WerkGeorge Santayana

Interpretations of Poetry and Religion

(dt. etwa: Deutungen von Dichtung und Religion)

Santayanas These, Religion sei Dichtung, die ins Handeln eingegangen ist – und verliere ihre Weisheit, sobald man sie als buchstäbliche Tatsache liest.

von George Santayana259 Passagen vorhanden

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Englisch

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Überblick

Im April 1900 schrieb William James an George Herbert Palmer, der mit ihm am philosophischen Institut in Harvard lehrte, über das neue Buch ihres jüngeren Kollegen. Er habe es mit Vergnügen gelesen und Santayana endlich als Menschen verstanden; die Philosophie darin aber sei durch und durch morsch, das Werk einer sterbenden lateinischen Kultur, die amerikanische Barbaren in der Stunde ihres Triumphs belehre. Mit James' Erlaubnis gab Palmer den Brief an Santayana weiter, der mit einer Verteidigung antwortete. Was James herausgefordert hatte, war eine Deutung der Religion, die weder Gläubigen noch Entlarvern passte. Religion, so das Buch, ist Dichtung, die ins Handeln eingegangen ist. In ihren Geschichten und Lehren drückt die Einbildungskraft aus, was Menschen über das Leben gelernt haben; in diesem Sinn sind sie wahr, so wie ein großes Gedicht wahr ist. Liest man sie als wörtliche Berichte über die Welt, werden sie zu schlechter Wissenschaft, und mit der Dichtung geht auch die praktische Weisheit verloren, die sie trugen. Das richtete sich gegen James, der damals die Edinburgher Vorlesungen vorbereitete, aus denen Die Vielfalt religiöser Erfahrung hervorging, und der einen Glauben nach dem Unterschied beurteilte, den er im Leben eines Menschen machte. In England, wo Santayana das Manuskript im Sommer 1899 in Oxford abgeschlossen hatte, fand das Buch wärmere Leser: Der Romancier Henry James, Williams Bruder, soll gesagt haben, er würde große Umwege in Kauf nehmen, um den Autor kennenzulernen.

Schlüsselbegriffe

Was heißt es, Religion Dichtung zu nennen, die ins Handeln eingegangen ist?

Dass Religion und Dichtung im Wesen eins sind und sich darin unterscheiden, wie sie sich mit dem praktischen Leben verbinden. Die Geschichten, Lehren und Riten, die ein Gedicht zur Betrachtung anbietet, werden in einer Religion gelebt: beschworen, befolgt, in Familie und öffentliches Gewissen eingebaut. So gehalten, tragen sie echte Lebensweisheit. Als wörtliche Berichte über die Welt gelesen, werden sie zu schlechter Wissenschaft, und mit der Dichtung geht die Weisheit.

Was meint Santayana mit „platonischer Liebe“?

Zwei Verwandlungen: der Freude an schönen Dingen in die Verehrung einer idealen Schönheit und der Liebe zu bestimmten Menschen in die Liebe zu Gott. Santayana bemerkt, der Ausdruck werde ständig gebraucht, oft ironisch, und selten verstanden. Er will diesen mystischen Formeln eine menschlichere Bedeutung geben, indem er zeigt, wie die Erfahrung des Liebens Dichter und Philosophen zuerst dazu brachte, sie auszusprechen.

Was ist „die Dichtung der Barbarei“, und wen beschreibt sie?

Dichtung, die die Leidenschaft als ihre eigene Daseinsberechtigung behandelt. Der Barbar zähmt seine Leidenschaften nach Santayanas Definition weder, indem er ihre Ursache versteht, noch, indem er ihr ideales Ziel entwirft. Whitman und Browning sind seine Beispiele: Er räumt ein, dass ihre Sicht echt und ihr Zugriff auf die Erfahrung unmittelbar ist, findet ihn aber nur ein kurzes Stück weit getragen, in Auflehnung gegen die Zucht klassischer und christlicher Tradition.

Was tut Dichtung laut diesem Buch, wenn sie am besten ist?

Sie zeigt uns die Bedeutung der Erfahrung, die wir tatsächlich gemacht haben. Am besten ist Dichtung, schreibt Santayana, nicht wenn sie eine weitere mögliche Erfahrung schildert, sondern wenn sie etwas Unmögliches als Erfahrung vorspiegelt und uns dadurch in die Bedeutung der wirklichen einweiht. Daher seine Formel, die höchste Idealität sei das Begreifen des Wirklichen: Der Traum eines Dichters muss seine Stützen in der Welt finden oder wird zu den Gespenstern zurückgeweht.

