WerkRudolf Steiner

Goethes Weltanschauung

Das Buch, in dem fünfzehn Jahre Arbeit an Goethes Naturwissenschaft zu der These werden, dass sich Ideen in den Dingen selbst schauen lassen.

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Überblick

In Jena skizzierte Goethe 1794 für Schiller seine Urpflanze, und Schiller entgegnete, das sei keine Erfahrung, das sei eine Idee. Goethes Weltanschauung ist um dieses Gespräch gebaut und ergreift Goethes Partei. Rudolf Steiner hatte Goethes naturwissenschaftliche Schriften seit 1882 herausgegeben, seit seinem einundzwanzigsten Lebensjahr, zuerst für eine volkstümliche Reihe deutscher Klassiker, dann für die große Weimarer Ausgabe. Dieses Buch beschließt die Lehrzeit. Geplant hatte er es schon 1890; der Weimarer Verleger Emil Felber forderte im Dezember 1891 das fertige Manuskript an; erschienen ist es erst 1897, in dem Jahr, in dem Steiner Weimar verließ und nach Berlin ging. Seit Platon, so Steiner, hat das abendländische Denken die Welt zweigeteilt – die Ideen in das eine Reich, die sichtbaren Dinge in das andere –, und Kants Grenzen der Erkenntnis sind nur die jüngste Gestalt dieser Spaltung. Goethe verweigerte sie: Er suchte die Idee in der Pflanze, im Knochen, in der Farbe, und er fand sie dort, indem er beobachtete, wie die Dinge sich wandeln. Der Mittelteil verfolgt diese Methode durch Goethes tatsächliche Forschung – die Metamorphose der Pflanzen, den Zwischenkieferknochen des Menschen, dessen Existenz Goethe nachwies, die Farbenlehre, die er Newton entgegenstellte, seine Aufzeichnungen über Gesteine und Wetter. Das letzte Kapitel stellt Goethe neben Hegel und findet beide unzulänglich: Goethe lebte in Ideen, ohne sie je als solche zu beobachten; Hegel dachte über Ideen nach und beobachtete nie die Natur. Für die Neuausgabe von 1918 schrieb Steiner nur die beiden Platon-Kapitel neu, und sie musste noch im selben Jahr zweimal nachgedruckt werden.

Schlüsselbegriffe

Was ist Goethes Urpflanze?

Keine Pflanze, die irgendwo wächst, und doch keine bloße Abstraktion. Sie ist das gestaltende Prinzip aller Pflanzen, erfasst an der Verwandlung eines Organs, des Blattes, in Keimblatt, Stängelblatt, Kelchblatt, Blütenblatt und Staubgefäß. Wer sie erfasst habe, schrieb Goethe, könne sogar Pflanzen erfinden, die es nicht gibt, aber geben könnte. Steiner liest sie als Idee, die in der Natur wahrgenommen und nicht zu ihr hinzugedacht wird.

Was ist ein Urphänomen?

Der einfachste Fall, in dem sich ein Naturgesetz offen zeigt, gewonnen durch ein Ordnen der Beobachtungen, bis nichts mehr hinzugefügt werden muss. Für die Farbe fand Goethe es im Zusammentreffen von Licht und Finsternis durch ein trübes Mittel: Finsternis erscheint hindurch blau, Licht gelb und rot. Steiner verteidigt den Gedanken als das eigentliche Ziel des Erklärens, den Punkt, an dem Denken und Sehen zusammenfallen.

Welche Spaltung von Idee und Erfahrung lastet das Buch Platon an?

Die Überzeugung, Ideen und sichtbare Dinge gehörten zwei verschiedenen Welten an, die Ideen wahr und ewig, die Dinge vergängliche Abbilder. Steiner verfolgt sie von Platon über die christliche Theologie bis zu Kant, bei dem das Ding an sich ganz jenseits der Erfahrung liegt. Goethes Weltanschauung erscheint als erste gründliche Weigerung, diese Spaltung mitzumachen: Die Idee ist im erfahrenen Ding selbst zu finden.

Warum stellt das Buch Goethe neben Hegel?

