Das englische Recht der 1760er Jahre hatte einen Bewunderer und keinen Kritiker. William Blackstones Vorlesungen in Oxford, die berühmteste Rechtslehre des Landes, stellten das Common Law als nahezu vollendet dar: Seine Fiktionen galten als Weisheit, seine Grausamkeit als Erbe, und seine Autorität ruhte auf einem ursprünglichen Vertrag, den nie jemand unterschrieben hatte. 1763 saß unter den Zuhörern der fünfzehnjährige Jeremy Bentham, den man schon mit zwölf nach Oxford geschickt hatte, und er hörte in diesen Vorlesungen Trugschlüsse, die sich als Ehrfurcht verkleideten.
Bentham verbrachte die folgenden neunundsechzig Jahre damit, nachzuliefern, was Blackstone überflüssig erscheinen ließ: einen Maßstab, an dem sich ein Gesetz als schlecht erkennen ließ. Dieser Maßstab waren die Folgen. Ein Gesetz, eine Strafe, ein Gerichtsverfahren, eine Institution – jedes davon ist eine Maschine, die Glück oder Elend erzeugt, und die einzige redliche Frage an sie lautet: welches von beiden, wie viel davon und für wen. Nichts anderes zählt, nicht das Herkommen, nicht die Würde des Berufsstands, nicht der Umstand, dass man es immer so gehalten hatte. Das Recht zu beschreiben, wie es ist, ist eine Aufgabe; es zu beurteilen, eine andere, und um die zweite kümmerte sich in England fast niemand.
Benthams Vater, ein Anwalt, hatte den Sohn dazu erzogen, Lordkanzler zu werden, das Oberhaupt der englischen Justiz. Bentham wurde 1769 als Barrister zugelassen, übernahm einen einzigen Fall und praktizierte nie. Stattdessen schrieb er – und veröffentlichte meistens nicht. A Fragment on Government erschien 1776 anonym und wurde Lord Mansfield und Lord Camden zugeschrieben, den beiden angesehensten Richtern der Zeit, außerdem dem großen Prozessanwalt John Dunning. Das Buch verkaufte sich, bis Benthams Vater stolz verriet, der Verfasser sei sein Sohn; danach brach das Interesse ein. Das Buch mit der vollständigen Theorie, An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, lag neun Jahre lang gedruckt und unausgeliefert, bevor Bentham es 1789 herausgab.
Die Methode war der Abriss. Wörter wie Recht, Verpflichtung und Pflicht bezeichnen nichts, worauf man zeigen kann; also verlangte Bentham, sie in Schmerz und Freude wirklicher Menschen zu übersetzen oder fallen zu lassen. Die natürlichen Rechte fielen bei dieser Prüfung vollständig durch. Er behandelte sie als Rhetorik ohne Gegenstand – in eben den Jahren, in denen die Franzosen eine Revolution auf sie gründeten. Die Prüfung führte auch dorthin, wo niemand sie erwartet hatte. Bei einem Tier lautete die entscheidende Frage nun nicht mehr, ob es denken, sondern ob es leiden kann. Und die Strafbarkeit der Homosexualität wurde unhaltbar; dieses Argument schrieb er um 1785 nieder, veröffentlichte es aber nicht, und es blieb bis 1978 ungedruckt.
Danach widmete Bentham zwanzig Jahre dem Panopticon, einem Gefängnis, dessen Insassen beobachtet werden konnten, ohne zu wissen, wann. Es verschlang sein Vermögen und seine Aufmerksamkeit: 1799 kaufte er für 12.000 Pfund das Gelände von Millbank, ein Grundstück am Fluss in Westminster; 1803 gab die Regierung das Vorhaben auf und zahlte ihm zehn Jahre später 23.000 Pfund. Er schloss daraus, dass hinter der Blockade etwas Bestimmtes stand: das Eigeninteresse der herrschenden Klassen, bei ihm sinister interest, das unheilvolle Interesse. Der Mann, der sein Leben lang das Recht von außerhalb der Politik reformiert hatte, wurde mit sechzig zum Demokraten. Er trat für jährlich gewählte Parlamente ein, für die geheime Wahl, ein nahezu allgemeines Wahlrecht und das Wahlrecht für Frauen.
Die viktorianische Gesetzgebung setzte vieles von dem um, was Bentham vorgeschlagen hatte. Seiner Philosophie erging es schlechter. John Stuart Mill, der Philosoph, der in Benthams Kreis aufgezogen worden war, um sie fortzuführen, begann fast sofort, sie auszubessern, und ein Einwand ist bis heute nicht befriedigend beantwortet: Wer das Glück aller zu einer einzigen Summe zusammenzählt, übersieht, dass es verschiedenen Menschen gehört. Benthams Leichnam sitzt in einer Vitrine im University College London, seziert und ausgestellt auf seine eigene Anweisung. Seine Papiere sind weniger zur Ruhe gekommen: Rund 60.000 Blatt liegen noch dort, vielleicht dreißig Millionen Wörter, und werden noch immer transkribiert.