WerkRudolf Steiner

Die Philosophie der Freiheit

Das Buch, von dem Steiner erwartete, dass es all seine anderen überdauern würde: der Nachweis, dass der Mensch durch das Denken frei wird.

von Rudolf Steiner382 Passagen vorhanden

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Überblick

Eduard von Hartmann, Verfasser der Philosophie des Unbewußten und damals einer der meistgelesenen Philosophen Deutschlands, erhielt im November 1893 ein Exemplar dieses Buches und schickte es binnen zwei Wochen zurück, die Ränder voller Einwände. Rudolf Steiner, zweiunddreißig Jahre alt, gab im Weimarer Goethe-Archiv Goethes naturwissenschaftliche Schriften heraus und hatte Hartmann sein vorheriges Buch gewidmet. Die Philosophie der Freiheit fragt, ob der Mensch frei handeln kann oder von Gesetzen getrieben wird, die so unverrückbar sind wie die der Natur – und sie antwortet, indem sie zuerst auf das Denken blickt. Das Denken, so Steiner, ist die einzige Tätigkeit, die wir selbst hervorbringen und bis zu ihrem Ende verfolgen können; darum ist es der eine Ort, an dem wir die Welt von innen kennen. Frei in diesem Sinn ist eine Handlung, die aus einer Idee hervorgeht, die der Mensch selbst erfasst hat – nicht aus einem Befehl, einer Pflicht im Sinne Kants oder einem Trieb. Steiner nannte das ethischen Individualismus. Hartmann urteilte, zwischen den Teilen des Buches klaffe eine unüberbrückbare Kluft. Robert von Zimmermann, der Wiener Philosoph, dessen Vorlesungen Steiner gehört hatte, warf ihm einen theoretischen Anarchismus vor, der Nietzsche noch übertreffe. Der Verleger druckte tausend Exemplare, setzte bis 1907 etwa vierhundert davon ab und geriet in finanzielle Schwierigkeiten; Steiner und Marie von Sivers, seine spätere Frau, kauften den Rest. 1918, inzwischen Leiter der anthroposophischen Bewegung, brachte Steiner eine überarbeitete Ausgabe heraus: mit neuer Vorrede und langen Zusätzen, die seinen Kritikern antworteten. Ob die Überarbeitung zugleich die Spuren eines atheistischen, an Stirner erinnernden Individualismus aus der Erstausgabe tilgte, ist in der Forschung bis heute umstritten. Die akademische Philosophie hat das Buch weitgehend übergangen. Englische Leser kennen es unter drei Titeln, darunter The Philosophy of Spiritual Activity, den Steiner selbst vorgeschlagen hatte.

Schlüsselbegriffe

Was meint das Buch mit Wahrnehmung?

Alles, was uns erscheint, bevor das Denken daran gearbeitet hat: Farben, Töne, Wärme, Gefühle, sogar das eigene Selbst, wie es sich zunächst zeigt. Eine Wahrnehmung ist noch keine Vorstellung; die Vorstellung ist ein schon auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogener und festgehaltener Begriff. Für sich genommen sind Wahrnehmungen zusammenhanglos und unvollständig. Volle Wirklichkeit werden sie erst, wenn das Denken die Begriffe hinzubringt, die zu ihnen gehören.

Warum verwirft das Buch naiven Realismus und kritischen Idealismus zugleich?

Weil jeder eine Hälfte der Wirklichkeit für das Ganze nimmt. Der naive Realismus hält die Dinge für so, wie wir sie wahrnehmen; der kritische Idealismus schließt, gestützt auf die Physiologie, die Welt sei nur unsere Vorstellung. Doch das Argument des Physiologen braucht Augen und Nerven als wirklich Wahrgenommenes und sägt so den Ast ab, auf dem es sitzt. Wahrnehmung und Begriff zusammen, im Erkennen verbunden, sind die Wirklichkeit.

Wer ist der freie Geist?

Der Name des Buches für den Menschen, sofern er aus moralischer Intuition handelt statt aus Trieben, Sitte oder Befehl. Ein freier Geist missachtet Gesetze und Sitten nicht, folgt ihnen aber nur, wo er ihre Idee selbst erfasst hat. Ganz frei ist niemand, räumt das Buch ein; seine Maxime für das Freie in uns lautet: Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens.