Welche Seite der Mystik respektiert Santayana tatsächlich?

Ihre ästhetische: das Interesse an großen Einheiten und kosmischen Gesetzen, das betrachtende Bewusstsein, das seine praktischen Sorgen fallen lässt. Das, sagt er, ist berechtigt und gibt einen Vorgeschmack des idealen Lebens. Was er verwirft, ist der Anspruch, alles zu übersteigen, den kein Mystiker einlöst; die eigentliche Kunst, bemerkt er trocken, sei es, stellenweise mystisch zu sein und die schweren Geschütze der Transzendentalphilosophie nur auf Ideen zu richten, die einen ärgern.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Religion als Dichtung, die ins Handeln eingegangen ist

Sind die Geschichten einer Religion wahr? Wahr, wie ein großes Gedicht wahr ist, antwortet Santayana – und falsch, sobald man sie als Berichte über die Welt liest.

Lehren und Mythen sind die Art, wie die Einbildungskraft ausdrückt, was Menschen über das Leben gelernt haben, und in diesem Ausdruck liegt ihre Weisheit. Wörtlich genommen wird eine Lehre zu schlechter Wissenschaft, und mit der Dichtung geht auch die praktische Weisheit verloren, die sie trug. Die Position passte weder den Gläubigen, die ihre Glaubensbekenntnisse als Tatsachen wollten, noch den Entlarvern, die meinten, die Tatsachen hätten sie erledigt. William James, der eine Überzeugung nach dem Unterschied beurteilte, den sie in einem Leben macht, fand die ganze Philosophie morsch und sagte es auch.

  • Religion
  • Dichtung
  • Einbildungskraft
  • Mythologie
  • Christentum
  • Ritual
  • Unsterblichkeit
  • Wissenschaft
  • Rationalität
  • Naturalismus
  • Modernität

Liebe, zum Ideal erhoben

Wenn ein Dichter einen Menschen liebt und am Ende das Gute selbst preist, ist die Leidenschaft dann verraten oder erfüllt? Die italienischen Dichter der platonischen Liebe sind der Prüffall.

Idealisierung ist für Santayana das, was die Einbildungskraft mit jedem starken Gefühl tut: Sie behält seine Richtung und lässt die Zufälle seines Anlasses fallen. Bei den italienischen Dichtern der platonischen Liebe wird die Leidenschaft für einen bestimmten Menschen Stufe um Stufe zu einem Gegenstand getragen, der kein Mensch sein könnte, und die Dichtung ist das Protokoll dieses Aufstiegs. Er behandelt den Vorgang als natürlich, nicht übernatürlich – als dieselbe Arbeit der Einbildungskraft, die Religionen baut, und damit als etwas, das danach zu beurteilen ist, was es im Leben dessen leistet, der ihn vollzieht.

  • platonische Liebe
  • Liebe
  • Idealisierung
  • Ideale
  • Idealismus
  • Leidenschaften
  • Emotion
  • Schönheit

Mystiker und Barbaren: Einbildungskraft ohne Ordnung

Was geht verloren, wenn die Einbildungskraft sich weigert, der Erfahrung eine Gestalt zu geben? Der Mystiker löst jede Form auf, der moderne Dichter häuft Empfindungen an, und beide scheitern an derselben Aufgabe.

Dichtung auf ihrem Höhepunkt, so das Buch, tut, was Religion tut: Sie baut aus Erfahrung eine Welt von Idealen, nach denen ein Mensch leben könnte. Die Mystik scheitert, weil sie den Verstand preisgibt und eine unbestimmte Intensität jedem bestimmten Gegenstand vorzieht. Whitman und Browning scheitern von der anderen Seite, im Kapitel über die Dichtung der Barbarei: überreich, lebhaft und leidenschaftlich geben sie der Erfahrung ihre volle Kraft und keine vernünftige Ordnung. Beiden stellt Santayana eine Dichtung entgegen, die Leidenschaft zu einer idealen Welt ordnet – die Aufgabe, die The Life of Reason später ausführlich entfalten sollte.

