WerkRudolf Steiner

Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit

Ein Buch über einen lebenden Philosophen, der es nicht mehr lesen konnte, geschrieben von einem Jüngeren, der bei Nietzsche seine eigenen Ansichten wiederfand.

von Rudolf Steiner159 Passagen vorhanden

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Deutsch

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Überblick

Als Rudolf Steiner dieses Buch im Frühjahr 1895 in Weimar schrieb, lebte sein Gegenstand noch, fünfzig Jahre alt und unerreichbar: Friedrich Nietzsche war 1889 geistig zusammengebrochen und lebte seither in Naumburg in der Pflege seiner Mutter, während sein Ruhm ohne ihn wuchs. Steiner, vierunddreißig, hatte viele Stunden im Nietzsche-Archiv verbracht, das Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche dort eingerichtet hatte. Das Buch macht aus Steiners Sympathie kein Geheimnis. Es zeigt Nietzsche weniger als Lehre denn als Charakter, als einen Menschen, dessen Instinkte vor Schuld, Sünde, Jenseits und Vaterland zurückschreckten wie ein Auge vor einer schmerzenden Farbe. Den Übermenschen deutet es als den, der aufhört, vor Idealen über dem Leben zu knien – dem Willen Gottes etwa oder einem ewigen Sittengesetz –, und stattdessen seine eigene Natur auslebt; und es verfolgt, wie Nietzsche sich von seinen frühen Meistern Schopenhauer und Wagner befreite. Noch im selben Jahr folgte eine zweite Auflage, und im Januar 1896 begegnete Steiner Nietzsche selbst. Später überwarf er sich mit Förster-Nietzsche über die Frage, wer den Nachlass ihres Bruders herausgeben sollte; 1900 gehörte er zu den Ersten, die öffentlich davor warnten, wie ihr Archiv mit den Papieren umging. Ins Englische kam das Buch 1960 unter einem veränderten Titel: Aus dem Kämpfer gegen seine Zeit wurde ein Kämpfer für die Freiheit.

Schlüsselbegriffe

Was meint das Buch mit Nietzsches Instinkten?

Urteile einer ganzen Natur, die jedem Argument vorausgehen, so wie ein Auge vor einer schmerzenden Farbe zurückweicht. Steiner liest Nietzsches Angriffe auf Schuld, Sünde, Jenseits und ein Sittengesetz über dem Leben als Reaktionen dieser Art und damit als Zeichen der Gesundheit, nicht als logische Schlüsse. So gelesen kamen die Argumente erst hinterher und sprachen aus, was die Instinkte schon entschieden hatten.

Wie liest das Buch den Übermenschen?

Als den Einzelnen, der das Leben keinen darüber gestellten Idealen mehr unterordnet und seine eigene Natur auslebt. In Steiners Lesart ist der Übermensch weder ein biologischer Nachfolger der Menschheit noch ein Tyrann, sondern ein Mensch, der weiß, dass Ideale menschliche Schöpfungen sind, und sich seine eigenen schafft. Die Gestalt ist eine Aufgabe, die jeder Einzelne ergreifen kann, keine Gattung, die zu züchten wäre.

Was ist das asketische Ideal, gegen das sich das Buch wendet?

Die Wertschätzung der Selbstverleugnung als höchstes Gut, die Nietzsche durch Priester, Philosophen und Moralisten verfolgte. Nach dem Buch ist es Leben, das sich gegen sich selbst kehrt: Schwache Instinkte, die das Dasein nicht bejahen können, erklären die Verneinung für heilig und machen das Leiden zum Verdienst. Steiner folgt Nietzsche darin, es nicht als irrige Lehre zu behandeln, sondern als Symptom, als Zeichen dafür, welches Leben es braucht.

Was bedeutet der Wille zur Macht in diesem Buch?

