intellektuelle
  • politische Taktik
  • politische Praxis

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Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Zentralisierung“ und „politische Organisation“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 7 Konzepte, verbunden durch 17 Paarungen. 40 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Zentralisierungpolitische Organisation8
Massenbewegungenpolitische Organisation6
Opportunismuspolitische Organisation6
demokratischer Zentralismuspolitische Organisation5
MassenbewegungenZentralisierung5
Klassenkampfpolitische Organisation4
OpportunismusSozialdemokratie3
Klassenkampfdemokratischer Zentralismus2
KlassenkampfMassenbewegungen2
KlassenkampfSozialdemokratie1
KlassenkampfZentralisierung1
MassenbewegungenOpportunismus1
Opportunismusdemokratischer Zentralismus1
OpportunismusZentralisierung1
Sozialdemokratiepolitische Organisation1
SozialdemokratieZentralisierung1
Zentralisierungdemokratischer Zentralismus1

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