Luthers Geist gegen Luthers Buchstaben
Wer darf einem Christen sagen, wo das Forschen in der Schrift aufzuhören hat? Lessing antwortet: niemand, und er setzt den Sinn der Reformation auf diese Antwort.
Goeze, der Hamburger Hauptpastor, hielt den Druck der anonymen Fragmente für Gotteslästerung und hoffte auf ein Einschreiten des Reichshofrats. Lessing wendet das Luthertum gegen ihn. Ein wahrer Lutheraner will von Luthers Geist geschützt sein, nicht von Luthers Schriften, und dieser Geist verbietet, irgendjemanden am Forschen in der Schrift zu hindern. Pastoren, die dem Forschen Grenzen ziehen, haben sich zu kleinen Päpsten gemacht. Einen Einwand zu drucken heißt demnach, dem Gesundheitsrat ein Gift anzuzeigen, nicht die Pest ins Land zu bringen.
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Ins Gespräch kommen
- Sie berufen sich auf Luthers Geist gegen Luthers Schriften. Warum hätte gerade der Reformator verboten, irgendjemanden am Forschen in der Schrift zu hindern?
- Pastoren, die ihrer Gemeinde vorschreiben, wo das Forschen enden muss, werden Ihnen zufolge kleine Päpste. Schuldet ein Hirte seiner Herde nicht etwas Schutz?
- Sie vergleichen den Druck der anonymen Fragmente damit, dem Gesundheitsrat ein Gift anzuzeigen. Warum verbreitet den Angriff nicht, wer ihn offenlegt?
- Jemand verwahrt ein gefährliches Buch, das er für falsch hält. Ist es Ihrem Argument zufolge mutiger, es zu drucken oder es wegzuschließen?
- Goeze, der Hamburger Hauptpastor, wollte den Reichshofrat gegen Sie aufbringen. Warum loben Sie das mit bitterer Ironie als „ganz in Luthers Geiste“ gedacht?