WerkRudolf Steiner

Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens

Eckhart, Böhme und Angelus Silesius, gelesen als Verbündete Haeckels und der modernen Naturwissenschaft – in Vorträgen vor Theosophen.

von Rudolf Steiner148 Passagen vorhanden

  • Englisch, eine hier vorhandene Übersetzung
Erstveröffentlichung
(mit 40 Jahren)
Originalsprache
Deutsch

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Überblick

Das Publikum bestand aus etwa zwanzig Menschen, die sich einmal in der Woche in der Theosophischen Bibliothek in Berlin trafen, dem Lesesaal von Graf und Gräfin von Brockdorff. Rudolf Steiner hielt vor ihnen sechsundzwanzig Vorträge, den letzten am 26. April 1901. Im Herbst veröffentlichte er das daraus hervorgegangene Buch, Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens, das Bertram Keightley, ein englischer Theosoph und einstiger Mitarbeiter Helena Blavatskys, 1911 als Mystics of the Renaissance and Their Relation to Modern Thought übersetzte. Das Buch reicht von Meister Eckhart über Tauler, Seuse und Ruysbroeck, Nikolaus von Kues, Agrippa und Paracelsus, Weigel und Jakob Böhme bis zu Giordano Bruno und Angelus Silesius, und es beginnt mit dem alten Gebot des delphischen Orakels: Erkenne dich selbst. Steiners These lautet, diese Männer hätten den Geist in der sich selbst erkennenden Seele gesucht, nicht in einem Gott hinter der Natur, und seien darum Vorläufer der modernen Naturwissenschaft. Die Wissenschaft, so seine Darstellung, habe aus der Natur alles entfernt, was nur dem menschlichen Geist angehörte, und die Mystiker hätten diese Reinigung begrüßt, hätten sie sie noch erlebt. Im Nachwort erklärt Steiner, er stehe ganz auf dem Boden der Naturwissenschaft, insbesondere auf dem von Ernst Haeckels Entwicklungslehre; seine Abstammung von Tieren nimmt er gelassen hin, und für seine eigene Anschauung verweist er die Leser auf Die Philosophie der Freiheit. Zugleich hört er einen schrillen Missklang, wo immer die frommen Bekenntnisse seiner Zeit mit den von Haeckel dargelegten Tatsachen zusammenstoßen, und findet bei Böhme und Silesius eine höhere Frömmigkeit, die mit diesen Tatsachen nicht im Streit liegt.

Schlüsselbegriffe

Was meint das Buch mit der Geburt Gottes in der Seele?

Eckharts Wort, das Steiner als bis zu Ende geführte Selbsterkenntnis liest. Erkennt die Seele sich selbst, so findet sie nicht einen weiteren Gegenstand unter anderen; der Geist wird seiner selbst gewahr, und dieses Erwachen nannten die Mystiker die Geburt Gottes im Inneren. So gelesen ist Gott kein äußeres Wesen, das die Seele erreicht, sondern etwas, das im Erkennen lebendig wird.

Was ist die gelehrte Unwissenheit des Nikolaus von Kues?

Das Wissen, dass die gewöhnlichen Begriffe, die eines vom anderen abgrenzen, vor dem Unendlichen versagen, in dem die Gegensätze zusammenfallen. Cusanus sah darin keine Niederlage. In Steiners Lesart ist das genaue Wissen, wo die Begriffe enden, selbst ein höheres Erkennen: der Punkt, an dem die Seele aufhört, das Göttliche von außen zu beschreiben, und beginnt, es zu erleben.

Warum nennt das Buch die Mystiker Vorläufer der Naturwissenschaft?

Weil sie, nachdem sie den Geist in der Selbsterkenntnis der Seele gefunden hatten, keine in der Natur verborgenen Geister mehr suchen mussten. Die Natur ließ sich dann allein aus natürlichen Ursachen erklären, und eben das tat die moderne Wissenschaft. Steiner hält fest, die Mystiker hätten es begrüßt, hätten sie erlebt, wie die Wissenschaft der Natur alles nahm, was nur dem menschlichen Geist angehörte.

