WerkĀdi Śaṅkara

Das Kleinod der Unterscheidung

Ein Schüler fleht seinen Lehrer um Rettung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt an: Verse, die die Tradition Śaṅkara zuschreibt, obwohl die meisten heutigen Forscher seine Verfasserschaft bezweifeln.

von Ādi Śaṅkara136 Passagen vorhanden

  • Sanskrit, die Originalsprache
Originaltitel
Vivekacūḍāmaṇi
Originalsprache
Sanskrit

Rechtsverletzung melden

Überblick

Die Tradition schreibt diese 580 Sanskritverse Śaṅkara zu, und die meisten modernen Forscher bezweifeln, dass er sie verfasst hat. Es ist ein eigenständiges Gedicht, kein Kommentar, und sein Titel bedeutet „das Kronjuwel der Unterscheidung“: die Fähigkeit, das Wirkliche, das sich nicht ändert, vom Unwirklichen zu unterscheiden, das sich ändert. Ein Schüler kommt zu einem Lehrer, versengt, wie er sagt, vom Waldbrand der weltlichen Existenz, und bittet um Rettung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod. Der Lehrer antwortet, Riten und gute Werke könnten den Geist läutern, aber niemanden befreien; das vermöge allein die Erforschung des Selbst unter Anleitung eines Lehrers. Dann trägt er Schicht um Schicht ab, was das Selbst nicht ist – den Körper aus Nahrung, den Lebensatem, den Geist, den Intellekt und die Wonne, die fünf Hüllen, die es zu bedecken scheinen –, bis das Selbst übrig bleibt, das Brahman ist, die höchste Wirklichkeit. Die Zweifel sind konkret. Michael Comans, ein Advaita-Forscher, weist darauf hin, dass sich der poetische Stil des Gedichts von dem der anerkannten Werke Śaṅkaras unterscheidet, dass ihm die umfangreichen Kommentare fehlen, die jene Werke nach sich zogen, und dass es dem nirvikalpa samādhi, einer meditativen Versenkung ohne Gedanken, eine zentrale Stellung gibt, während Śaṅkaras anerkannte Werke ihn nur am Rande behandeln. Paul Hacker, ein deutscher Indologe, hielt es für wahrscheinlich echt, und John Grimes, der es 2004 übersetzte, hält die Frage nach Śaṅkaras Verfasserschaft für offen. Erstmals gedruckt wurde es 1910 in Srirangam. Auf Englisch liest man es in Swami Mādhavānandas Übersetzung von 1921, auf Tamil in einer Übertragung Ramana Maharshis, des Lehrers von Tiruvannamalai im 20. Jahrhundert; es gehört zu den beliebtesten Lehrhandbüchern des Advaita.

Schlüsselbegriffe

Was ist viveka, Unterscheidung?

Viveka ist die Fähigkeit, das Wirkliche, das sich nie wandelt, vom Unwirklichen zu unterscheiden, das sich wandelt. Der Titel der Dichtung nennt sie das Kronjuwel, das schönste ihrer Juwelen. In der Übung heißt das, Leib, Atem, Geist und Gefühle zu prüfen und zu sehen, dass jedes kommt und geht, also keines das Selbst sein kann, das sich ihrer aller bewusst ist.

Was muss ein Schüler mitbringen, damit die Lehre wirken kann?

Die Dichtung nennt vier Voraussetzungen. Erstens die Unterscheidung zwischen Bleibendem und Vergänglichem. Zweitens Leidenschaftslosigkeit gegenüber dem Lohn in dieser und der nächsten Welt. Drittens sechs Tugenden, darunter Ruhe, Selbstbeherrschung, Geduld und Glaube. Viertens eine brennende Sehnsucht nach Befreiung. Ohne sie, sagt der Lehrer, findet die Lehre keinen Halt.

Was ist nirvikalpa samādhi?

Es ist eine meditative Versenkung, in der der Geist überhaupt keinen Gedanken, kein Bild und keine Vorstellung festhält, während das Gewahrsein selbst bleibt. Die Dichtung sieht in ihr den Weg, auf dem das Wissen vom Selbst fest wird, sodass alte Gewohnheiten des Geistes es nicht mehr zurückziehen. Die Forschung bemerkt, dass Śaṅkaras anerkannte Werke solcher Versenkung weit weniger Gewicht geben.

Was heißt es, schon im Leben befreit zu sein?

Ein im Leben Befreiter, ein jīvanmukta, hat das Selbst erkannt und hat doch noch einen Leib. Ihn bewegen Lob und Tadel, Lust und Schmerz nicht mehr, und er handelt ohne das Gefühl, der Täter zu sein. Die Dichtung widmet dieser Gestalt viele Verse, dem lebendigen Beweis, dass Befreiung kein Lohn nach dem Tod ist.

