WerkRudolf Steiner

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

Steiners Plan für den Neubau des besiegten Deutschland: ein freies Geistesleben, gleiches Recht für alle und eine Wirtschaft in brüderlichen Assoziationen.

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Deutsch

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Ein Flugblatt mit der Überschrift „An das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ ging im März 1919, vier Monate nach Deutschlands Niederlage, durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, unterzeichnet vom Schriftsteller Hermann Hesse, dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck und rund dreihundert weiteren. Verfasst hatte es Rudolf Steiner, und Ende April veröffentlichte er das Buch, das dahinterstand. Den Gedanken hatte er 1917 zuerst in Denkschriften an die deutsche und die österreichische Regierung gerichtet; nun trug er ihn in die Öffentlichkeit. Die Kernpunkte der sozialen Frage argumentiert, der moderne Einheitsstaat sei gescheitert, weil er drei verschiedene Arten von Leben als eines zu lenken versuchte. Das Geistesleben – Schulen, Universitäten, Künste – soll sich in Freiheit selbst verwalten; die Rechte, die alle Bürger teilen, gehören in einen demokratischen Staat, in dem alle gleich sind; und das Wirtschaftsleben sollen Assoziationen von Erzeugern, Händlern und Verbrauchern tragen, verbunden durch Brüderlichkeit. Steiner nahm die drei Losungen der Französischen Revolution auf und argumentierte, sie ließen sich nur in einer so gegliederten Gesellschaft verwirklichen. Er schrieb mit Blick auf die Arbeiterbewegung. Marx' Denken gestand er höchstes intellektuelles Niveau zu, hielt aber daran fest, dass die Arbeitskraft eines Arbeiters niemals als Ware gekauft und verkauft werden dürfe und dass eine Wirtschaft in der Hand des Staates nur den alten Fehler wiederholen würde, alle drei Bereiche als einen zu führen. Binnen eines Jahres wurden mehr als vierzigtausend Exemplare verkauft. In Stuttgart bildete sich um den Zigarettenfabrikanten Emil Molt ein Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus, und im September 1919 öffnete eine Schule für die Kinder der Arbeiter seiner Waldorf-Astoria-Fabrik, von ihren Lehrern unabhängig vom Staat geführt: die erste Waldorfschule. Bald erkannte Steiner, dass das Mitteleuropa der Nachkriegszeit den Plan nicht übernehmen würde, und die politische Kampagne endete.

Schlüsselbegriffe

Was meint das Buch mit dem Einheitsstaat?

Den modernen Staat, der Geistesleben, Recht und Wirtschaft durch eine Regierung lenkt und den Steiner als Wurzel der Krise nach dem Krieg ansieht. Er beaufsichtigt Schulen und Hochschulen, macht die Gesetze und lenkt zunehmend die Erzeugung, sodass jedes Glied den Grundsätzen der anderen unterworfen wird. Weder die alten Parteien noch die Sozialisten, so das Buch, stellten diese Einheit infrage; die Sozialisten wollten sie nur übernehmen.

Was sind die Assoziationen des Wirtschaftslebens?

Zusammenschlüsse, in denen Erzeuger, Händler und Verbraucher eines Zweiges oder einer Gegend zusammenwirken, damit die Erzeugung durch Verständigung und nicht bloß durch Konkurrenz dem wirklichen Bedarf angepasst wird. Sie tragen die Brüderlichkeit, die zum Wirtschaftsleben gehört. Gesetze geben oder Schulen führen dürfen Assoziationen nicht; ihre Sache ist allein, was erzeugt wird, wie es umläuft und wie es verbraucht wird.

Wie soll Kapital von einem Inhaber zum nächsten übergehen?

Nicht durch Verkauf oder Erbschaft, sondern durch Übertragung an einen anderen Fähigen, sobald der, der es aufgebaut oder geleitet hat, das nicht mehr kann. Die Wahl liegt beim scheidenden Leiter oder bei einer Körperschaft des Geisteslebens, nie beim Markt. Steiner vergleicht das mit dem geistigen Eigentum, das einige Zeit nach dem Tod seines Urhebers der Allgemeinheit gehört: ein Verfügungsrecht, kein Besitz zum Handeln.

