Die erste Auflage von Die Methoden der Ethik erschien 1874 und schloss mit dem Eingeständnis, dass das Argument des Buches am letzten Schritt gescheitert war. Sein Verfasser, Dozent am Trinity College in Cambridge, hatte sich 1862 vorgenommen, die beiden Lager der englischen Moralphilosophie zu versöhnen. Zwölf Jahre später stand er vor dem Befund, dass die Vernunft zwei Antworten auf die Frage gab, was zu tun sei. Die eine lautete: Handle für das größte Glück aller, denn vom Standpunkt des Universums aus zählt niemandes Wohl mehr als das eines anderen. Nach der anderen ist es vernünftig, das eigene Glück an die erste Stelle zu setzen. Beide schienen ihm unmittelbar evident. Wo sie zusammenstießen, konnte die Vernunft nicht zwischen ihnen entscheiden. Sein Schluss: Fehlt der Welt eine sittliche Ordnung, die beide zur Deckung bringt, dann zerfällt die Pflicht ins Chaos. Spätere Auflagen milderten den Ton, nicht das Ergebnis. Die Philosophie nennt es heute den Dualismus der praktischen Vernunft.
Zur Ethik kam Henry Sidgwick über eine Frage der Redlichkeit. 1859 hatte er als Bester der altphilologischen Prüfungsliste abgeschlossen und war im selben Jahr zum Fellow des Trinity College gewählt worden. In den 1860er-Jahren verlor er den Halt in der anglikanischen Lehre. Er wollte die Sache klären, wie ein Historiker es täte: 1862 verbrachte er einige Wochen in Dresden, um mit dem Arabischen anzufangen, und lernte Arabisch und Hebräisch für eine vergleichende Studie der semitischen Religionen. Dann gab er die Forschung auf; die grundlegenden Fragen, davon war er überzeugt, würde sie nicht beantworten. Als Fellow musste er den Neununddreißig Artikeln zustimmen, dem Lehrbekenntnis der Church of England. Im Oktober 1869 legte er seine Fellowship nieder. Die Kollegen ließen ihm die Dozentenstelle, und sein Beispiel gab der Kampagne Auftrieb, die solche Bekenntnisprüfungen mit einem Gesetz von 1871, dem Universities Tests Act, abschaffte. Nach seinem eigenen Bericht führte ihn das Ringen um die Artikel zur Philosophie zurück, und vieles, was er später in dem Buch darlegte, hat er in diesem Ringen durchdacht.
Aus derselben Gewissenhaftigkeit ging die Methode des Buches hervor. Sidgwick nahm sich die Regeln vor, nach denen gewöhnliche, anständige Menschen leben – die Wahrheit sagen, Versprechen halten, gerecht sein –, und prüfte sie eine nach der anderen. Wo sie unscharf wurden oder einander widersprachen, entschieden die Leute, so fand er, nach dem, was am meisten Gutes bewirkt. Zwei Schulen hatten als Gegner gegolten: die Intuitionisten, für die das Gewissen einfach sieht, was richtig ist, und die Utilitaristen in der Nachfolge von Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Bei Sidgwick führt sorgfältige Intuition zum Utilitarismus. Nur das Eigeninteresse ließ sich nicht einverleiben. In einem späten Kapitel ging er weiter: Ein Utilitarist dürfe mit Recht im Privaten tun, was öffentlich zu befürworten falsch wäre, und selbst diese Erlaubnis halte man womöglich am besten vor der Menge verborgen. Das schlichte moralische Empfinden, räumte er ein, verwirft schon den Gedanken einer solchen Privatmoral.
Was Pflicht und Eigeninteresse zur Deckung bringen könnte, suchte er außerhalb der Studierstube. 1876 heiratete er Eleanor Balfour, die wissenschaftlich mit ihrem Schwager arbeitete, dem Physiker Lord Rayleigh. Mit ihr gründete er 1882 die Society for Psychical Research mit, deren Präsident er zweimal war. Die Sidgwicks hofften auf Belege dafür, dass ein Mensch den Tod überdauert – für sie eine wesentliche Stütze der Moral. Die Belege kamen nie, und gegen Ende seines Lebens hielt er die Arbeit großenteils für vergeudete Zeit, auch wenn er ihr einige positive Ergebnisse zugestand. Sein anderes öffentliches Anliegen war die Frauenbildung. 1871 mietete er auf eigenes Risiko ein Haus für Frauen, die in Cambridge Vorlesungen hörten; aus diesem Haus ging das Newnham College hervor.
F. H. Bradley, der Oxforder Idealist, griff 1877 das Hauptargument des Buches in einer Streitschrift an. Sidgwick wurde 1883 Knightbridge-Professor für Moralphilosophie in Cambridge und 1885 erneut zum Fellow des Trinity College gewählt. Er starb am 28. August 1900 an Krebs. 1930 nannte der Cambridger Philosoph C. D. Broad das Buch die beste Abhandlung über Moraltheorie, die je geschrieben worden sei. John Rawls, der politische Philosoph aus Harvard, stellte es in seiner Einleitung zum Nachdruck von 1981 als klarste Darstellung des klassischen Utilitarismus vor. 2014 machten die utilitaristischen Philosophen Katarzyna de Lazari-Radek und Peter Singer eine Wendung Sidgwicks zum Titel ihres Buches The Point of View of the Universe. Es will zeigen, dass sich das Patt zwischen den beiden Antworten zugunsten des Utilitarismus auflösen lässt. Ob das gelingt, ist bis heute umstritten.