WerkMartin Luther

Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei

Ein Herzog befahl seinen Untertanen, Luthers Neues Testament abzuliefern, und Luther riet ihnen, ihm in allem zu gehorchen außer darin.

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Herzog Georg von Sachsen, der über die romtreu gebliebene Hälfte Sachsens herrschte, verfügte im November 1522, niemand in seinen Landen dürfe Luthers neues deutsches Neues Testament verkaufen oder besitzen, und jedes Exemplar sei abzuliefern. Martin Luther hatte im Monat zuvor in Weimar über die Frage des Gehorsams gepredigt, und aus diesen Predigten machte er diese Abhandlung, gewidmet Herzog Johann, dem Bruder des Kurfürsten Friedrich des Weisen. Sie erinnert zu Beginn an seinen Aufruf an den deutschen Adel von 1520, der den Herrschern gesagt hatte, was sie tun sollten; jetzt, sagt er, müsse er ihnen sagen, was sie lassen sollen. Der erste Teil verteidigt das Schwert gegen einen gewichtigen Einwand, das Gebot Christi in der Bergpredigt, dem Bösen nicht zu widerstehen. Luther teilt die Menschheit in zwei Gruppen. Wahre Christen brauchen weder Gesetz noch Schwert, weil sie mehr tun, als irgendein Gesetz verlangt; alle anderen brauchen beides, sonst würde die Welt sich selbst verschlingen. Ein Christ darf also um der anderen willen als Richter, Soldat oder Henker dienen, während er für sich selbst niemals Gewalt gebraucht. Der zweite Teil zieht die Grenze. Die weltliche Gewalt reicht bis an Leib und Gut und hört dort auf, denn niemand kann zum Glauben gezwungen werden. Ketzerei sollen die Bischöfe mit dem Wort bekämpfen, nicht die Fürsten mit dem Feuer. Ein Untertan, dem befohlen wird, seine Bücher herauszugeben, soll sich weigern, in allem anderen weiter gehorchen und die Strafe hinnehmen. Ein kluger Fürst, fügt Luther hinzu, sei seit Anbeginn der Welt ein seltener Vogel, ein guter noch seltener. Der dritte Teil berät den seltenen guten Fürsten, wie er um seiner Untertanen willen regieren soll. Die Widmung ist auf den Neujahrstag 1523 datiert; im März erschien die Schrift, und Herzog Georg beschwerte sich bei Friedrich über sie.

Schlüsselbegriffe

Was sind die zwei Reiche in „Von weltlicher Obrigkeit“?

Luther teilt die Menschen in zwei Gruppen. Zum Reich Gottes gehören die rechten Gläubigen, die nach dem Evangelium leben und kein Gesetz brauchen, um recht zu tun. Zum Reich der Welt gehören alle anderen, die große Mehrheit, die durch das Gesetz im Zaum gehalten werden müssen. Weil beide immer vermischt sind, hat Gott jedem sein eigenes Regiment gegeben, damit die Bösen nicht wüten können.

Warum darf ein Christ das Schwert für andere führen, aber nicht für sich?

Weil ein Christ zwei Verpflichtungen zugleich hat. Für sich selbst braucht er nichts und soll lieber Unrecht leiden als widerstreben, wie Christus lehrte. Sein Nächster aber braucht Schutz, und das Schwert dient dem Nächsten. Darum darf ein Christ aus Liebe zu anderen Richter, Büttel oder Henker sein und Unrecht gegen sich selbst geduldig tragen.

Warum kann weltliche Obrigkeit keinen Glauben gebieten?

Weil ihre Macht an äußeren Dingen endet, an Leib und Gut. Ein Herrscher kann Menschen dazu bringen, mit Mund und Hand zu folgen, nicht aber mit dem Herzen, das allein Gott sieht. Erzwungener Glaube bringt nur Leute hervor, die über ihr Denken lügen. Darum nennt Luther Ketzerei eine geistliche Sache: Man kann sie mit keinem Eisen zerhauen und mit keinem Feuer verbrennen, nur mit Gottes Wort treffen.

Was meint Luther damit, nach Vernunft statt nach Rechtsbüchern zu regieren?

Geschriebene Rechte sind aus der Vernunft geflossen wie Bäche aus einem Brunnen, also soll ein Herrscher den Brunnen nicht an seinen Bächen messen. Ein Fürst, der sich nur auf Juristen und Rechtsbücher stützt, tut oft Unrecht im Namen des Buchstabens. Luther will ein Urteil, das von Liebe und natürlichem Recht geleitet ist, und eine freie Vernunft, die sieht, wo ein Gesetz weichen muss.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Zwei Regimente

Wenn Christus verbot, dem Übel zu widerstreben, darf ein Christ dann je das Schwert führen? Luther verteidigt es, indem er die Welt in zwei Regimente mit zwei Aufgaben teilt.

Luther nimmt die Bergpredigt beim Wort und gibt zu, dass rechte Christen weder Gesetz noch Schwert brauchen, weil sie mehr tun, als jedes Gesetz verlangt. Aber sie sind wenige, und die übrigen würden einander fressen; die Welt allein nach dem Evangelium regieren hieße, Wölfe und Löwen unter die Schafe loszulassen. Darum setzte Gott zwei Regimente ein, ein geistliches, das fromm macht, und ein weltliches, das äußeren Frieden hält. Diesem darf ein Christ als Richter, Soldat oder Henker dienen, um anderer willen, nie um seiner selbst willen.

