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Sozialreform oder Revolution?

Die Streitschrift, die Eduard Bernstein Punkt für Punkt antwortete: Sozialreform und Revolution sind nicht zwei Wege zum selben Ziel.

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Überblick

Eduard Bernstein, ein altgedienter Sozialdemokrat im Londoner Exil, vertrat seit 1896 die Ansicht, Marx' Voraussage gehe nicht auf. In der Neuen Zeit, der theoretischen Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie, schrieb er, der Kapitalismus treibe nicht auf den Zusammenbruch zu: Kredit, Kartelle und schnellere Verkehrsverbindungen glätteten seine Krisen, Gewerkschaften und Parlament erkämpften den Arbeitern einen wachsenden Anteil. Die Partei solle aufhören, von einem Endziel zu reden, und sich als das bezeichnen, was sie geworden sei: eine Reformpartei. Rosa Luxemburg war im Mai 1898 nach Berlin gezogen. Im September, siebenundzwanzig Jahre alt, begann sie ihre Antwort in der Leipziger Volkszeitung, einer sozialdemokratischen Tageszeitung; eine zweite Artikelreihe folgte im April 1899, nachdem Bernstein seine Sache in einem Buch dargelegt hatte. Die Broschüre fasst beide Reihen zusammen; 1899 enthielt sie außerdem ihre Polemik gegen Max Schippel, einen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, der das stehende Heer gegen die Forderung der Partei nach einer Miliz verteidigt hatte. Sozialreform und Revolution, antwortet sie, sind nicht zwei Wege, die an denselben Ort führen. Kredit und Kartelle verschärfen die Krisen, statt sie zu glätten. Gewerkschaften können die Löhne in den Grenzen verteidigen, die der Markt setzt, das Lohnsystem abschaffen können sie nicht; Luxemburg nennt die Gewerkschaftsarbeit eine Sisyphusarbeit, notwendig und nie zu Ende. Eine Partei, die das Ziel aufgibt, die politische Macht zu erobern, gelangt nicht langsamer zum Sozialismus; sie hat ein anderes Ziel gewählt, einen ausgebesserten Kapitalismus. Die Parteitage von Hannover 1899 und Dresden 1903 verurteilten Bernsteins Revision der Marxschen Lehre. Ausgeschlossen wurde er nicht, und 1902 zog er als Sozialdemokrat in den Reichstag ein.

Schlüsselbegriffe

Was meint Luxemburg mit dem Endziel?

Das Endziel ist die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse und damit die Ablösung des Kapitalismus durch eine sozialistische Ordnung. In dieser Schrift ist es das, was die tägliche Arbeit der Partei überhaupt erst sozialistisch macht, denn Gewerkschaften, Sozialgesetze und demokratische Rechte befürworten auch Liberale und Professoren. Bernstein hatte erklärt, das Ziel sei ihm nichts und die Bewegung alles. Luxemburg erwidert, ohne das Ziel werde aus der Bewegung eine andere, die den Kapitalismus ausbessert.

Was ist die Anpassungstheorie, die Luxemburg angreift?

Gemeint ist Bernsteins Behauptung, der Kapitalismus habe Mittel entwickelt, sich anzupassen, und werde deshalb nicht zusammenbrechen. Er nennt den Kredit, die Kartelle, die schnelleren Verkehrsmittel und die Hebung der Arbeiterklasse. Sie sollen die Widersprüche des Systems abstumpfen und allgemeine Krisen der Vergangenheit überlassen. Luxemburg prüft eines nach dem anderen und kommt zum Gegenteil. Kredit und Kartelle verschärfen den Zusammenstoß zwischen dem, was die Industrie herstellen kann, und dem, was der Markt abnimmt.

Was heißt Opportunismus in Sozialreform oder Revolution?

Opportunismus nennt Luxemburg die Strömung ihrer Partei, die Grundsätze gegen das eintauscht, was sich sofort erreichen lässt. Ihre Beispiele sind praktisch: die bayerischen Sozialdemokraten, die dem Staatshaushalt zustimmen, das Angebot, Militärausgaben gegen politische Zugeständnisse zu bewilligen, Schippels Verteidigung des stehenden Heeres. Jahrelang hat diese Strömung die Theorie einfach übergangen. Bernsteins Buch ist für Luxemburg deshalb wichtig, weil es der erste Versuch ist, dieser Praxis eine eigene Theorie zu geben.

Wie verhalten sich Gesetzgebung und Revolution bei Luxemburg zueinander?

