WerkMartin Luther

Vorrede auf die Epistel S. Paul an die Römer

Wenige Seiten, geschrieben für Luthers deutsches Neues Testament, wo sie vor dem Brief des Paulus stehen – zwei Jahrhunderte später hörte John Wesley sie in London vorlesen.

von Martin Luther28 Passagen vorhanden

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Überblick

Am Abend des 24. Mai 1738 ging John Wesley, ein anglikanischer Geistlicher, der später den Methodismus begründen sollte, zu einer religiösen Versammlung in der Aldersgate Street in London, wo jemand diese Vorrede vorlas. Gegen Viertel vor neun spürte er die Gewissheit, dass er allein auf Christus vertraute, und hielt das in seinem Tagebuch fest. Der Text, den er hörte, war mehr als zwei Jahrhunderte zuvor als Leseanleitung geschrieben worden. Luther hatte das Neue Testament im Winter 1521/22 auf der Wartburg in elf Wochen aus dem Griechischen übersetzt, es mit Philipp Melanchthon überarbeitet und im September 1522 in Wittenberg mit Vorreden zu den einzelnen Büchern veröffentlicht. Der Römerbrief, sagt Luther, sei das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das lauterste Evangelium, ein Brief, den ein Christ auswendig kennen und täglich als Brot der Seele gebrauchen sollte; die Ausleger hätten ihn unter Glossen begraben. Die erste Aufgabe des Lesers sei, das Vokabular des Paulus zu lernen – Gesetz, Sünde, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Fleisch, Geist –, denn Paulus gebrauche diese Wörter nicht so wie alle anderen. Das Gesetz etwa wird nur von Herzen erfüllt; wer also aus Furcht vor Strafe tut, was es verlangt, und lieber anders handeln würde, hat es nicht erfüllt. Der Glaube ist nicht der menschliche Wahn, den die Leute dafür halten und der ihr Leben unverändert lässt. Er ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, und er tut gute Werke, bevor jemand fragt, ob Werke nötig sind; Werke lassen sich vom Glauben so wenig trennen wie Brennen und Leuchten vom Feuer. Danach geht die Vorrede die Argumentation des Paulus Kapitel für Kapitel durch. Das Septembertestament erschien in drei- bis fünftausend Exemplaren, und schon im Dezember musste eine zweite Auflage gedruckt werden.

Schlüsselbegriffe

Was heißt „Gesetz“ in Luthers Lesart des Paulus?

Das Gesetz ist Gottes Forderung an das Herz, keine Liste von Taten, die zu tun oder zu lassen sind. Menschlichen Gesetzen genügt man mit äußeren Werken, Gott aber richtet nach des Herzens Grund, also ist sein Gesetz erst gehalten, wenn es gern geschieht. Wer aus Furcht vor Strafe gehorcht und lieber anders täte, hat es im Sinn des Paulus gebrochen. Darum lässt es sich ohne den Geist nicht erfüllen.

Was ist Sünde nach der Vorrede zum Römerbrief?

Sünde ist nicht nur die äußere Tat, sondern die ganze Regung des Herzens, die einen Menschen zu ihr treibt. Kein äußeres Werk der Sünde geschieht, sagt Luther, ohne dass der Mensch mit Leib und Seele dahinfährt. Ihre Wurzel ist der Unglaube, das Versagen des Herzens, Gott zu trauen. Aus dieser Wurzel wachsen alle anderen Sünden, darum kommt ihr nur der Glaube bei, keine Anstrengung.

Wie unterscheiden sich Gnade und Gabe?

Gnade ist Gottes Huld uns gegenüber, die er in sich selbst trägt. Gaben sind, was diese Huld in uns gießt: Christus und den Geist mit seinen Kräften. Die Gaben wachsen täglich und bleiben unvollkommen, weil böse Lüste noch da sind. Die Gnade wächst nicht stückweise. Sie deckt den ganzen Menschen auf einmal, um Christi willen, sodass ein Glaubender als ganz gerecht gilt, während er noch gerecht gemacht wird.

Was meint Paulus mit „Fleisch“ und „Geist“?

Fleisch ist nicht bloß die Unkeuschheit und Geist nicht bloß das Innere. In Luthers Lesart heißt Fleisch der ganze Mensch, Leib und Seele, Vernunft und Sinne, sofern alles an ihm das Seine sucht. Selbst das geistlichste Denken kann so fleischlich sein. Geist heißt ein Mensch, innen wie außen, den der Heilige Geist bewegt, auch wenn er gewöhnliche leibliche Arbeit tut.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Paulus’ Wörter, vom Herzen her gelesen

Was wird aus Gesetz, Sünde, Gnade und Glaube, wenn man sie am Herzen misst statt am äußeren Verhalten? Wer diese Verschiebung übersieht, liest nach Luther den ganzen Römerbrief falsch.