Was sind moralische Intuition, moralische Phantasie und moralische Technik?

Drei Fähigkeiten, die eine freie Tat braucht. Die moralische Intuition erfasst die Idee dessen, was geschehen soll; die moralische Phantasie macht aus dieser allgemeinen Idee eine konkrete, auf diese Lage passende Vorstellung; die moralische Technik ist die Kenntnis der Welt, die nötig ist, um sie zu verändern, ohne ihre Gesetze zu verletzen. Wer Intuitionen hat, aber keine Phantasie, handelt nach fremden Vorstellungen statt nach eigenen.

Welchen Monismus vertritt das Buch?

Eine Einheit, die im Erkennen errungen und nicht vorausgesetzt wird. Die Welt erscheint gespalten, weil unsere Organisation sie in zwei Teilen empfängt, als Wahrnehmung und als Begriff, und das Denken fügt beide wieder zusammen. Ein Monismus in diesem Sinn bestreitet jede zweite Welt hinter der Erfahrung, sei es Kants Ding an sich oder ein unbewusster Wille, und lässt dem freien Menschen keine höhere Autorität als sein eigenes Erfassen der Ideen.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Das Denken, von innen gesehen

Gibt es einen Ort, an dem ein Mensch die Welt von innen kennt und nicht bloß als ihr Bild? Das Buch findet ihn im Denken, der einen Tätigkeit, die wir selbst hervorbringen und bis zu Ende überschauen können.

Gegen die Behauptung, von Schopenhauer bis zu den kritischen Idealisten, die Welt sei nur meine Vorstellung, hält der erste Teil, dass Wahrnehmung und Begriff zwei Hälften einer Wirklichkeit sind und die Wahrnehmung allein nur die eine liefert. Im gewöhnlichen Leben ist das Denken die Ausnahme: das, was wir tun, ohne es zu beobachten. Richtet man den Blick darauf, bringt der Beobachter einmal selbst hervor, was er beobachtet. Erkennen heißt dann, jeder Wahrnehmung durch das Denken den Begriff hinzuzufügen, der zu ihr gehört; die Zweiheit liegt in unserer Organisation, nicht in der Welt.

  • Denken
  • Erkenntnistheorie
  • Wahrnehmung
  • Begriffe
  • Beobachtung
  • Wissen
  • naiver Realismus
  • Vorstellung
  • Idealismus
  • Bewusstsein
  • Selbstbewusstsein
  • Monismus
  • Erfahrung
  • Subjektivität
  • Gedanke
  • Metaphysik

Handeln aus der eigenen Idee

Kann ein Mensch überhaupt frei handeln, oder gehorcht er immer einem Trieb, einem Befehl, einer Pflicht? Das Buch antwortet: Frei ist eine Tat, deren Grund eine Idee ist, die der Handelnde selbst erfasst hat.

Der zweite Teil verweigert beide Antworten seiner Zeit. Spinoza und die Naturforscher erklärten jede Handlung für verursacht; Kant gründete die Sittlichkeit auf eine gebietende Pflicht, und Steiner setzt Kants Anruf an die Pflicht, den erhabenen großen Namen, einen an die Freiheit entgegen, den freundlichen menschlichen Namen. Der freie Geist handelt aus moralischer Intuition, einer Idee, die sein eigenes Denken aus der allen gemeinsamen Ideenwelt schöpft, und die moralische Phantasie macht daraus diese bestimmte Tat. Er nennt das ethischen Individualismus und räumt ein, dass das meiste menschliche Handeln dahinter zurückbleibt.

  • Freier Wille
  • Freiheit
  • Ethik
  • Motivation
  • Individualität
  • ethischer Individualismus
  • Intuition
  • moralische Intuition
  • Wille
  • Handlungsmacht
  • Verursachung

Ist das Leben seinen Schmerz wert?

Enthält ein Leben mehr Leid als Lust, und wäre es damit wertlos? Das Buch nimmt es mit Hartmanns Pessimismus auf und bestreitet, dass sich der Wert eines Lebens als Summe von Lüsten berechnen lässt.