Sie sind zwei Abschnitte derselben Geschichte und lassen sich nicht gegeneinander austauschen. Luxemburg schreibt, man könne sie nicht am Büfett der Geschichte wählen wie heiße oder kalte Würstchen. Die Revolution ist der schöpferische Akt, in dem eine neue Klasse die Macht nimmt und einen neuen Rahmen setzt. Die Gesetzgebung arbeitet danach innerhalb dieses Rahmens und führt seine Ergebnisse im Einzelnen aus. Jede geltende Verfassung ist demnach das Produkt einer Revolution.

Was ist das kapitalistische Lohngesetz in dieser Schrift?

Gemeint ist die Regel, dass der Lohn ein Preis ist, den wie andere Preise Angebot und Nachfrage bestimmen, hier auf dem Arbeitsmarkt. Eine Gewerkschaft verhilft den Arbeitern zu dem vollen Satz, den die Marktlage gerade hergibt, und darin liegt ihr Nutzen. Was den Satz festlegt, kann sie nicht ändern: wie viele Menschen Arbeit suchen, wie produktiv die Arbeit geworden ist, wie stark die Industrie wächst. Daher Luxemburgs Bild vom Sisyphus.

Was ist eine Miliz, und warum forderte die Partei sie?

Eine Miliz ist ein Heer des ganzen Volkes: Jeder Bürger wird an der Waffe ausgebildet und bewaffnet, an die Stelle einer ständigen Truppe in Kasernen unter Berufsoffizieren. Die deutsche Sozialdemokratie verlangte sie seit Langem in ihrem Programm. Im Anhang verteidigt Luxemburg die Forderung gegen Max Schippel. Ein stehendes Heer dient nach ihrer Darstellung der Regierung auch gegen die eigene Bevölkerung, nicht nur gegen äußere Feinde, und Soldaten werden eingesetzt, um Streiks zu brechen.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Warum Reform und Revolution nicht zwei Wege sind

Kommt eine Partei zum Sozialismus, indem sie Reform an Reform reiht, nur eben langsamer? Luxemburg antwortet: Wer sich mit der Reform begnügt, wählt keinen ruhigeren Weg, sondern ein anderes Ziel.

Bernstein hatte geschrieben, das Endziel sei ihm nichts, die Bewegung alles. Luxemburg hält dagegen, dass der tägliche Kampf nur durch seine Bindung an dieses Ziel sozialistisch ist, an die Eroberung der politischen Macht. Gesetze sind für sie das Ergebnis früherer Revolutionen und bewegen sich in dem Rahmen, den diese gesetzt haben. Kein Gesetz zwingt zur Lohnarbeit, sondern die Not, also kann auch kein Gesetz sie abschaffen. Reformen und Demokratie machen die Wand zwischen beiden Gesellschaften fester, und nur der Hammerschlag der Revolution reißt sie nieder. Auf die Sorge, die Arbeiter könnten zu früh an die Macht kommen, erwidert sie, anders als zu früh gehe es gar nicht.

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Ob der Kapitalismus seine Krisen selbst heilen kann

Bernstein sah Kredit, Kartelle und Gewerkschaften den Markt Jahr für Jahr zähmen. Was aber, wenn jedes dieser Mittel den Widerspruch verschärft, den es glätten sollte?

Der Kredit, so Luxemburg, dehnt die Produktion über das hinaus, was der Markt aufnehmen kann, und schrumpft beim ersten Anzeichen der Stockung. Er hilft also, Krisen herbeizuführen, und vertieft sie dann. Kartelle sichern den Profit einer Branche auf Kosten der anderen und machen aus der Konkurrenz der Betriebe Zollkriege der Staaten. Eine Gewerkschaft kann den Lohn durchsetzen, den die Marktlage gerade zulässt. Das Gesetz, das ihn bestimmt, liegt außerhalb ihrer Reichweite, darum nennt Luxemburg ihre Arbeit eine Sisyphusarbeit. Arbeiter einer Produktivgenossenschaft müssen sich selbst gegenüber den Unternehmer spielen. Nichts davon passt den Kapitalismus an. Jedes Mittel zeigt, wie die Produktion über das Privateigentum hinauswächst.

  • Kapitalismus
  • Wirtschaftskrise
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  • Gewerkschaften
  • Löhne
  • Wettbewerb
  • Protektionismus
  • Politische Ökonomie
  • Arbeiterbewegung

Das stehende Heer – und für wen es unentbehrlich ist

Ein Abgeordneter ihrer eigenen Partei nannte das stehende Heer technisch notwendig und wirtschaftlich eine Entlastung. Luxemburg fragt zurück: notwendig für wen, und eine Entlastung für wen?