Als Leseanleitung, nicht als Abhandlung, lehrt die Vorrede erst einen Wortschatz und geht dann den Brief durch. Gott richtet nach des Herzens Grund, also ist ein Gesetz, das man aus Furcht vor Strafe befolgt, gar nicht gehalten. Sünde heißt der ganze Mensch, der zur Tat hinfährt, und ihre Wurzel ist der Unglaube. Gnade ist Gottes Huld, verschieden von den Gaben, die sie eingießt, und Fleisch meint den ganzen Menschen samt Vernunft. Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht, die Gutes tut, ehe jemand fragt, ob Werke nötig sind.

  • Recht
  • Sünde
  • Gnade
  • Glauben
  • Rechtfertigung
  • Menschennatur
  • gute Werke
  • Gewissen
  • Heuchelei
  • Heiligung
  • innerer Konflikt
  • Moralpsychologie
  • Evangelium

In diesem Werk

Passagen vorhanden
28
eigenständige Begriffe
56
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 741

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Glauben“ und „Gnade“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 6 Konzepte, verbunden durch 15 Paarungen. 18 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
GlaubenGnade8
GnadeRecht8
RechtSünde8
GlaubenRecht5
GlaubenRechtfertigung5
GnadeSünde5
GnadeRechtfertigung4
MenschennaturRecht4
MenschennaturSünde4
RechtRechtfertigung4
GlaubenSünde3
RechtfertigungSünde3
GnadeMenschennatur2
GlaubenMenschennatur1
MenschennaturRechtfertigung1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1517 Die 95 Thesen (Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum)

    Hier begann der Streit: mit einer akademischen Übung in lateinischer Sprache, auf die binnen Monaten die deutsche Predigt folgte, die ihre Argumente zu den Laien trug.

    LA
  2. 1518 Ein Sermon von Ablaß und Gnade

    Derselbe Ablassstreit wie in Die 95 Thesen, wenige Monate später aus dem lateinischen Hörsaal geholt und den Laien auf Deutsch vorgelegt.

    DE
  3. 1520 An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung

    Die erste der drei Schriften von 1520, die den Bruch mit Rom öffentlich machten; im Oktober folgte Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, im November Von der Freiheit eines Christenmenschen.

    DE
  4. 1520 Von den guten Werken

    Im Frühjahr 1520 erschienen, kurz vor den drei Programmschriften jenes Jahres, legt es in schlichtem Deutsch die Lehre von Glauben und Werken dar, die jene voraussetzen.

    DE
  5. 1520 Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)

    Von Luthers drei Schriften des Jahres 1520 die einzige, die lateinisch für die Gelehrten geschrieben ist: Der Aufruf an den Adel davor erschien auf Deutsch, Von der Freiheit eines Christenmenschen danach in beiden Sprachen.

    DE
  6. 1520 Von der Freiheit eines Christenmenschen

    Als Friedensangebot an den Papst gedacht, wendet sich die dritte von Luthers Schriften des Jahres 1520 von den Einrichtungen der Kirche ab und dem Leben des einzelnen Glaubenden zu.

    DE
  7. 1522 Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung

    Im Versteck geschrieben, zwischen dem Reichstag zu Worms und Luthers Rückkehr nach Wittenberg, im selben Winter, in dem er begann, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen.

    DE
  8. 1522 Vorrede auf die Epistel S. Paul an die Römer du bist hier DE
  9. 1523 Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei

    Eine Fortsetzung, die ihre Vorgängerin berichtigt: Drei Jahre nachdem er die Fürsten gebeten hatte, die Kirche zu reformieren, zieht Luther die Grenze, an der ihre Macht über Christen endet.

    DE
  10. 1529 Der Große Katechismus

    Predigten, die zum Buch wurden: die Katechismuspredigten, die Luther 1528 in Wittenberg hielt, umgearbeitet zum ausführlicheren seiner beiden Katechismen.

    DE
  11. 1529 Kleiner Katechismus

    Es erschien einen Monat nach dem größeren Buch, Der Große Katechismus, und gibt dem Haus die Worte zum Auswendiglernen, die jenes dem Prediger erklärt.

    DE
  12. 1530 Ein Sendbrief vom Dolmetschen

    Acht Jahre nach dem Septembertestament und vier vor der vollständigen deutschen Bibel erklärt Luther, wie die Übersetzung entstand und warum er sie nicht zurücknehmen wollte.

    DE
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