  • Politische Autorität
  • christliche Ethik
  • Gewaltlosigkeit
  • Christentum und Gewalt
  • Recht
  • Liebe zum Mitmenschen
  • Beruf
  • Gerechtigkeit
  • Gewalt
  • öffentliches Wohlergehen
  • Politische Führung

Wo das Schwert aufhört

Wie weit reicht die Macht eines Herrschers über das, was ein Mensch glaubt? Luther zieht die Grenze an der Seele, und die Untertanen eines katholischen Herzogs bekamen sie zu spüren.

Weltliche Gewalt, so Luther, regiert Leib und Gut und nicht mehr, denn Glauben kann man nicht erzwingen: Gedanken sind zollfrei, sagt das Sprichwort. Ketzerei sollen Bischöfe mit dem Wort abwehren, nicht Fürsten mit Feuer. Wer sein Neues Testament abliefern soll, verweigert es, gehorcht in allem anderen und trägt die Strafe. Viel ist von Herrschern nicht zu erwarten, warnt Luther, denn ein kluger Fürst ist seit Anbeginn der Welt ein seltener Vogel. Einem Fürsten, der einen ungerechten Krieg führt, schuldet niemand Gefolgschaft.

  • religiöse Freiheit
  • Religiöser Zwang
  • Gewissen
  • Häresie
  • Kirche und Staat
  • Kirchen-Staat-Beziehungen
  • ziviler Ungehorsam
  • Tyrannei
  • Rechenschaftspflicht
  • Gehorsam
  • Glauben

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Passagen vorhanden
80
eigenständige Begriffe
143
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 556

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Politische Autorität“ und „christliche Ethik“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 21 Paarungen. 77 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Politische Autoritätchristliche Ethik12
Politische Autoritätreligiöse Freiheit9
BibelauslegungPolitische Autorität7
Gewissenreligiöse Freiheit7
GerechtigkeitPolitische Autorität6
GewaltlosigkeitPolitische Autorität6
Politische AutoritätRecht6
Gewaltlosigkeitchristliche Ethik5
GewissenPolitische Autorität5
Gerechtigkeitchristliche Ethik4
Bibelauslegungchristliche Ethik3
BibelauslegungGerechtigkeit3
BibelauslegungGewaltlosigkeit3
GerechtigkeitGewaltlosigkeit3
Rechtchristliche Ethik2
Bibelauslegungreligiöse Freiheit1
christliche Ethikreligiöse Freiheit1
GerechtigkeitRecht1
GewaltlosigkeitGewissen1
Gewaltlosigkeitreligiöse Freiheit1
Rechtreligiöse Freiheit1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1517 Die 95 Thesen (Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum)

    Hier begann der Streit: mit einer akademischen Übung in lateinischer Sprache, auf die binnen Monaten die deutsche Predigt folgte, die ihre Argumente zu den Laien trug.

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  2. 1518 Ein Sermon von Ablaß und Gnade

    Derselbe Ablassstreit wie in Die 95 Thesen, wenige Monate später aus dem lateinischen Hörsaal geholt und den Laien auf Deutsch vorgelegt.

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  3. 1520 An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung

    Die erste der drei Schriften von 1520, die den Bruch mit Rom öffentlich machten; im Oktober folgte Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, im November Von der Freiheit eines Christenmenschen.

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  4. 1520 Von den guten Werken

    Im Frühjahr 1520 erschienen, kurz vor den drei Programmschriften jenes Jahres, legt es in schlichtem Deutsch die Lehre von Glauben und Werken dar, die jene voraussetzen.

    DE
  5. 1520 Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium)

    Von Luthers drei Schriften des Jahres 1520 die einzige, die lateinisch für die Gelehrten geschrieben ist: Der Aufruf an den Adel davor erschien auf Deutsch, Von der Freiheit eines Christenmenschen danach in beiden Sprachen.

    DE
  6. 1520 Von der Freiheit eines Christenmenschen

    Als Friedensangebot an den Papst gedacht, wendet sich die dritte von Luthers Schriften des Jahres 1520 von den Einrichtungen der Kirche ab und dem Leben des einzelnen Glaubenden zu.

    DE
  7. 1522 Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung

    Im Versteck geschrieben, zwischen dem Reichstag zu Worms und Luthers Rückkehr nach Wittenberg, im selben Winter, in dem er begann, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen.

    DE
  8. 1522 Vorrede auf die Epistel S. Paul an die Römer

    Ein Begleiter zu Von der Freiheit eines Christenmenschen: dieselbe Lehre von Glauben und Werken, diesmal als Zugang zu dem biblischen Buch, aus dem sie stammt.

    DE
  9. 1523 Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei du bist hier DE
  10. 1529 Der Große Katechismus

    Predigten, die zum Buch wurden: die Katechismuspredigten, die Luther 1528 in Wittenberg hielt, umgearbeitet zum ausführlicheren seiner beiden Katechismen.

    DE
  11. 1529 Kleiner Katechismus

    Es erschien einen Monat nach dem größeren Buch, Der Große Katechismus, und gibt dem Haus die Worte zum Auswendiglernen, die jenes dem Prediger erklärt.

    DE
  12. 1530 Ein Sendbrief vom Dolmetschen

    Acht Jahre nach dem Septembertestament und vier vor der vollständigen deutschen Bibel erklärt Luther, wie die Übersetzung entstand und warum er sie nicht zurücknehmen wollte.

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