Den Drang jeder lebendigen Natur, sich zu entfalten und ihre eigene Kraft zu steigern, den Nietzsche an die Stelle von Schopenhauers Willen zum Leben und dessen Verneinung setzte. Steiner liest ihn als die positive Seite von Nietzsches Kritik: Fallen die Ideale über dem Leben weg, bleibt der Wille jeder Natur, ganz sie selbst zu werden, und Werte bemessen sich daran, ob sie dem dienen.

Warum heißt Nietzsche ein Kämpfer gegen seine Zeit?

Weil seine Philosophie ein Feldzug gegen Werte war, die seine Zeit für ausgemacht hielt: die christliche Moral mit Schuld und Jenseits, die Verehrung des Vaterlands und ein über das Leben gestelltes Sittengesetz. Steiner stellt den Kampf als den eines einzelnen Charakters dar, der seine Instinkte gegen die einer ganzen Kultur setzt, und darum beginnt das Buch mit dem Menschen und seinem Naturell, nicht mit einem Lehrgebäude.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Ein Charakter gegen seine Zeit

Was heißt es, die höchsten Werte eines Zeitalters mit dem Instinkt zu richten statt mit Argumenten? Das Buch liest Nietzsche weniger als Lehre denn als Naturell, das vor Schuld, Sünde, Jenseits und Vaterland zurückschreckte.

Der erste Teil gibt den Ton für alles Weitere an: Nietzsches Einwände gegen seine Zeit waren keine logisch gewonnenen Schlüsse, sondern Reaktionen einer gesunden Natur, so wie sich ein Auge von einer schmerzenden Farbe abwendet. Schuld, Sünde, ein Jenseits und ein über das Leben gestelltes Sittengesetz erschienen ihm als Zeichen des Niedergangs, die Askese als Leben, das sich gegen sich selbst kehrt. Selbst die Wahrheit geriet in Verdacht, als Wert, der erst zeigen muss, dass er dem Leben dient. Steiner schreibt als Verbündeter, hält diese Instinkte für die richtigen und fragt, welcher Mensch nach ihnen leben könnte.

  • Instinkt
  • Moralität
  • Religion
  • Askese
  • Wahrheit
  • Vernunft
  • Wissen
  • Erkenntnistheorie
  • Interpretation
  • Konformität
  • Leiden
  • Naturalismus

Der Übermensch und die Ideale über dem Leben

Was wird aus einem Menschen, der vor nichts mehr kniet, das über das Leben gestellt ist, sei es Gottes Wille oder ein ewiges Sittengesetz? Die Antwort des Buches ist Nietzsches Übermensch, gelesen als einer, der seine eigene Natur auslebt.

In Steiners Lesart ist der Übermensch weder eine künftige Gattung noch ein Eroberer, sondern der Einzelne, der die Macht zurücknimmt, die Menschen einst an Ideale außer ihnen abgetreten haben. Diese Ideale, so das Argument, waren menschliche Schöpfungen, die man für Autoritäten hielt; der Übermensch weiß, dass er sie gemacht hat, und macht sich seine eigenen. Wille zur Macht heißt der Drang einer Natur, sich zu entfalten, und Freiheit heißt, aus dieser Natur zu handeln statt auf Befehl. Die Gestalt steht dem freien Geist nahe, den Steiner ein Jahr zuvor in der Philosophie der Freiheit beschrieben hatte.

  • Übermensch-Konzept
  • Wille zur Macht
  • Individualität
  • Individualismus
  • Freiheit
  • Autonomie
  • Lebensbejahung
  • Kreativität
  • Wille
  • Selbsterkenntnis
  • Lebensphilosophie
  • Realität
  • Idealismus
  • Metaphysik

Abschied von Schopenhauer und Wagner

Wie befreit sich ein Denker von den Meistern, die ihn geformt haben? Der letzte Teil des Buches folgt Nietzsche von seiner Schuld gegenüber Schopenhauer und Wagner bis zum Bruch, der ihn zum eigenen Philosophen machte.