Was bedeutet Erkenne dich selbst in diesem Buch?

Das delphische Gebot, wörtlich genommen und bis an seine Grenze geführt. Für Steiner benennt es den einen Akt, in dem der Geist Erkennender und Erkanntes zugleich ist: Indem die Seele sich selbst erkennt, fügt sie der Welt keine weitere Tatsache hinzu, sondern hebt sich auf eine höhere Stufe des Daseins. Die Mystiker, die er behandelt, von Eckhart bis Silesius, gelten ihm als verschiedene Weisen, dieses Gebot zu erfüllen.

Was ist die Gottesfreundschaft, die das Buch beschreibt?

Der Name des Kreises von Mystikern im vierzehnten Jahrhundert um Tauler, Seuse und Ruysbroeck, der Gottesfreunde. In Steiners Lesart trugen sie Eckharts Einsicht vom Erkennen ins Handeln: Die Geburt Gottes in der Seele sollte sich in einem verwandelten Leben zeigen, nicht nur im Verstehen. Tauler lernte das, in der Geschichte, die Steiner nacherzählt, von einem Laien, der ihm zeigte, dass Gelehrsamkeit allein nicht genügt.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Gott, geboren in der erkennenden Seele

Wo soll ein Mensch den Geist suchen: hinter der Natur oder in der Seele, die sich selbst erkennt? Das Buch liest die Mystiker von Eckhart bis Angelus Silesius so, dass sie das Zweite wählen und das alte Gebot, Erkenne dich selbst, beim Wort nehmen.

Meister Eckhart sagte, das Auge, in dem er Gott sehe, sei dasselbe Auge, darin Gott ihn sehe, und Steiner nimmt das als Schlüssel zur ganzen Reihe. In der Selbsterkenntnis, so sein Argument, beobachtet der Geist keinen Gegenstand; er wird seiner selbst gewahr, und was ein Gott außerhalb der Welt war, wird in der Seele geboren. Tauler machte aus der Einsicht eine Lebensweise, Nikolaus von Kues eine gelehrte Unwissenheit, die weiß, wo die Begriffe versagen, und Angelus Silesius Verse, nach denen Gott ohne ihn nicht einen Augenblick leben kann.

  • Mystik
  • Selbsterkenntnis
  • Selbstheit
  • inneres Erleben
  • Pneuma
  • geistige Verwandlung
  • Göttliche Immanenz
  • Göttlichkeit
  • Göttliche Vereinigung
  • Meister Eckhart
  • Theologie
  • Scholastik
  • Offenbarung
  • Glaube und Vernunft
  • geistige Wahrnehmung
  • geistige Erkenntnis
  • Freiheit
  • Subjektivität

Mystiker als Verbündete der Naturwissenschaft

Können Mystiker und Darwinisten auf derselben Seite stehen? Das Buch behauptet: Weil die Mystiker den Geist in der Seele fanden und nicht hinter der Natur, gaben sie die Natur frei, natürlich erklärt zu werden.

Die Wissenschaft, so Steiner, hat aus der Natur alles entfernt, was nur dem menschlichen Geist angehörte, und die Mystiker hätten das begrüßt. Wer den Geist in der Selbsterkenntnis gefunden hatte, brauchte keine Geister in Steinen und Sternen. So erforschte Paracelsus die Natur als Arzt, Bruno öffnete ein unendliches Weltall, und Böhme suchte den Ursprung von Gut und Böse in der Welt selbst. Im Nachwort erklärt Steiner, er stehe ganz auf dem Boden der Naturwissenschaft, nimmt seine Abstammung von Tieren gelassen hin und findet bei Böhme und Silesius eine Frömmigkeit, die mit Haeckels Tatsachen nicht streitet.

