WerkRosa Luxemburg

Massenstreik, Partei und Gewerkschaften

Was die russischen Streiks von 1905 gezeigt hatten: in Finnland geschrieben, wenige Wochen nach der Haft in Warschau, für eine deutsche Partei vor einer Abstimmung.

von Rosa Luxemburg171 Passagen vorhanden

  • Deutsch, die Originalsprache, und deine Sprache
Erstveröffentlichung
(mit 35 Jahren)
Originalsprache
Deutsch

Rechtsverletzung melden

Überblick

Die Hamburger Sozialdemokraten hatten Rosa Luxemburg um eine Broschüre gebeten, rechtzeitig zum Parteitag in Mannheim im September 1906, auf dem es um die Frage ging, ob deutsche Arbeiter je zum politischen Massenstreik greifen dürften. Sie schrieb sie im August im finnischen Dorf Kuokkala, wenige Wochen nachdem sie gegen Kaution aus einem Warschauer Gefängnis freigekommen war. Nach Warschau war sie im Dezember 1905 gegangen, um an der russischen Revolution teilzunehmen, und dort war sie im März verhaftet worden. Die Gewerkschaften hatten ihre Antwort schon gegeben: Ihr Kongress in Köln im Mai 1905 verwarf den Gedanken, und im Februar 1906 versprach der Parteivorstand den Gewerkschaftsführern in einer vertraulichen Besprechung, einen solchen Streik nicht ohne ihre Zustimmung zu propagieren. Beide Seiten, so Luxemburg, stellen sich den Massenstreik als Werkzeug vor, das Führer hervorholen oder wegstecken. Russland hat etwas anderes gezeigt. Sie verfolgt die Streiks von den Petersburger Textilarbeitern 1896 über Baku im Dezember 1904 bis zu den Januartagen 1905 und stellt fest, dass ökonomische und politische Streiks immer wieder ineinander umschlugen, dass niemand sie im Voraus geplant hatte und dass unorganisierte Arbeiter zuerst streikten und ihre Gewerkschaften danach aufbauten. Die Organisation wächst demnach aus dem Kampf hervor; sie muss nicht fertig sein, bevor er beginnen kann. Der Massenstreik ist die Form, die eine revolutionäre Periode annimmt, und eine Partei kann ihn weder anordnen noch verbieten: Ihre Aufgabe ist es, die politische Richtung zu geben, wenn die Bewegung kommt. Die Gewerkschaftsführer wiesen die Broschüre als zu radikal zurück. Der Mannheimer Parteitag beschloss, dass die Partei keinen Massenstreik ohne sie ausrufen werde.

Schlüsselbegriffe

Was versteht Luxemburg unter einem politischen Massenstreik?

Sie bezeichnet damit eine ganze, jahrelange Periode des Klassenkampfes, in der Streiks aller Art aufeinander folgen und einander nähren. Das Bild einer einzelnen, geplanten Arbeitsniederlegung für eine politische Forderung lehnt sie ab. Es passt nur auf den kurzen Demonstrationsstreik, eine untergeordnete Spielart. In Russland liefen Generalstreiks ganzer Städte, Lohnkämpfe einzelner Fabriken, Straßenschlachten und ruhige Ausstände nebeneinander, und sie rechnet sie alle zu einer einzigen Bewegung.

Was war die anarchistische Vorstellung vom Generalstreik?

Es war der Glaube, alle Arbeiter würden eines Tages gemeinsam die Arbeit niederlegen und dieser Stillstand werde die alte Gesellschaft auf einen Schlag stürzen, ohne politischen Kampf. Engels hatte 1873 mit einem Dilemma geantwortet, das Luxemburg zitiert. Entweder sind die Arbeiter zu schwach organisiert, um einen solchen Streik durchzuführen, oder sie sind stark genug und brauchen den Umweg nicht. Nach ihrer Ansicht hat das Jahr 1905 die Vorstellung wie die Antwort überholt.

Was meint Luxemburg mit dem Element des Spontanen?

Das Element des Spontanen ist alles an einer Massenbewegung, was keine Leitung beschlossen hat: wann ein Streik ausbricht, wie weit er sich ausbreitet, wann er abflaut. Luxemburg findet es in jedem russischen Massenstreik, einmal als treibende, einmal als hemmende Kraft. Ihr Grund: In jedem Ereignis treffen zu viele wirtschaftliche, politische und seelische Ursachen zusammen, als dass jemand es wie ein Rechenexempel bestimmen könnte. Leiten heißt demnach, enge Fühlung mit der Stimmung der Masse zu halten.

