Ein Geist, den die Erfahrung einrichtet
Wenn dem Geist bei der Geburt keine Wahrheit eingeprägt ist, woher stammt dann alles, was ein Mensch denkt? An der Antwort hängt, ob irgendein Grundsatz der Moral oder der Religion seine Herkunft verschweigen darf.
Das erste Buch räumt auf: Die angeblich angeborenen Grundsätze sind Kindern und ganzen Völkern unbekannt, die allgemeine Zustimmung beweist also nichts. Das zweite Buch setzt die Alternative dagegen. Der Geist ist ein weißes Blatt, und zwei Quellen beschreiben es: die Sinneswahrnehmung, die Farben, Töne und Festigkeit liefert, und die Reflexion, mit der der Geist sein eigenes Tun bemerkt. Einfache Ideen kommen ungefragt und lassen sich nicht erfinden, zusammengesetzte werden aus ihnen gebaut. Locke richtet das gegen die Schulphilosophie und die Anhänger Descartes’. Ein Grundsatz, an dem niemand zweifeln durfte, wird so zu einer Überzeugung mit Vorgeschichte.
- Ideen
- angeborene Ideen
- Wahrnehmung
- Empfindung
- Empirismus
- Erkenntnistheorie
Ins Gespräch kommen
- Sie nennen den Geist des Neugeborenen ein weißes Blatt ohne jedes Zeichen. Wenn alles darauf aus Erfahrung stammt, wie stellt sich jemand nie Gesehenes vor?
- Wer nie eine Ananas gegessen hat, lernt ihren Geschmack aus keiner Beschreibung. Was verrät diese kleine Tatsache darüber, wo alle Ideen ihren Anfang nehmen?
- Dasselbe Wasser fühlt sich für die eine Hand warm, für die andere kalt an. Liegt die Wärme im Wasser oder nur in dem, der sie spürt?
- Die Geschichten einer Magd können im Kopf eines Kindes Dunkelheit und Kobolde fürs Leben verknüpfen. Wie löst ein Erwachsener eine Verbindung, die nie die Vernunft geknüpft hat?
- Ein Blindgeborener unterscheidet Würfel und Kugel durch Tasten. Warum könnte er sie, plötzlich sehend, Ihrer Ansicht zufolge nicht mit den Augen unterscheiden?