Warum muss das Rechtsleben vom Wirtschaftsleben getrennt sein?

Weil das Recht betrifft, was alle Mündigen gleich angeht, während die Wirtschaft von Interessen und Macht lebt. Macht die Wirtschaft die Gesetze, so das Buch, schreibt der Stärkere die Regeln, und Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen werden Verhandlungssache. Getrennt legt ein demokratischer Staat Maß und Art der Arbeit als Recht fest, und die wirtschaftlichen Kräfte müssen innerhalb dieses Rahmens arbeiten, wie sie innerhalb der Naturbedingungen arbeiten.

Was heißt Ideologie in der Darstellung des modernen Arbeiters?

Der Begriff von Marx für ein Denken, das als bloßer Überbau über wirtschaftlichen Tatsachen gilt, und den der moderne Arbeiter nach Steiner auf das ganze Geistesleben anwandte. Religion, Kunst, Wissenschaft und Recht erschienen ihm als Spiegelungen der Interessen der herrschenden Klasse, ohne eigene Wirklichkeit. Steiner nimmt diese Erfahrung als echtes Symptom einer vom Leben abgeschnittenen Kultur, nicht als Irrtum, den man wegdiskutieren könnte.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Drei Glieder, drei Losungsworte

Warum passten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in einem Staat nie zusammen? Das Buch antwortet: Jedes gehört in ein anderes Glied der Gesellschaft, und jedes Glied braucht seine eigene Verwaltung.

Der Einheitsstaat, so das Buch, scheiterte, weil er drei verschiedene Arten von Leben als eines regierte. Das Geistesleben, von Schulen und Hochschulen bis zu den Künsten, braucht Freiheit, denn Fähigkeiten wachsen nur, wo Einzelne selbst urteilen. Das Rechtsleben, das betrifft, was allen Mündigen gemeinsam ist, braucht Gleichheit und gehört einem demokratischen Staat. Das Wirtschaftsleben, Erzeugung und Austausch der Güter, braucht Brüderlichkeit und soll von Assoziationen der Erzeuger, Händler und Verbraucher getragen werden. Steiner vergleicht die drei mit den Systemen des menschlichen Organismus, die nach eigenen Grundsätzen arbeiten und doch dem Ganzen dienen.

  • dreigliedriger sozialer Organismus
  • sozialer Organismus
  • soziale Organisation
  • Staat
  • Rechtsansprüche
  • Sozialtheorie
  • Sozialphilosophie
  • Freiheit des Einzelnen
  • geistliches Leben
  • Erziehung
  • Wissenschaft
  • Spiritualität

Arbeit ist keine Ware

Lässt sich die Arbeit eines Menschen kaufen und verkaufen wie Kohle, ohne dass etwas verloren geht? Das Buch verneint es und ordnet von dieser Weigerung aus das ganze Verhältnis von Arbeiter, Leiter und Kapital neu.

Steiner gibt dem Protest des Arbeiters recht: Im Lohnsystem ist die Arbeitskraft eine Ware, und ein Mensch empfindet das. Seine Antwort ist, die Arbeit aus dem Markt herauszunehmen. Der Rechtsstaat soll festlegen, wie lange, wie viel und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird, und Arbeiter und Leiter teilen dann den Ertrag dessen, was sie gemeinsam hervorbringen. Das Kapital gehört in die Hände der Fähigsten, aber nur, solange sie es verwalten können; danach soll es, weder verkauft noch vererbt, an einen anderen Fähigen übergehen.

  • Arbeit
  • Kapital
  • Kapitalismus
  • Eigentumsverhältnis
  • Privateigentum
  • Kommodifizierung
  • Wirtschaftsleben
  • Wirtschaftsorganisation
  • Ökonomik
  • individuelle Fähigkeit
  • Menschenwürde

Was die Arbeiter fragten

Warum fand der moderne Arbeiter Religion, Kunst und Wissenschaft wertlos für sich? Das Buch nimmt die Arbeiterbewegung ernst und hält fest, dass ihre Forderungen über die Antworten hinausweisen, die der Sozialismus ihr gab.