Max Schippel hatte das Heer gegen die alte Parteiforderung nach der Miliz verteidigt, der Bewaffnung des ganzen Volkes. Im Anhang gibt Luxemburg ihm in jedem Punkt recht und wechselt nur den Besitzer des Arguments. Unentbehrlich ist das stehende Heer in der Tat, nämlich für die heutigen Regierungen und herrschenden Klassen. Eine Entlastung sind die Rüstungsausgaben ebenfalls, und zwar für das Kapital, dem sie eine der gewinnreichsten Anlagen bieten. Der Arbeiter zahlt Steuern, um seinen Konkurrenten als Soldaten zu erhalten, und der Staat setzt diesen Soldaten gegen Streiks ein. Wer als Sozialist das Heer mit den Augen der Regierung ansieht, hat nach Luxemburg auch sonst deren Standpunkt bezogen.

  • Militarismus
  • Staat
  • Opportunismus
  • Klassenkampf

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Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Kapitalismus“ und „Wirtschaftskrise“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 22 Paarungen. 85 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
KapitalismusWirtschaftskrise18
KapitalismusSozialismus12
KlassenkampfRevolution8
KlassenkampfSozialismus8
DemokratieSozialismus7
KapitalismusMilitarismus7
MilitarismusOpportunismus7
DemokratieKapitalismus6
RevolutionSozialismus5
DemokratieRevolution3
KlassenkampfOpportunismus3
MilitarismusWirtschaftskrise3
OpportunismusRevolution3
OpportunismusSozialismus3
KapitalismusKlassenkampf2
KapitalismusRevolution2
KlassenkampfMilitarismus2
DemokratieMilitarismus1
MilitarismusRevolution1
MilitarismusSozialismus1
OpportunismusWirtschaftskrise1
RevolutionWirtschaftskrise1

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  1. 1899 Sozialreform oder Revolution? du bist hier DE
  2. 1904 Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie

    Gegen Lenins Parteiplan legt sie hier ausführlich dar, wie eine Partei organisiert sein sollte. Vierzehn Jahre später nahm das Gefängnismanuskript über die russische Revolution das Argument wieder auf.

    DE
  3. 1905 Kirche und Sozialismus (Kościół a socjalizm)

    Die polnische Seite ihrer Arbeit: eine Broschüre für die Partei, die sie in Russisch-Polen mit leitete, geschrieben in dem Revolutionsjahr, das sie anschließend in Massenstreik, Partei und Gewerkschaften analysierte.

    DE
  4. 1906 Massenstreik, Partei und Gewerkschaften

    Dass sich Massenaktionen nicht von Führern ansetzen lassen, führt sie nirgends ausführlicher aus als hier. Der Streit mit den Gewerkschaften, den die Schrift eröffnete, kehrte 1910 als ihr Bruch mit Karl Kautsky wieder, dem führenden Theoretiker der Partei.

    DE
  5. 1913 Die Akkumulation des Kapitals

    Zwischen Broschüren und Artikeln ist dies die eine große Abhandlung, die sie vollendet hat. Das Buch liefert die ökonomische Grundlage für ihre Deutung des Krieges drei Jahre später in der Junius-Broschüre.

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  6. 1916 Die Krise der Sozialdemokratie

    Drei Jahre nach der Akkumulation des Kapitals wendet sie deren Imperialismusdeutung auf einen wirklichen Krieg an und auf die Partei, die für ihn gestimmt hatte.

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  7. 1919 Aufsätze und Artikel

    Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge von 1893 bis 1919, die fortlaufende Chronik neben den Büchern. Darunter sind die Polemiken von 1910 gegen Karl Kautsky und ihre letzten Artikel für Die Rote Fahne.

    DE
  8. 1919 Reden

    Was sie laut sagte, zu den Fragen, die ihre Artikel und Broschüren im Druck verhandeln, von ihren ersten Monaten in Deutschland 1898 bis zu den letzten Wochen ihres Lebens.

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  9. 1922 Die russische Revolution

    Unvollendet ließ sie das Manuskript 1918 im Breslauer Gefängnis zurück; Paul Levi druckte es vier Jahre später. Es nimmt den Einwand wieder auf, den sie 1904 gegen Lenin erhoben hatte, jetzt, da seine Partei einen Staat in Händen hielt.

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  10. 1925 Einführung in die Nationalökonomie

    Ihre Ökonomie, wie sie sie lehrte: schlichter als Die Akkumulation des Kapitals, die aus diesem Buch hervorging. Hier breitet sie aus, was sie über Gesellschaften mit Gemeineigentum vor dem Kapitalismus gelesen hatte.

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