Nietzsches erstes Buch, Die Geburt der Tragödie, nahm seine Metaphysik von Schopenhauer und seine Hoffnung auf eine Wiedergeburt tragischer Kultur von Wagners Musikdrama. Steiner liest das Folgende als langsame Rückkehr zu Nietzsches eigenen Instinkten. Schopenhauers Forderung, den Willen zu verneinen, sei einer Natur fremd gewesen, die bejahen wollte, und Wagners Kunst, einst als Wiedergeburt der Tragödie gefeiert, erschien bald als Symptom des Niedergangs, den sie zu überwinden vorgab. Menschliches, Allzumenschliches markiert den Bruch; von da an ist das Denken Nietzsches eigenes.

  • Ästhetik
  • Kunst
  • Musik
  • Philosophie

In diesem Werk

Passagen vorhanden
159
eigenständige Begriffe
244
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 399

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Askese“ und „Religion“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 20 Paarungen. 93 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
AskeseReligion5
ErkenntnistheorieLebensbejahung4
LebensbejahungMoralität4
IndividualitätMoralität3
InstinktMoralität3
LebensbejahungÄsthetik3
AskeseInstinkt2
IndividualitätLebensbejahung2
InstinktLebensbejahung2
InstinktReligion2
AskeseErkenntnistheorie1
ErkenntnistheorieÄsthetik1
ErkenntnistheorieInstinkt1
ErkenntnistheorieMoralität1
ErkenntnistheorieReligion1
IndividualitätÄsthetik1
IndividualitätInstinkt1
LebensbejahungReligion1
MoralitätÄsthetik1
MoralitätReligion1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1891 Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre)

    Eine Doktorarbeit und das Fundament der Philosophie der Freiheit – auch wenn die meisten Leser sie nur aus dem Buch von 1892 kennen, das sie in sich aufnahm.

    DE
  2. 1894 Die Philosophie der Freiheit

    Das philosophische Zentrum von Steiners Werk, geschrieben in seinen Weimarer Jahren noch vor aller Theosophie – und das Buch, auf das er spätere Leser immer wieder zurückverwies.

    DE
  3. 1895 Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit du bist hier DE
  4. 1897 Goethes Weltanschauung

    Das letzte Buch aus Steiners Weimarer Jahren und die Summe seiner Arbeit als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften; die Erkenntnistheorie dazu lieferte Die Philosophie der Freiheit.

    DE
  5. 1901 Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens

    Das erste Buch, das aus Steiners Vorträgen vor den Theosophen hervorging, noch in der Stimme des naturalistischen Philosophen der 1890er-Jahre geschrieben; Das Christentum als mystische Tatsache folgte aus dem nächsten Vortragszyklus.

    EN
  6. 1902 Das Christentum als mystische Tatsache (Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums)

    Das Buch, das Steiners Wende von der Philosophie zum esoterischen Christentum markiert, zuerst als Vorträge vor den Berliner Theosophen gehalten, in den Monaten, bevor er ihr Leiter wurde.

    EN
  7. 1904 Theosophie

    Begonnen zwei Jahre, nachdem Steiner die Leitung der deutschen Theosophen übernommen hatte – das systematische Fundament, auf dem seine späteren Darstellungen der Einweihung und der Weltentwicklung aufbauen.

    DE
  8. 1904 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

    Das praktische Gegenstück zur Theosophie: Jenes Buch beschreibt, was der geschulte Seher zu schauen beansprucht, dieses die Schulung, die dorthin führen soll.

    DE
  9. 1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß

    Die umfassendste Einzeldarstellung von Steiners Kosmologie, begonnen innerhalb der theosophischen Bewegung und unter der Anthroposophie weitergeführt, mit vier Vorreden von 1909 bis 1925.

    DE
  10. 1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

    Steiners zweites Buch über die Christus-Gestalt, neun Jahre nach Das Christentum als mystische Tatsache; es führt die Darstellung weit tiefer in esoterische Behauptungen hinein.

    EN
  11. 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

    Steiners wichtigste schriftliche Äußerung zur Gesellschaft, geschrieben für die Monate nach der deutschen Revolution; schon wenige Jahre später erreichte sie englische Leser als The Threefold Commonwealth.

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