Das Suchen vor dem Besitz
Ist die Wahrheit mehr wert als die Mühe um sie? Lessings berühmter Absatz verneint es und macht das rastlose Suchen zum Maß des Menschen.
Der Absatz steht weit vorn, bevor ein einziger Widerspruch gewogen wird. Nicht die Wahrheit, in deren Besitz ein Mensch ist oder zu sein meint, macht seinen Wert, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter sie zu kommen, denn nur im Forschen erweitern sich die Kräfte, in denen seine Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. Vor die Wahl gestellt zwischen aller Wahrheit in Gottes Rechten und dem regen Trieb nach ihr in seiner Linken, mit dem Zusatz, ewig zu irren, wählt Lessing die Linke. Die reine Wahrheit ist für Gott allein.
- Erkenntnistheorie
- Religiöse Überzeugung
- Argumentation
- Logik
- Polemik
- Rhetorik
- Ironie
Ins Gespräch kommen
- Zwischen aller Wahrheit und dem ewigen Suchen wählen Sie das Suchen. Wie kann ein Suchen, das nie ankommt, mehr wert sein als eine Antwort?
- Jemand ist sicher, den rechten Glauben zu haben, und hört auf zu fragen. Was hat er Ihnen zufolge verloren, gerade weil er recht hat?
- Einen Verteidiger der Ostergeschichten begrüßen Sie als greisen Nestor, der sich dem Helden Hektor stellt, weil kein jüngerer Grieche es wagte. Welcher Stachel steckt in dieser Höflichkeit?
- Die reine Wahrheit ist, wie Sie sagen, für Gott allein. Bleibt einem Gläubigen dann noch das Recht, seinen Glauben wahr zu nennen?