WerkRudolf Steiner

Das Christentum als mystische Tatsache

Steiners These, dass die Auferweckung des Lazarus eine Einweihung war und das Christentum die alten Mysterien ans Tageslicht brachte.

von Rudolf Steiner174 Passagen vorhanden

  • Englisch, eine hier vorhandene Übersetzung
Originaltitel
Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums
Erstveröffentlichung
(mit 41 Jahren)
Originalsprache
Deutsch

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Überblick

In seinem Leben Jesu von 1863, das die Evangeliengeschichte als Biographie eines Menschen erzählte, vermutete der französische Historiker Ernest Renan, die Auferweckung des Lazarus sei inszeniert worden, um den Glauben an Jesus zu stärken, und räumte schließlich ein, niemand könne heute sagen, was in Bethanien geschehen sei. Rudolf Steiner machte gerade diese Episode zu seinem Schlüssel. Zwischen Oktober 1901 und April 1902 hielt er rund zwei Dutzend Vorträge in der Theosophischen Bibliothek in Berlin, die Graf und Gräfin von Brockdorff führten, und im September 1902 veröffentlichte er das daraus erwachsene Buch, Das Christentum als mystische Tatsache. Es vertritt die These, das Christentum sei aus den Mysterienreligionen der Antike hervorgegangen, den geheimen Riten Griechenlands und Ägyptens, in denen, wie Steiner sie schildert, ein Anwärter einen symbolischen Tod durchlief und zu einem höheren Leben erwachte. Heraklit, Empedokles und Platon sprachen nach seiner Auffassung aus dem Inneren dieser Überlieferung. Was die Mysterien im Verborgenen für wenige Auserwählte vollzogen hatten, geschah nach Steiner einmal offen und geschichtlich, im Leben und Sterben Jesu; in diesem Sinn ist das Christentum eine mystische Tatsache. So gelesen war die Auferweckung des Lazarus, von der das Johannesevangelium berichtet, eine Einweihung: Lazarus lag, in Steiners Darstellung, drei Tage in einem todesähnlichen Schlaf, bevor Jesus ihn herausrief. Sein Bild der antiken Mysterien schöpfte Steiner aus Büchern, die er als Philosoph gelesen hatte, darunter die Geschichte des Platonismus von Heinrich von Stein, jenem Professor, der seine Doktorarbeit geprüft hatte. Für die zweite Auflage von 1910 ergänzte er den Titel um und die Mysterien des Altertums und erweiterte den Text.

Schlüsselbegriffe

Was bedeutet mystische Tatsache im Titel?

Ein geschichtliches Ereignis, das dieselbe Bedeutung trägt wie der innere Vorgang, den die Mysterien vollzogen. In den Mysterien ging ein Kandidat im Verborgenen und für wenige durch einen sinnbildlichen Tod zum Erwachen. Im Leben und Sterben Jesu, behauptet das Buch, geschah dieser Vorgang einmal in der äußeren Welt, für alle sichtbar, sodass aus einer Einweihung eine Tatsache der Geschichte wurde.

Was ist der verzauberte Gott der Mysterien?

Das Bild des Buches für das Göttliche, wie die Mysterien es verstanden: kein Wesen außerhalb der Welt, sondern Geist, der in die Natur ausgegossen ist und dort wie verzaubert ruht. Aufgabe des Eingeweihten war es, ihn zu erlösen, indem er ihn in der eigenen Seele erweckte. Darum war Gotteserkenntnis in den Mysterien nach Steiners Lesart immer zugleich eine Verwandlung des Erkennenden.

Was meint das Buch mit Einweihung?

Einen Vorgang, in dem ein Mensch seinem gewöhnlichen Selbst innerlich abstirbt und zu einem höheren Leben erwacht, sodass er das Geistige aus Erfahrung kennt und nicht vom Hörensagen. In den alten Mysterien vollzog er sich nach Steiners Schilderung durch Prüfungen und einen dreitägigen todähnlichen Schlaf. Die Auferweckung des Lazarus im Johannesevangelium liest er als eine Einweihung dieser Art.

Warum werden die Evangelien als Einweihungsurkunden gelesen und nicht als Lebensbeschreibungen?

Weil sie, so das Buch, einem Muster folgen, das älter ist als Jesus: dem Weg, den jeder Eingeweihte ging, vom Eintritt in die Mysterien über Prüfung und Tod bis zum Erwachen. Ihre Verfasser erzählten sein Leben in dieser Gestalt, weil sie darin den Mysterienvorgang als Geschichte sahen. Unterschiede zwischen den Evangelien spiegeln nach dieser Lesart verschiedene Mysterienüberlieferungen, nicht schlechtes Gedächtnis.

Was ist der Logos in der Lesart des Buches?

Das göttliche Wort oder die Weltvernunft, die Heraklit benannte und die die Mysterien in der Seele des Eingeweihten zu erwecken suchten. Nach dem Buch verkündet der Prolog des Johannesevangeliums, dass dieser Logos Fleisch wurde: Derselbe Geist, den die Mysterien im Inneren fanden, erschien als geschichtliche Person. Darum ist das Christentum für Steiner zugleich Fortsetzung der Mysterien und etwas Neues.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Sterben vor dem Tod: die alten Mysterien

Was gaben die alten Mysterien den wenigen, die sie zuließen? Nach Steiner einen Tod vor dem Tod: eine innere Verwandlung, nach der der Kandidat das Göttliche in sich erkannte und aus der Heraklit und Platon sprachen.

