Herbert Spencer, der englische Philosoph der universalen Evolution, hatte einen jungen französischen Bewunderer, der dieses System für ihn zu Ende bringen wollte: Henri Bergson. Er war Mitte zwanzig und unterrichtete Philosophie an einer höheren Schule in Clermont-Ferrand, dem Lycée Blaise-Pascal; sein Vorhaben war bescheiden und technisch: Spencers Mechanismus die Präzision zu geben, die ihm fehlte. Als er bei der Zeit ankam, brach das Vorhaben zusammen.
Was die Mechanik misst, so Bergsons Schluss, ist nicht die Zeit. Um mit der Zeit zu rechnen, muss man sie zuerst als ein Medium ausbreiten, dessen Teile nebeneinanderliegen und sich zählen lassen – also als Raum. Eine Uhr zeigt keine Stunde; sie zeigt einen Zeiger, der so und so viel Raum zurückgelegt hat. Die gelebte Zeit hat keine Teile dieser Art: Eine Melodie ist keine Reihe von Tönen; jeder Ton trägt alle vorangegangenen in sich. Diese wirkliche Zeit nannte Bergson durée: Dauer, die Zeit, wie man sie durchlebt, statt sie zu zählen.
Auf dem Spiel stand die Freiheit. Das übliche Argument für den Determinismus behandelt einen Menschen als Folge getrennter innerer Zustände, von denen jeder den nächsten hervorbringt; hat das Innenleben keine solchen Zustände, findet das Argument keinen Halt. Bergson reichte diese Arbeit 1888 als Doktorthese ein, und im Jahr darauf erschien sie als Zeit und Freiheit. Versuch über das dem Bewußtsein unmittelbar Gegebene.
Alles Spätere trug denselben Verdacht in neues Gelände. Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen fragte 1900, was eine Sache komisch macht, und antwortete: Wir lachen über Starrheit – über den lebendigen Körper, den man dabei ertappt, sich wie ein Mechanismus zu benehmen. Schöpferische Evolution brachte den Einwand 1907 in die Biologie. Die mechanistische Erklärung, so Bergson, zeigt, wie Variationen gesiebt werden, nicht aber, wie überhaupt Neues in die Welt kommt; die Evolution ist ein einziger Schub, ein élan vital oder Lebensschwung, der sich im Vorrücken teilt.
Schöpferische Evolution machte ihn über die Philosophie hinaus berühmt. Nach seiner Berufung auf einen Lehrstuhl am Collège de France 1900 – der Pariser Einrichtung, deren Kurse jedermann besuchen darf – waren seine Vorlesungen überfüllt; unter den Zuhörern war T. S. Eliot, damals ein junger Amerikaner in Paris. Die katholische Kirche setzte 1914 drei seiner Bücher auf den Index der verbotenen Bücher – im selben Jahr wählte ihn die Académie française, die nationale Akademie der Literatur. 1927 folgte der Nobelpreis für Literatur; die Arthritis hielt ihn von Stockholm fern.
Am 6. April 1922 kam Albert Einstein nach Paris, zu einer Sitzung der Société française de philosophie, der französischen philosophischen Gesellschaft. Bergson hielt dagegen: Die Relativitätstheorie habe eine Konstruktion hervorgebracht und keinen Ersatz für die Zeit, in der wir leben. Einstein antwortete in wenigen Sätzen: Eine Philosophenzeit gebe es nicht, nur die physikalische Zeit und eine davon verschiedene psychologische. Die Physiker lasen den Austausch als Niederlage. Im Dezember ging der Physikpreis für das Jahr 1921 an Einstein, der auf See nach Japan unterwegs war und ihn nicht entgegennehmen konnte. Svante Arrhenius, der Vorsitzende des Nobelkomitees für Physik, erwähnte bei der Verleihung, Bergson habe die Theorie in Paris angefochten; ausgezeichnet wurde der photoelektrische Effekt, nicht die Relativitätstheorie.
Bergsons eigenes Buch über den Streit, Dauer und Gleichzeitigkeit, erschien im selben Jahr und erlebte sechs Auflagen, die letzte 1931. Ob er es danach unterdrückt hat, ist umstritten: Édouard Le Roy, sein Nachfolger am Collège de France, berichtete, Bergson habe jeden weiteren Nachdruck verweigert, doch dessen Testament nennt keinen solchen Wunsch, und Herausgeber legten das Buch 1968 wieder auf.
In seinen letzten Jahren hatte die Arthritis ihm den größten Teil seines öffentlichen Lebens genommen. 1940 hatte die Vichy-Regierung Juden gerade von Lehre und öffentlichen Ämtern ausgeschlossen; ihm bot sie wegen seines Ranges eine Ausnahme an. Er lehnte ab und ließ sich als Jude registrieren. Sein Testament verfügte, seine unveröffentlichten Papiere zu vernichten, und seine Frau und seine Tochter vernichteten sie.
Sein Nachruhm verdunkelte sich danach fast vollständig. Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty, die beiden Philosophen, die dem französischen Denken nach dem Krieg seine Richtung gaben, orientierten sich an der deutschen Phänomenologie. In den 1960er-Jahren war Bergson ein Name aus einer vergangenen Epoche. Gilles Deleuze, ein Philosoph der Generation nach ihnen, veröffentlichte 1966 Le Bergsonisme und brachte das Argument wieder in Umlauf. Der Philosoph Frédéric Worms gründete 2006 die Société des amis de Bergson und leitete die erste kritische Werkausgabe, die zwischen 2007 und 2012 erschien.