George Berkeley, der irische Philosoph, der später Bischof wurde, vertrat die Ansicht, Land und Meer, Häuser und unser eigener Körper seien nichts als Ideen in einem Geist; hinter ihnen stehe keine Materie. Thomas Reid glaubte das einmal so fest, dass er Berkeleys ganzes System übernahm. 1737 trat Reid, selbst ein Pfarrerssohn, die Pfarrstelle von New Machar an, einer Landgemeinde zwölf Meilen von Aberdeen entfernt. Die Gemeinde wehrte sich zunächst gegen ihn: Gewählt hatte ihn nicht sie, sondern das King's College.
Zwei Jahre später veröffentlichte David Hume A Treatise of Human Nature. Bis dahin, so Reid rückblickend, sei ihm nie in den Sinn gekommen, an der Lehre der Philosophen über den Verstand zu zweifeln. Sie lehrten die Ideentheorie: Der Geist begegnet nie den Dingen selbst, sondern nur seinen eigenen Ideen von ihnen, und muss sich erst durch Schlüsse zu einer Welt hinausarbeiten. René Descartes und John Locke bauten auf diese Voraussetzung. Berkeley schaffte mit ihr die Materie ab, und Hume trieb sie weiter, bis selbst vom Geist nur noch eine Abfolge von Eindrücken und Ideen übrig blieb. Das beunruhigte Reid mehr als der Verlust einer materiellen Welt. 1785 erinnerte er sich an die Frage, die er sich mehr als vierzig Jahre zuvor gestellt hatte: Welchen Beleg gibt es dafür, dass alles, was wir kennen, Ideen in unserem eigenen Geist sind? Seitdem habe er gesucht, schrieb er, und nichts gefunden als die Autorität der Philosophen.
Seine Antwort: Die Schlusskette von Descartes bis Hume ist in sich stimmig, nur ihre erste Prämisse ist falsch. Wir nehmen Dinge wahr, nicht Bilder von Dingen. Eine Empfindung wirkt als Zeichen, denn so sind wir beschaffen: Spüren wir Härte in der Hand, denken wir an einen harten Körper und glauben, dass er da ist – kein Argument tritt dazwischen. Einige solcher Überzeugungen nannte Reid die Grundsätze des gesunden Menschenverstandes, des „common sense“: dass existiert, was wir klar wahrnehmen; dass unsere Vermögen uns nicht täuschen; dass alles, was zu existieren beginnt, eine Ursache hat. Jedes Schließen geht von ihnen aus, also kann kein Schließen sie beweisen. Gegen den Skeptiker, der an den Sinnen zweifelt, aber der Vernunft traut, wandte er in der Untersuchung über den menschlichen Geist, nach den Grundsätzen des gemeinen Menschenverstandes (1764) ein: Beide Vermögen stammen vom selben Schöpfer; es gibt also keinen Grund, dem einen zu trauen und dem anderen nicht.
Die Methode kam aus der Naturwissenschaft. Die Untersuchung beginnt mit der Forderung nach einer Anatomie des Geistes: Was man über den Körper weiß, stammt aus Sektion und Beobachtung, und ebenso muss man die Kräfte des Geistes finden – indem man beobachtet, was sie tun, statt zu mutmaßen. Am King's College in Aberdeen war Reid Regent, ein Lehrer, der eine Klasse durch den ganzen Studiengang führte, und unterrichtete neben Logik und Ethik auch Mathematik und Naturlehre. Die Familie seiner Mutter, die Gregorys, brachte mehrere Mathematikprofessoren hervor. 1748 legte er in den Philosophical Transactions der Royal Society dar, dass sich Tugend oder Lust nicht mit Gleichungen messen lassen. 1758 gründete er mit seinem Vetter John Gregory, einem Arzt, die Aberdeen Philosophical Society, in der über Humes Argumente gestritten wurde. 1764, im Erscheinungsjahr der Untersuchung, wählte ihn die Universität Glasgow auf den Lehrstuhl für Moralphilosophie, den Adam Smith verlassen hatte.
Hume hatte vor der Veröffentlichung einen Teil des Manuskripts gesehen und antwortete höflich. Joseph Priestley, Chemiker und Prediger der Dissenters, griff das Buch ausführlich an, und Immanuel Kant zählte Reid zu den Kritikern, die Humes Problem verfehlt hatten. Im 19. Jahrhundert wurde seine Philosophie an den Colleges Nordamerikas gelehrt, und in Frankreich trat Victor Cousin für sie ein. Sir William Hamilton, Professor in Edinburgh, gab seine Werke heraus. Als John Stuart Mill 1865 Hamilton angriff, brach Hamiltons Ansehen rasch ein; Reids Ruf war da längst im Schwinden, und Anfang des 20. Jahrhunderts war er weitgehend vergessen.
Im 20. Jahrhundert nahm G. E. Moore, der Philosoph aus Cambridge, die Verteidigung des gesunden Menschenverstandes gegen den Skeptizismus wieder auf. Der amerikanische Philosoph Roderick Chisholm belebte Reids Lehre vom freien Willen neu, nach der, wer wählt, selbst die Ursache seiner Wahl ist. Die Religionsphilosophen Alvin Plantinga, Nicholas Wolterstorff und William Alston bauten auf seinem Nachweis auf, dass manche Überzeugungen auch ohne Beweis vernünftig sind.
Mit etwa siebzig gab Reid das Lehren auf und machte aus seinen Glasgower Vorlesungen die zwei Bände der Essays: über die intellektuellen Kräfte des Geistes 1785, über die aktiven Kräfte 1788. 1796 besuchte er Freunde in Edinburgh, kehrte dann nach Hause zurück und arbeitete im Garten und an algebraischen Aufgaben. Er starb am 7. Oktober 1796 in Glasgow, sechsundachtzig Jahre alt.