Die Mysterien, wie das Buch sie beschreibt, lehrten keine Lehrsätze. Sie führten einen Kandidaten durch Prüfungen und einen sinnbildlichen Tod in ein neues Leben, nach dem der Gott, der verzaubert in der Welt ruhte, in der Seele erwacht gefunden wurde. Was ein Eingeweihter erfahren hatte, ließ sich Unvorbereiteten nicht sagen, ohne missverstanden zu werden, daher das Geheimnis. Steiner liest Heraklit, Empedokles und Platon als Sprecher aus dieser Erfahrung: Die Aufforderung des Phaidon, das Sterben zu üben, ist Einweihungssprache, und die Mythen von Herakles und den Argonauten sind Bilder des Weges.

  • Mystik
  • Initiation
  • Mysterientraditionen
  • Weisheit
  • Seele
  • Unsterblichkeit
  • Ewigkeit
  • Heraklit
  • Mythologie
  • Symbolismus
  • geistige Entwicklung
  • geistige Verwandlung
  • Selbsterkenntnis
  • Tod
  • Leib
  • Wiedergeburt
  • Menschennatur
  • Wissen
  • Erkenntnistheorie
  • spirituelle Erfahrung

Ein Mysterium, in der Geschichte vollzogen

Wenn das Christentum aus den Mysterien hervorging, was war an ihm neu? Die Antwort des Buches: Was im Verborgenen für wenige Auserwählte vollzogen worden war, geschah einmal, offen und geschichtlich, im Leben und Sterben Jesu.

Steiner liest die Evangelien weniger als Lebensbeschreibungen denn als Einweihungsurkunden und nimmt die Auferweckung des Lazarus als Schlüssel. Wo Renan eine inszenierte Szene sah, sieht Steiner eine Einweihung: Lazarus liegt drei Tage in todähnlichem Schlaf und wird von Jesus herausgerufen, und Jesus liebt ihn, so Steiner, weil er ihn reif fand für die Erweckung des Wortes in ihm. Der Christus ist der Logos, das göttliche Wort, das die Mysterien in der Seele suchten, nun als geschichtliche Person. Die spätere Kirche, meint er, habe seit Augustinus den Glauben an die Stelle dieser Erkenntnis gesetzt.

  • Christentum
  • Christologie
  • Logos
  • Evangelium
  • Göttlichkeit
  • Glauben
  • Religion
  • Religionsvergleich
  • Interpretation
  • Kosmologie

In diesem Werk

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174
eigenständige Begriffe
276
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 381

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Initiation“ und „Mystik“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 24 Paarungen. 85 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
InitiationMystik10
ChristentumInitiation9
Mystikgeistige Entwicklung7
MystikWissen7
GöttlichkeitMystik6
GöttlichkeitSeele5
MystikSeele5
ChristentumMystik4
Initiationgeistige Entwicklung4
InitiationSeele4
LogosMystik4
GöttlichkeitInitiation3
InitiationWissen3
LogosSeele3
ChristentumWissen2
Göttlichkeitgeistige Entwicklung2
InitiationLogos2
Seelegeistige Entwicklung2
Wissengeistige Entwicklung2
Christentumgeistige Entwicklung1
ChristentumLogos1
Logosgeistige Entwicklung1
LogosWissen1
SeeleWissen1

Vorhandene Werke

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  1. 1891 Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre)

    Eine Doktorarbeit und das Fundament der Philosophie der Freiheit – auch wenn die meisten Leser sie nur aus dem Buch von 1892 kennen, das sie in sich aufnahm.

    DE
  2. 1894 Die Philosophie der Freiheit

    Das philosophische Zentrum von Steiners Werk, geschrieben in seinen Weimarer Jahren noch vor aller Theosophie – und das Buch, auf das er spätere Leser immer wieder zurückverwies.

    DE
  3. 1895 Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit

    Entstanden zwischen der Philosophie der Freiheit und dem Goethe-Buch, als Steiner sich noch zu Nietzsches Verbündeten zählte und bevor sein Verhältnis zum Nietzsche-Archiv zerbrach.

    DE
  4. 1897 Goethes Weltanschauung

    Das letzte Buch aus Steiners Weimarer Jahren und die Summe seiner Arbeit als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften; die Erkenntnistheorie dazu lieferte Die Philosophie der Freiheit.

    DE
  5. 1901 Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens

    Das erste Buch, das aus Steiners Vorträgen vor den Theosophen hervorging, noch in der Stimme des naturalistischen Philosophen der 1890er-Jahre geschrieben; Das Christentum als mystische Tatsache folgte aus dem nächsten Vortragszyklus.

    EN
  6. 1902 Das Christentum als mystische Tatsache (Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums) du bist hier EN
  7. 1904 Theosophie

    Begonnen zwei Jahre, nachdem Steiner die Leitung der deutschen Theosophen übernommen hatte – das systematische Fundament, auf dem seine späteren Darstellungen der Einweihung und der Weltentwicklung aufbauen.

    DE
  8. 1904 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

    Das praktische Gegenstück zur Theosophie: Jenes Buch beschreibt, was der geschulte Seher zu schauen beansprucht, dieses die Schulung, die dorthin führen soll.

    DE
  9. 1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß

    Die umfassendste Einzeldarstellung von Steiners Kosmologie, begonnen innerhalb der theosophischen Bewegung und unter der Anthroposophie weitergeführt, mit vier Vorreden von 1909 bis 1925.

    DE
  10. 1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

    Steiners zweites Buch über die Christus-Gestalt, neun Jahre nach Das Christentum als mystische Tatsache; es führt die Darstellung weit tiefer in esoterische Behauptungen hinein.

    EN
  11. 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

    Steiners wichtigste schriftliche Äußerung zur Gesellschaft, geschrieben für die Monate nach der deutschen Revolution; schon wenige Jahre später erreichte sie englische Leser als The Threefold Commonwealth.

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