  • Mystik
  • Wahrnehmung
  • Vernunft
  • Metaphysik
  • Sprache
  • Ästhetik
  • Drama
  • Geschichte

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259
eigenständige Begriffe
465
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 285

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Dichtung“ und „Ästhetik“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 25 Paarungen. 82 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
DichtungÄsthetik15
MythologieReligion12
DichtungReligion11
DichtungEinbildungskraft10
EinbildungskraftÄsthetik10
EinbildungskraftReligion8
ReligionÄsthetik8
EinbildungskraftVernunft5
IdealismusReligion5
MystikVernunft5
ReligionVernunft5
IdealismusVernunft4
DichtungIdealismus3
DichtungVernunft3
EinbildungskraftIdealismus3
IdealismusÄsthetik3
MystikÄsthetik3
DichtungMythologie2
EinbildungskraftMystik2
MystikReligion2
VernunftÄsthetik2
DichtungMystik1
EinbildungskraftMythologie1
IdealismusMythologie1
MystikMythologie1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1896 The Sense of Beauty: Being the Outlines of Aesthetic Theory

    Santayanas erstes Prosabuch, nach einem Band Sonette erschienen, und dasjenige, das er später am schroffsten abtat; von der psychologischen Methode, auf die es sich stützt, hat sich sein Denken danach entfernt.

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  2. 1900 Interpretations of Poetry and Religion du bist hier EN
  3. 1905 The Life of Reason: The Phases of Human Progress

    Hauptwerk der Harvard-Jahre und die vollständigste Darlegung seiner Moralphilosophie; die Lehre von Erkenntnis und Existenz, die ihm zugrunde liegt, liefern erst die zwei Jahrzehnte später erschienenen Realms of Being.

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  4. 1910 Three Philosophical Poets: Lucretius, Dante, and Goethe

    Literaturkritik aus dem Hörsaal seiner letzten Harvard-Jahre: An drei Dichtern erprobt sie die These aus Interpretations of Poetry and Religion, Dichtung sei auf ihrem Höhepunkt anschaulich gewordene Philosophie.

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  5. 1913 Winds of Doctrine: Studies in Contemporary Opinion

    Den amerikanischen Stoff des Schlussessays nimmt später Character and Opinion in the United States wieder auf; der Rest des Buches wägt die damals modischen Philosophien ab, von Bergson bis Russell.

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  6. 1915 Egotism in German Philosophy

    Während des Ersten Weltkriegs in Oxford geschrieben, macht das Buch aus Santayanas langem Streit mit dem Idealismus eine Anklage gegen eine nationale Tradition; der Realismus dahinter findet seine volle Darlegung in Scepticism and Animal Faith.

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  7. 1920 Character and Opinion in the United States

    Die amerikanische Fortsetzung von „The Genteel Tradition in American Philosophy“ aus Winds of Doctrine und das ausführlichste Zeugnis, das Santayana vor seinen Memoiren über seine Harvarder Lehrer hinterließ.

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  8. 1922 Soliloquies in England and Later Soliloquies

    Kurzprosa der englischen Jahre, erschienen zwischen dem Kriegsbuch Egotism in German Philosophy und dem System, das im Jahr darauf mit Scepticism and Animal Faith beginnt.

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  9. 1923 Scepticism and Animal Faith: Introduction to a System of Philosophy

    Vom Untertitel als Eingang zum Spätsystem angekündigt, legt es die beiden Begriffe fest, auf denen die vier Bände der Realms of Being dann aufbauen: Essenz und animalischer Glaube.

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  10. 1923 The Unknowable

    Im Erscheinungsjahr von Scepticism and Animal Faith gehalten, trägt diese kurze Vorlesung die Erkenntnistheorie des Buches in eine Auseinandersetzung mit Herbert Spencer.

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  11. 1925 Dialogues in Limbo

    Philosophie in Dialogform, erschienen zwischen der Einführung in Santayanas Spätsystem und dessen erstem Band.

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  12. 1927 Platonism and the Spiritual Life

    Sieben Monate vor dem ersten Band des Systems erschienen: eine frühe Skizze des geistigen Lebens, das The Realm of Spirit 1940 ausführlich behandeln sollte.

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  13. 1927 The Realm of Essence

    Hier beginnt das eigentliche Spätsystem: der erste der vier Bände von Realms of Being, der das in Scepticism and Animal Faith eingeführte Vokabular ausführlich behandelt.

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