  • Natur
  • Evolution
  • Wissenschaft und Religion
  • Erkenntnistheorie
  • Wissen
  • Kognition
  • Wahrnehmung
  • Wahrnehmungsphilosophie
  • Kosmologie
  • Idealismus
  • Bewusstsein
  • Menschennatur

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226
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Nr. 420

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Erkenntnistheorie“ und „Selbsterkenntnis“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 24 Paarungen. 83 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
ErkenntnistheorieSelbsterkenntnis8
MystikSelbstheit8
MystikSelbsterkenntnis7
MystikWissen7
NaturPneuma7
ErkenntnistheorieNatur4
ErkenntnistheoriePneuma4
Erkenntnistheorieinneres Erleben3
ErkenntnistheorieMystik3
ErkenntnistheorieWissen3
Mystikinneres Erleben3
NaturWissen3
PneumaWissen3
Selbsterkenntnisinneres Erleben3
SelbsterkenntnisWissen3
SelbstheitWissen3
Wisseninneres Erleben3
MystikPneuma2
PneumaSelbsterkenntnis2
ErkenntnistheorieSelbstheit1
MystikNatur1
NaturSelbstheit1
PneumaSelbstheit1
Selbstheitinneres Erleben1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1891 Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre)

    Eine Doktorarbeit und das Fundament der Philosophie der Freiheit – auch wenn die meisten Leser sie nur aus dem Buch von 1892 kennen, das sie in sich aufnahm.

    DE
  2. 1894 Die Philosophie der Freiheit

    Das philosophische Zentrum von Steiners Werk, geschrieben in seinen Weimarer Jahren noch vor aller Theosophie – und das Buch, auf das er spätere Leser immer wieder zurückverwies.

    DE
  3. 1895 Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit

    Entstanden zwischen der Philosophie der Freiheit und dem Goethe-Buch, als Steiner sich noch zu Nietzsches Verbündeten zählte und bevor sein Verhältnis zum Nietzsche-Archiv zerbrach.

    DE
  4. 1897 Goethes Weltanschauung

    Das letzte Buch aus Steiners Weimarer Jahren und die Summe seiner Arbeit als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften; die Erkenntnistheorie dazu lieferte Die Philosophie der Freiheit.

    DE
  5. 1901 Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens du bist hier EN
  6. 1902 Das Christentum als mystische Tatsache (Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums)

    Das Buch, das Steiners Wende von der Philosophie zum esoterischen Christentum markiert, zuerst als Vorträge vor den Berliner Theosophen gehalten, in den Monaten, bevor er ihr Leiter wurde.

    EN
  7. 1904 Theosophie

    Begonnen zwei Jahre, nachdem Steiner die Leitung der deutschen Theosophen übernommen hatte – das systematische Fundament, auf dem seine späteren Darstellungen der Einweihung und der Weltentwicklung aufbauen.

    DE
  8. 1904 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

    Das praktische Gegenstück zur Theosophie: Jenes Buch beschreibt, was der geschulte Seher zu schauen beansprucht, dieses die Schulung, die dorthin führen soll.

    DE
  9. 1910 Die Geheimwissenschaft im Umriß

    Die umfassendste Einzeldarstellung von Steiners Kosmologie, begonnen innerhalb der theosophischen Bewegung und unter der Anthroposophie weitergeführt, mit vier Vorreden von 1909 bis 1925.

    DE
  10. 1911 Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit

    Steiners zweites Buch über die Christus-Gestalt, neun Jahre nach Das Christentum als mystische Tatsache; es führt die Darstellung weit tiefer in esoterische Behauptungen hinein.

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  11. 1919 Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

    Steiners wichtigste schriftliche Äußerung zur Gesellschaft, geschrieben für die Monate nach der deutschen Revolution; schon wenige Jahre später erreichte sie englische Leser als The Threefold Commonwealth.

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