Weil jeder die Hälfte dessen besaß, was eine vollständige Weltanschauung braucht. Goethe lebte in seiner Forschung unter Ideen und sah sie in Pflanzen und Farben wirken, wandte sich aber nie um, um die Ideen selbst zu beobachten. Hegel machte die Ideen zu seinem ganzen Gegenstand und baute aus ihnen ein System, schaute aber nie so auf die Natur wie Goethe. Das Buch behauptet, dass beide Hälften in einer Erkenntnisweise zusammengehören.

Warum lässt sich ein Organismus nicht wie eine Maschine erklären?

Weil bei einer Maschine die Teile zuerst da sind und das Ganze aus ihrer Anordnung folgt, während im Organismus das Ganze in jedem Teil wirkt und ihn gestaltet. Mechanische Erklärung, Ursache stößt Wirkung, passt zur unorganischen Natur. Das Lebendige verlangt, so Steiner mit Goethe, ein Denken, das den Typus, die gestaltende Idee, erfasst und ihn durch alle seine Abwandlungen verfolgt.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Die Idee im Ding gesehen

Sind Ideen nur im Kopf, oder lassen sie sich in den Dingen selbst finden? Gegen eine Spaltung, die von Platon bis Kant reicht, stellt sich das Buch auf Goethes Seite, der die Idee in der Pflanze, im Knochen und in der Farbe suchte.

Seit Platon, so Steiner, hat das abendländische Denken die Ideen in ein Reich gesetzt und die sichtbaren Dinge in ein anderes, und Kants Grenzen der Erkenntnis sind die jüngste Gestalt dieser Kluft. Goethe hat sie nie hingenommen. Als Schiller ihm sagte, seine Urpflanze sei eine Idee und keine Erfahrung, antwortete Goethe, es könne ihm lieb sein, dass er Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe. Das Schlusskapitel benennt die verbleibende Lücke: Goethe lebte in Ideen, ohne sie als solche zu beobachten, Hegel dachte über Ideen nach, ohne die Natur zu beobachten.

  • Erkenntnistheorie
  • Wahrnehmung
  • Ideen
  • Idealismus
  • Platonismus
  • Empirismus
  • Beobachtung
  • Abstraktion
  • Metaphysik
  • Wissen
  • Erfahrung
  • Ethik
  • Freiheit

Metamorphose und lebendige Gestalt

Was braucht es, um ein Lebewesen zu verstehen, statt es zu zerlegen? Goethes Antwort, die das Buch verteidigt: beobachten, wie eine Gestalt sich wandelt, und die eine Form finden, die durch alle ihre Abwandlungen geht.

Blatt, Kelchblatt, Blütenblatt und Staubgefäß sind nach Goethe ein einziges verwandeltes Organ, und die Urpflanze ist das Prinzip, das jede wirkliche Pflanze möglich macht. Steiner besteht darauf, dass das keine vage Poesie ist. Goethe wandte dieselbe Methode auf das Skelett an und wies den kleinen Zwischenkieferknochen im menschlichen Oberkiefer nach, den der Mensch nach den Anatomen seiner Zeit nicht besaß. Das Lebendige, so Steiner, lässt sich nicht erklären, wie die Mechanik eine Maschine aus ihren Teilen erklärt, denn in jedem Teil wirkt das Ganze. Das Buch verfolgt die Methode weiter bis zu Goethes Aufzeichnungen über Gestein und Witterung.

  • Morphologie
  • Metamorphose
  • Pflanzenmorphologie
  • Organizismus
  • Organismus
  • organische Entwicklung
  • Philosophie der Biologie
  • Natur
  • Naturlehre
  • Mechanismus
  • Menschennatur
  • Geologie

Die Farbe gegen Newton

Irrte Newton über die Farbe, oder stellte Goethe eine andere Frage? Das Buch verteidigt Goethes Farbenlehre als Methode: beim Phänomen bleiben, bis es sich selbst erklärt, statt über es hinaus nach verborgenen Ursachen zu greifen.