Der moderne Proletarier, schreibt Steiner, sei durch die Maschine und den Kapitalismus dazu erzogen worden, das ganze Geistesleben als Ideologie zu sehen, als Überbau über wirtschaftlichen Tatsachen, weil nichts darin von seiner Lage sprach. Steiner nimmt diese Erfahrung als wirkliches Symptom, nicht als Irrtum. Er bescheinigt dem Denken von Marx höchstes geistiges Niveau, hält aber fest, dass die Übergabe der Wirtschaft an den Staat den Fehler des Einheitsstaates in neuer Form wiederholen würde. Was die Arbeiter eigentlich verlangten, sei ein menschenwürdiges Dasein, und das könne nur eine dreigliedrige Ordnung geben.

  • Klassenbewusstsein
  • Ideologie
  • Arbeiterbewegung
  • Sozialismus
  • soziale Bewegungen
  • Sozialer Wandel
  • soziale Reform

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454
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Nr. 210

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Ideologie“ und „geistliches Leben“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 21 Paarungen. 93 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Ideologiegeistliches Leben9
ArbeitKapital6
Erziehungsoziale Reform6
Sozialer Wandelsoziale Reform5
IdeologieSozialer Wandel4
IdeologieSozialphilosophie3
Sozialer Wandelgeistliches Leben3
ArbeitErziehung2
Arbeitsoziale Reform2
ArbeitSozialphilosophie2
Erziehunggeistliches Leben2
ErziehungSozialphilosophie2
geistliches Lebensoziale Reform2
Sozialphilosophiesoziale Reform2
Arbeitgeistliches Leben1
ArbeitIdeologie1
ArbeitSozialer Wandel1
ErziehungIdeologie1
ErziehungKapital1
Kapitalsoziale Reform1
KapitalSozialer Wandel1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1891 Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre)

    Eine Doktorarbeit und das Fundament der Philosophie der Freiheit – auch wenn die meisten Leser sie nur aus dem Buch von 1892 kennen, das sie in sich aufnahm.

    DE
  2. 1894 Die Philosophie der Freiheit

    Das philosophische Zentrum von Steiners Werk, geschrieben in seinen Weimarer Jahren noch vor aller Theosophie – und das Buch, auf das er spätere Leser immer wieder zurückverwies.

    DE
  3. 1895 Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit

    Entstanden zwischen der Philosophie der Freiheit und dem Goethe-Buch, als Steiner sich noch zu Nietzsches Verbündeten zählte und bevor sein Verhältnis zum Nietzsche-Archiv zerbrach.

    DE
  4. 1897 Goethes Weltanschauung

    Das letzte Buch aus Steiners Weimarer Jahren und die Summe seiner Arbeit als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften; die Erkenntnistheorie dazu lieferte Die Philosophie der Freiheit.

    DE
  5. 1901 Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens

    Das erste Buch, das aus Steiners Vorträgen vor den Theosophen hervorging, noch in der Stimme des naturalistischen Philosophen der 1890er-Jahre geschrieben; Das Christentum als mystische Tatsache folgte aus dem nächsten Vortragszyklus.

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  6. 1902 Das Christentum als mystische Tatsache (Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums)

    Das Buch, das Steiners Wende von der Philosophie zum esoterischen Christentum markiert, zuerst als Vorträge vor den Berliner Theosophen gehalten, in den Monaten, bevor er ihr Leiter wurde.

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  7. 1904 Theosophie

    Begonnen zwei Jahre, nachdem Steiner die Leitung der deutschen Theosophen übernommen hatte – das systematische Fundament, auf dem seine späteren Darstellungen der Einweihung und der Weltentwicklung aufbauen.

    DE
  8. 1904 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

    Das praktische Gegenstück zur Theosophie: Jenes Buch beschreibt, was der geschulte Seher zu schauen beansprucht, dieses die Schulung, die dorthin führen soll.

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  9. 1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß

    Die umfassendste Einzeldarstellung von Steiners Kosmologie, begonnen innerhalb der theosophischen Bewegung und unter der Anthroposophie weitergeführt, mit vier Vorreden von 1909 bis 1925.

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  10. 1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

    Steiners zweites Buch über die Christus-Gestalt, neun Jahre nach Das Christentum als mystische Tatsache; es führt die Darstellung weit tiefer in esoterische Behauptungen hinein.

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  11. 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft du bist hier DEEN
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