Was unterscheidet latentes von aktivem Klassenbewusstsein?

Latentes Klassenbewusstsein ist ein Wissen, das Arbeiter haben, ohne gemeinsam danach zu handeln. Aktives zeigt sich in dem, was die Masse tut. Luxemburg vergleicht mit dem Begriffspaar Deutschland und Russland. Der aufgeklärte deutsche Arbeiter hat seine Sicht der Gesellschaft von der Partei gelernt, und in ruhigen parlamentarischen Zeiten äußert sie sich nur in Wahlkämpfen und vereinzelten Lohnkämpfen. In der Revolution tritt die Masse selbst auf den politischen Schauplatz, und aus Theorie wird Praxis.

Wo sieht Luxemburg den Gegensatz zwischen Partei und Gewerkschaften?

Sie sieht ihn zwischen der Partei und einer Schicht von Gewerkschaftsbeamten und bestreitet einen Gegensatz zwischen Parteimitgliedern und Gewerkschaftsmitgliedern, denn es sind großenteils dieselben Arbeiter. Fünfzehn Jahre Wachstum in ruhiger Zeit haben nach ihrer Darstellung einen Stand hauptamtlicher Gewerkschaftsleiter hervorgebracht. Deren spezialisierte Tätigkeit und enger Gesichtskreis führten zu dem, was sie Bürokratismus nennt: Die Organisation, einst ein Mittel, wurde zum Selbstzweck, den man vor den Gefahren jedes Kampfes schützen will.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Ein Massenstreik lässt sich weder befehlen noch verbieten

Gewerkschaften und Parteiführung stritten in Deutschland, ob man den politischen Massenstreik zulassen solle. Luxemburg meint, beide Seiten verhandelten über etwas, das kein Vorstand zu vergeben hat.

Befürworter wie Gegner stellen sich den Massenstreik nach Luxemburg als Taschenmesser vor, das man zusammengeklappt bei sich trägt und per Beschluss aufklappt. Die russischen Ereignisse von 1905 zeigten etwas anderes. Lohnstreiks schlugen in politische Kundgebungen um und fielen in Lohnkämpfe zurück, niemand hatte sie geplant, und jede Niederlage bereitete die nächste Welle vor. Sie nennt den Massenstreik den lebendigen Pulsschlag der Revolution, den Sammelbegriff einer ganzen Kampfperiode und keine einzelne Handlung. Der Generalstreik der Anarchisten, der die Gesellschaft mit einem Schlag stürzen sollte, wurde im Vaterland Bakunins begraben. Herbeirufen kann eine Partei eine solche Bewegung nicht. Ihre Aufgabe ist, ihr politische Richtung zu geben, wenn sie begonnen hat.

  • Massenstreiks
  • Revolution
  • Spontaneität
  • Generalstreik
  • Anarchismus
  • Politische Führung
  • revolutionäre Strategie
  • wirtschaftlicher Kampf
  • politischer Kampf
  • Kollektives Handeln
  • Arbeitskämpfe

Die Organisation wächst aus dem Kampf

Müssen Arbeiter organisiert sein, bevor sie kämpfen können, oder organisieren sie sich, weil sie kämpfen? An Luxemburgs Antwort hängt, wie viel die unorganisierte Mehrheit zählt.

Deutsche Gewerkschaftsführer meinten, ein großer Streik brauche zuerst starke Organisationen und volle Kassen, und fürchteten, ein revolutionärer Wirbel werde sie zerschlagen wie kostbares Porzellan. Russland zeigte nach Luxemburg die umgekehrte Reihenfolge: Unorganisierte streikten, und aus den Streiks stiegen Gewerkschaften empor wie die Venus aus dem Meerschaum. Ein Jahrhundert ruhiger Gewerkschaftsarbeit hatte in England nur eine bessergestellte Minderheit organisiert. Die übrigen, darunter Eisenbahner, Postangestellte und Landarbeiter, erreicht man in Zeiten des offenen Kampfes. Die Gleichberechtigung der Gewerkschaften neben der Partei lehnt sie deshalb ab. Sie sind ein Teil einer einzigen Bewegung, und der Streit gilt einer Schicht von Beamten, nicht den Mitgliedern.