Newton hatte das weiße Licht mit dem Prisma in Farben zerlegt und die Farbe als Eigenschaft verborgener Bestandteile des Lichts behandelt. Goethe wandte ein, damit fehlten die Bedingungen, unter denen Farben tatsächlich erscheinen: an der Grenze von Hell und Dunkel, in trüben Medien, im Auge selbst. Steiner gibt Goethe in der Methode recht. Eine Erklärung solle die Erscheinungen so ordnen, bis sich das Urphänomen, der einfachste Fall, zeigt, und nicht das Gesehene durch Ungesehenes ersetzen. Die Physiker, meint er, hätten die Farbenlehre verkannt, weil sie sie als Versuch ihrer eigenen Art von Physik prüften.

  • Farbtheorie
  • Wissenschaftliche Methode
  • Wissenschaftliche Erklärung
  • Wissenschaftsphilosophie
  • Ästhetik

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252
eigenständige Begriffe
295
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 298

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Erkenntnistheorie“ und „Wahrnehmung“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 20 Paarungen. 85 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
ErkenntnistheorieWahrnehmung10
ErkenntnistheorieNatur8
EmpirismusWahrnehmung7
FarbtheorieWahrnehmung7
EmpirismusErkenntnistheorie5
ErkenntnistheorieNaturlehre5
IdeenNaturlehre5
NaturWissenschaftliche Methode5
EmpirismusIdeen4
EmpirismusNaturlehre4
ErkenntnistheorieIdeen4
ErkenntnistheorieWissenschaftliche Methode4
IdeenWahrnehmung4
FarbtheorieWissenschaftliche Methode3
NaturWahrnehmung3
EmpirismusWissenschaftliche Methode2
IdeenNatur2
NaturlehreWahrnehmung2
NaturlehreWissenschaftliche Methode2
IdeenWissenschaftliche Methode1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1891 Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre)

    Eine Doktorarbeit und das Fundament der Philosophie der Freiheit – auch wenn die meisten Leser sie nur aus dem Buch von 1892 kennen, das sie in sich aufnahm.

    DE
  2. 1894 Die Philosophie der Freiheit

    Das philosophische Zentrum von Steiners Werk, geschrieben in seinen Weimarer Jahren noch vor aller Theosophie – und das Buch, auf das er spätere Leser immer wieder zurückverwies.

    DE
  3. 1895 Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit

    Entstanden zwischen der Philosophie der Freiheit und dem Goethe-Buch, als Steiner sich noch zu Nietzsches Verbündeten zählte und bevor sein Verhältnis zum Nietzsche-Archiv zerbrach.

    DE
  4. 1897 Goethes Weltanschauung du bist hier DE
  5. 1901 Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens

    Das erste Buch, das aus Steiners Vorträgen vor den Theosophen hervorging, noch in der Stimme des naturalistischen Philosophen der 1890er-Jahre geschrieben; Das Christentum als mystische Tatsache folgte aus dem nächsten Vortragszyklus.

    EN
  6. 1902 Das Christentum als mystische Tatsache (Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums)

    Das Buch, das Steiners Wende von der Philosophie zum esoterischen Christentum markiert, zuerst als Vorträge vor den Berliner Theosophen gehalten, in den Monaten, bevor er ihr Leiter wurde.

    EN
  7. 1904 Theosophie

    Begonnen zwei Jahre, nachdem Steiner die Leitung der deutschen Theosophen übernommen hatte – das systematische Fundament, auf dem seine späteren Darstellungen der Einweihung und der Weltentwicklung aufbauen.

    DE
  8. 1904 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

    Das praktische Gegenstück zur Theosophie: Jenes Buch beschreibt, was der geschulte Seher zu schauen beansprucht, dieses die Schulung, die dorthin führen soll.

    DE
  9. 1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß

    Die umfassendste Einzeldarstellung von Steiners Kosmologie, begonnen innerhalb der theosophischen Bewegung und unter der Anthroposophie weitergeführt, mit vier Vorreden von 1909 bis 1925.

    DE
  10. 1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

    Steiners zweites Buch über die Christus-Gestalt, neun Jahre nach Das Christentum als mystische Tatsache; es führt die Darstellung weit tiefer in esoterische Behauptungen hinein.

    EN
  11. 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

    Steiners wichtigste schriftliche Äußerung zur Gesellschaft, geschrieben für die Monate nach der deutschen Revolution; schon wenige Jahre später erreichte sie englische Leser als The Threefold Commonwealth.

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