Lässt sich Gesellschaft wissenschaftlich untersuchen?
Kann ein Forscher die Gesellschaft untersuchen, ohne von ihr geprägt zu sein? Die Antwort entscheidet darüber, ob die Soziologie kausale Aussagen treffen kann oder ob jede Erklärung lediglich die überkommenen Annahmen des Beobachters wiederholt.
Spencer beginnt bei einem Problem, das die Chemie nicht kennt: Wer die Gesellschaft beobachtet, ist von eben den Verhältnissen geformt, die er untersuchen will. In Einleitung in das Studium der Sociologie zeigt er, wie Klassenlage, Religion, Vaterlandsliebe und Schulbildung das Urteil biegen, ehe die Belege es berichtigen können; darum braucht die Soziologie geschulte Selbstkenntnis statt der Einbildung, neutral zu sein. Die Folge erschien 1873, ihre Warnung bleibt methodisch: erst die Richtung der Verzerrung bestimmen, dann die Ursachenbehauptungen daran prüfen. Beobachtung ist nie unschuldig.
- Soziologie
- Erkenntnistheorie
- Methodologie
- Voreingenommenheit
- Sozialwissenschaft
- Wissenschaftliche Methode
- Wissenschaft
- Rationalität
- Psychologie
- Kognition
- Menschennatur
- Verursachung
Ins Gespräch kommen
- Wenn der Patriotismus eines Gelehrten prägt, was als selbstverständlich erscheint, wie soll die Untersuchung vorgehen, ohne Neutralität vorzutäuschen?
- Selbsterkenntnis gilt als Heilmittel gegen Befangenheit; weshalb sollte das Erkennen einer Voreingenommenheit ihre Autorität schwächen?
- Wenn jeder Forschende innerhalb der Gesellschaft steht, auf welche Gewissheit muss eine wissenschaftliche Soziologie verzichten?
- Wie lässt sich eine disziplinierte Bewusstheit für die eigene Befangenheit davon unterscheiden, bloß ein Vorurteil durch ein anderes zu ersetzen?