  • Gewerkschaften
  • Arbeitergewerkschaften
  • Arbeitsorganisation
  • Klassenbewusstsein
  • Sozialdemokratie
  • Arbeiterklasse
  • politische Organisation
  • Arbeiterbewegung
  • Politische Bildung

In diesem Werk

Passagen vorhanden
171
eigenständige Begriffe
162
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 387

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Massenstreiks“ und „Revolution“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 28 Paarungen. 76 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
MassenstreiksRevolution29
KlassenkampfMassenstreiks19
GewerkschaftenMassenstreiks12
GewerkschaftenSozialdemokratie12
GewerkschaftenKlassenkampf10
ArbeiterbewegungGewerkschaften9
KlassenbewusstseinRevolution9
ArbeiterbewegungMassenstreiks8
GewerkschaftenKlassenbewusstsein8
ArbeiterklasseMassenstreiks7
ArbeiterbewegungRevolution6
ArbeiterbewegungSozialdemokratie6
ArbeiterklasseRevolution6
GewerkschaftenRevolution6
KlassenbewusstseinSozialdemokratie6
KlassenkampfRevolution6
KlassenkampfSozialdemokratie6
ArbeiterklasseGewerkschaften5
ArbeiterklasseKlassenbewusstsein5
MassenstreiksSozialdemokratie5
ArbeiterbewegungKlassenbewusstsein4
ArbeiterbewegungKlassenkampf4
RevolutionSozialdemokratie4
ArbeiterklasseKlassenkampf2
ArbeiterklasseSozialdemokratie2
KlassenbewusstseinKlassenkampf2
ArbeiterbewegungArbeiterklasse1
KlassenbewusstseinMassenstreiks1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1899 Sozialreform oder Revolution?

    Die hier versammelten Zeitungsartikel schrieb sie binnen eines Jahres nach ihrer Ankunft in Berlin. Was sie darin über die Grenzen der Reform darlegt, ist der Boden, von dem aus sie in allem Späteren argumentiert.

    DE
  2. 1904 Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie

    Gegen Lenins Parteiplan legt sie hier ausführlich dar, wie eine Partei organisiert sein sollte. Vierzehn Jahre später nahm das Gefängnismanuskript über die russische Revolution das Argument wieder auf.

    DE
  3. 1905 Kirche und Sozialismus (Kościół a socjalizm)

    Die polnische Seite ihrer Arbeit: eine Broschüre für die Partei, die sie in Russisch-Polen mit leitete, geschrieben in dem Revolutionsjahr, das sie anschließend in Massenstreik, Partei und Gewerkschaften analysierte.

    DE
  4. 1906 Massenstreik, Partei und Gewerkschaften du bist hier DE
  5. 1913 Die Akkumulation des Kapitals

    Zwischen Broschüren und Artikeln ist dies die eine große Abhandlung, die sie vollendet hat. Das Buch liefert die ökonomische Grundlage für ihre Deutung des Krieges drei Jahre später in der Junius-Broschüre.

    DE
  6. 1916 Die Krise der Sozialdemokratie

    Drei Jahre nach der Akkumulation des Kapitals wendet sie deren Imperialismusdeutung auf einen wirklichen Krieg an und auf die Partei, die für ihn gestimmt hatte.

    DE
  7. 1919 Aufsätze und Artikel

    Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge von 1893 bis 1919, die fortlaufende Chronik neben den Büchern. Darunter sind die Polemiken von 1910 gegen Karl Kautsky und ihre letzten Artikel für Die Rote Fahne.

    DE
  8. 1919 Reden

    Was sie laut sagte, zu den Fragen, die ihre Artikel und Broschüren im Druck verhandeln, von ihren ersten Monaten in Deutschland 1898 bis zu den letzten Wochen ihres Lebens.

    DE
  9. 1922 Die russische Revolution

    Unvollendet ließ sie das Manuskript 1918 im Breslauer Gefängnis zurück; Paul Levi druckte es vier Jahre später. Es nimmt den Einwand wieder auf, den sie 1904 gegen Lenin erhoben hatte, jetzt, da seine Partei einen Staat in Händen hielt.

    DE
  10. 1925 Einführung in die Nationalökonomie

    Ihre Ökonomie, wie sie sie lehrte: schlichter als Die Akkumulation des Kapitals, die aus diesem Buch hervorging. Hier breitet sie aus, was sie über Gesellschaften mit Gemeineigentum vor dem Kapitalismus gelesen hatte.

    DE
Anmelden oder abonnieren, um dieses Werk zu besprechen

— oder öffne ein anderes Werk aus dieser Feder