Was ist prārabdha, das schon angelaufene Karma?

Prārabdha ist der Teil früherer Taten, der in diesem Leben schon Frucht zu tragen begonnen hat, angefangen mit dem Leib selbst. Wissen vom Selbst verbrennt die gespeicherten Taten, kann diese aber nicht aufhalten. Das Bild der Dichtung ist ein Pfeil, abgeschossen auf etwas, das wie ein Tiger aussah: Er fliegt weiter, auch wenn sich das Ziel als Kuh erweist, bis seine Kraft verbraucht ist.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Die Bitte und der Lehrer

Was kann ein Mensch für einen anderen tun, der um Rettung aus dem Kreislauf der Wiedergeburt fleht? Die Dichtung beginnt mit dieser Bitte und antwortet mit einem Lehrer, der dem Schüler die Arbeit nicht abnimmt.

Ein Schüler kommt zu einem Lehrer, versengt, wie er sagt, vom Waldbrand des weltlichen Daseins. Der Lehrer nennt, was er mitbringen muss: Unterscheidung, Leidenschaftslosigkeit, einen ruhigen und beherrschten Geist und die Sehnsucht nach Freiheit. Riten und gute Werke können den Geist läutern, sagt die Dichtung, befreien aber niemanden, so wenig wie das Wort „Arznei“ eine Krankheit heilt oder die Kunde von einem vergrabenen Schatz ihn ausgräbt. Schon ein einziger Sinn kann ein Geschöpf zugrunde richten, also hat ein Mensch, den alle fünf ziehen, keine Zeit zu verlieren.

  • Lehrer-Schüler-Verhältnis
  • Befreiung vom Leiden
  • Gebundenheit
  • Leiden
  • Reinkarnation
  • Karma
  • Entsagung
  • Leidenschaftslosigkeit
  • spirituelle Praxis
  • Schrift
  • Schriftautorität
  • Verlangen

Das Wirkliche vom Unwirklichen unterscheiden

Wie lernt jemand, am eigenen Leib und Geist zu unterscheiden, was sich nie wandelt, von dem, was sich wandelt? Der Titel nennt diese Fähigkeit das Kronjuwel, und die Lehre ist eine lange Übung darin.

Der Lehrer trägt Schicht um Schicht ab, was das Selbst nicht ist, den Leib aus Nahrung, den Atem, den Geist, die Vernunft und die Wonne, bis das Selbst bleibt, das Brahman ist. Das Gefühl, der Täter zu sein, das Ich, ist die Wurzel der Bindung und so unwirklich wie jeder überlagerte Schein. Der Tiefschlaf zeigt ein Selbst, das bleibt, wenn Leib und Ich verschwunden sind. Verstehen beendet alte Gewohnheiten des Geistes nicht sofort, warnt die Dichtung, und die Schrift erklären zu können ist nicht dasselbe wie frei zu sein.

  • Unterscheidungsvermögen
  • Selbsterforschung
  • Erscheinung und Wirklichkeit
  • Überlagerung
  • Māyā
  • Ego
  • Selbst
  • Selbsterkenntnis
  • Nichtzweiheit
  • Nondualismus
  • Zeugenbewusstsein
  • Leib
  • Tiefschlaf
  • Denkgewohnheiten
  • Unwissenheit

Versenkung und Freiheit in diesem Leben

Genügt es, das Selbst zu kennen, oder muss der Geist auch in ihm zur Ruhe kommen? Die Dichtung verlangt vom Schüler eine meditative Versenkung und beschreibt dann einen Menschen, der schon im Leben befreit ist.

Die Dichtung gibt nirvikalpa samādhi, einer Versenkung, in der kein Gedanke und keine Vorstellung bleibt, einen zentralen Platz als Weg, auf dem das Wissen unerschütterlich wird. Diese Gewichtung ist ein Grund, warum Michael Comans und andere bezweifeln, dass Śaṅkara sie schrieb, denn seine anerkannten Werke behandeln solche Versenkung nur am Rand. Ruhe, Geduld und Beherrschung schützen die Übung, denn ein Geist, der abgleitet, fällt Stufe um Stufe wie ein Ball die Treppe hinab. Wer im Leben befreit ist, begegnet Lob und Tadel gleich, doch schon angelaufene Taten, wie ein abgeschossener Pfeil, fliegen zu Ende.