Eduard von Hartmann hatte ausgerechnet, dass in jedem Leben die Unlust die Lust überwiegt, und daraus geschlossen, die Menschen sollten selbstlos an der Erlösung der Welt vom Dasein arbeiten. Steiner lässt weder die Rechnung noch den Schluss gelten. Lust sei an der Stärke des Begehrens zu messen, das sie befriedigt, nicht wie Münzen zu addieren, und ein strebendes Wesen nimmt für das Gewollte bereitwillig Schmerz auf sich. Ein freier Mensch braucht keinen Überschuss an Lust, um sich zum Leben bestechen zu lassen; der Wert liegt im Verwirklichen eigener Ziele.

  • Pessimismus
  • Lust
  • Verlangen

In diesem Werk

Passagen vorhanden
382
eigenständige Begriffe
305
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 197

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Erkenntnistheorie“ und „Wahrnehmung“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 24 Paarungen. 87 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
ErkenntnistheorieWahrnehmung44
BegriffeWahrnehmung26
DenkenErkenntnistheorie24
DenkenWahrnehmung20
BegriffeDenken14
DenkenWissen13
ErkenntnistheorieMonismus11
MonismusWahrnehmung11
BegriffeErkenntnistheorie7
BegriffeMonismus7
WahrnehmungWissen7
BegriffeWissen5
DenkenMonismus4
ErkenntnistheorieWissen4
FreiheitMonismus4
Freier WilleMonismus3
FreiheitWissen3
BegriffeFreier Wille2
DenkenFreier Wille2
ErkenntnistheorieFreiheit2
Freier WilleFreiheit2
FreiheitWahrnehmung2
Freier WilleWissen1
MonismusWissen1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1891 Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre)

    Eine Doktorarbeit und das Fundament der Philosophie der Freiheit – auch wenn die meisten Leser sie nur aus dem Buch von 1892 kennen, das sie in sich aufnahm.

    DE
  2. 1894 Die Philosophie der Freiheit du bist hier DE
  3. 1895 Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit

    Entstanden zwischen der Philosophie der Freiheit und dem Goethe-Buch, als Steiner sich noch zu Nietzsches Verbündeten zählte und bevor sein Verhältnis zum Nietzsche-Archiv zerbrach.

    DE
  4. 1897 Goethes Weltanschauung

    Das letzte Buch aus Steiners Weimarer Jahren und die Summe seiner Arbeit als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften; die Erkenntnistheorie dazu lieferte Die Philosophie der Freiheit.

    DE
  5. 1901 Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens

    Das erste Buch, das aus Steiners Vorträgen vor den Theosophen hervorging, noch in der Stimme des naturalistischen Philosophen der 1890er-Jahre geschrieben; Das Christentum als mystische Tatsache folgte aus dem nächsten Vortragszyklus.

    EN
  6. 1902 Das Christentum als mystische Tatsache (Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums)

    Das Buch, das Steiners Wende von der Philosophie zum esoterischen Christentum markiert, zuerst als Vorträge vor den Berliner Theosophen gehalten, in den Monaten, bevor er ihr Leiter wurde.

    EN
  7. 1904 Theosophie

    Begonnen zwei Jahre, nachdem Steiner die Leitung der deutschen Theosophen übernommen hatte – das systematische Fundament, auf dem seine späteren Darstellungen der Einweihung und der Weltentwicklung aufbauen.

    DE
  8. 1904 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

    Das praktische Gegenstück zur Theosophie: Jenes Buch beschreibt, was der geschulte Seher zu schauen beansprucht, dieses die Schulung, die dorthin führen soll.

    DE
  9. 1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß

    Die umfassendste Einzeldarstellung von Steiners Kosmologie, begonnen innerhalb der theosophischen Bewegung und unter der Anthroposophie weitergeführt, mit vier Vorreden von 1909 bis 1925.

    DE
  10. 1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

    Steiners zweites Buch über die Christus-Gestalt, neun Jahre nach Das Christentum als mystische Tatsache; es führt die Darstellung weit tiefer in esoterische Behauptungen hinein.

    EN
  11. 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

    Steiners wichtigste schriftliche Äußerung zur Gesellschaft, geschrieben für die Monate nach der deutschen Revolution; schon wenige Jahre später erreichte sie englische Leser als The Threefold Commonwealth.

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