  • Meditation
  • Samadhi
  • Kontemplation
  • Bewusstsein
  • Geist
  • Brahman
  • Nichtanhaften
  • Vergänglichkeit
  • Handlungsmacht
  • Befreiung vom Leiden
  • Wonne

In diesem Werk

Passagen vorhanden
136
eigenständige Begriffe
142
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 442

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Befreiung vom Leiden“ und „Selbsterkenntnis“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 25 Paarungen. 79 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Befreiung vom LeidenSelbsterkenntnis36
Befreiung vom LeidenNichtzweiheit19
NichtzweiheitSelbsterkenntnis14
MeditationSelbsterkenntnis13
Befreiung vom LeidenMeditation11
Befreiung vom LeidenUnwissenheit11
BrahmanNichtzweiheit11
BrahmanSelbsterkenntnis9
Befreiung vom LeidenBrahman7
Befreiung vom LeidenSelbst5
BewusstseinSelbst5
MeditationNichtzweiheit5
SelbsterkenntnisUnwissenheit5
Befreiung vom LeidenBewusstsein4
BewusstseinNichtzweiheit4
BewusstseinSelbsterkenntnis4
SelbstUnwissenheit4
BewusstseinBrahman3
BrahmanMeditation3
NichtzweiheitSelbst3
NichtzweiheitUnwissenheit3
BewusstseinMeditation2
BrahmanSelbst1
BrahmanUnwissenheit1
MeditationUnwissenheit1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. Aitareya Upanisad, with the Commentary of Sankaracarya (Aitareya-Upaniṣad-bhāṣya)

    Drei Kapitel des Aitareya-Āraṇyaka, eines Ritualtextes aus der Tradition des Ṛgveda, die eine Schöpfungsgeschichte erzählen; für Śaṅkara liegt ihr Sinn darin, dass Brahman Bewusstsein ist.

    SA
  2. Brhadaranyaka Upanishad with the Commentary of Sankaracarya (Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad-bhāṣya)

    Sureśvara, sein Schüler, schrieb Verskommentare zu zweien von Śaṅkaras Upanishad-Kommentaren, diesem und dem zur Taittirīya; der zur Bṛhadāraṇyaka ist bei Weitem der umfangreichere.

    SA
  3. Das Kleinod der Unterscheidung (Vivekacūḍāmaṇi) du bist hier SA
  4. Die Sûtra's des Vedânta oder die Çârîraka-Mîmâṅsâ des Bâdarâyaṇa nebst dem vollständigen Commentare des Çañkara (Brahmasūtra-bhāṣya)

    Sein Hauptwerk, ein Kommentar zum gedrängtesten der Texte, die er erklärte; beide späteren Schulen des Advaita gingen aus Kommentaren dazu hervor.

    EN
  5. Īśa-Upaniṣad-bhāṣya

    Einer seiner kürzesten Kommentare: Was die längeren gegen die Verbindung von Ritual und Erkenntnis ausführlich entfalten, wird hier an einem einzigen umstrittenen Vers ausgetragen.

    EN
  6. Kaṭha-Upaniṣad-bhāṣya

    Die Kaṭha ist ein Gedicht aus der Tradition des Schwarzen Yajurveda, zwei Kapitel mit je drei Abschnitten; Śaṅkaras Prosakommentar folgt ihm Zeile für Zeile.

    SA
  7. Māṇḍūkya-Upaniṣad-bhāṣya

    Ein Kommentar zu einem Kommentar: Śaṅkara erläutert die Upanishad und zugleich die Kārikā Gauḍapādas, nach der Tradition des Lehrers seines Lehrers – jene Verse, die die Forschung als ältesten erhaltenen systematischen Traktat des Advaita ansieht.

    EN
  8. Praśna-Upaniṣad-bhāṣya

    Ein Lehrgespräch aus der Tradition des Atharvaveda, sechs Fragen an einen einzigen Lehrer, denen Śaṅkara vom Ursprung der Lebewesen bis zum Wesen des Erkennenden folgt.

    SA
  9. Śrīmad Bhagavad Gītā Bhāṣya (Bhagavadgītā-bhāṣya)

    Einer der drei Kommentare, auf denen das Advaita ruht, neben denen zu den Upanishaden und den Brahma-Sūtras – und der, in dem Śaṅkara ausgerechnet einem Text, der einen Krieger in den Kampf drängt, Gründe für das Aufgeben des Handelns abgewinnen muss.

    EN
  10. Taittiriya Upanisad with the Commentary of Sankaracarya (Taittirīya-Upaniṣad-bhāṣya)

    Die Quelle der fünf Hüllen des Selbst, die spätere Advaita-Handbücher wie das Vivekacūḍāmaṇi ausführlich lehren; hier liest Śaṅkara sie in der Upanishad selbst.

    SA
  11. Upadeśasāhasrī

    Der einzige seiner Traktate, der kein Kommentar ist und den die Forschung weithin als echt anerkennt: der Ort, an dem man sieht, wie er lehrte, nicht nur was.

    SA
Anmelden oder abonnieren, um dieses Werk zu besprechen

— oder öffne ein anderes Werk aus dieser Feder