WerkJohann Gottlieb Fichte

Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie, als Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen über diese Wissenschaft

1794 lud Fichte zu seinen Jenaer Vorlesungen ein – und gab dabei seinem Vorhaben zum ersten Mal einen Namen und seine Regeln.

von Johann Gottlieb Fichte80 Passagen vorhanden

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Originaltitel
Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie – als Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen über diese Wissenschaft
Erstveröffentlichung
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Deutsch

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Überblick

Zwei Skeptiker hatten Johann Gottlieb Fichte davon überzeugt, dass die Philosophie noch keine Wissenschaft war, und seine Vorrede nennt sie beim Namen. Der eine war G. E. Schulze, dessen anonymer Aenesidemus von 1792 Kant angegriffen hatte und mit ihm Karl Leonhard Reinhold, jenen Kantianer, der Kants Philosophie auf einen einzigen obersten Grundsatz stellen wollte. Der andere war Salomon Maimon, ebenfalls ein scharfer Kritiker Kants, dessen Schriften Fichte vortrefflich nennt. Diese kurze Schrift von 1794 war seine Antwort, und sie ist ein Programm, kein System. Die Philosophie, so Fichte, muss Wissenschaftslehre werden, eine Lehre von der Wissenschaft: die Wissenschaft dessen, was jede Wissenschaft erst möglich macht. Gemeint ist ein einziges System, das auf einem einzigen, in sich selbst gewissen Grundsatz ruht, aus dem alles Übrige folgen muss – und bevor Fichte verspricht, diesen Grundsatz zu liefern, legt er dar, wie er beschaffen sein müsste. Die Schrift hatte zudem eine praktische Aufgabe, die schon ihr voller Titel ankündigt: Sie ist eine Einladung zu seinen Vorlesungen. Fichte war als außerordentlicher Professor nach Jena berufen worden und lebte daher großenteils von den Hörergeldern der Studenten, die seine Privatkollegien freiwillig besuchten. Die letzten Seiten wenden sich unmittelbar an die Studenten, die er gewinnen wollte, und in jenem Sommer waren seine Vorlesungen überfüllt. Eine zweite Auflage folgte 1798.

Schlüsselbegriffe

Was ist eine Wissenschaftslehre?

Eine Wissenschaftslehre ist die Wissenschaft von der Wissenschaft überhaupt: die Untersuchung dessen, was jedes Wissen erst möglich macht. Jede andere Wissenschaft setzt ihren Grundsatz voraus; diese soll die Grundsätze aller anderen, und ihren eigenen, aus einem einzigen Ausgangspunkt begründen. Fichte schlägt sie als neuen, eigentlichen Namen dessen vor, was man Philosophie nannte, die sich den Titel einer Wissenschaft seiner Ansicht nach noch nicht verdient hatte.

Was macht etwas für Fichte zur Wissenschaft?

Systematische Form auf einem gewissen Grund. Einzelne wahre Sätze sind noch keine Wissenschaft, und ebenso wenig ein streng gefolgertes System auf einem grundlosen Satz: Fichtes Beispiel ist eine sorgfältig durchgeführte Naturgeschichte von Geistern, die in der Luft leben. Eine Wissenschaft braucht beides, einen gewissen ersten Satz und den Zusammenhang aller übrigen mit ihm, damit die Gewissheit des ersten auf alle anderen übergeht.

Was ist ein Grundsatz?

Ein Grundsatz ist ein Satz, der vor dem auf ihm errichteten System gewiss ist und seine Gewissheit von keinem anderen Satz empfängt. Innerhalb seiner Wissenschaft kann er gebraucht, aber nicht bewiesen werden, weil es nichts Früheres gibt, woraus er folgen könnte. Fichte argumentiert, dass das menschliche Wissen als Ganzes nur einen einzigen absolut ersten Grundsatz haben kann; ihn zu finden und seine Folgen zu zeigen, ist die Aufgabe der Wissenschaftslehre.

Worin unterscheidet sich die Wissenschaftslehre von der Logik?

Die Logik liefert nur die leere Form, die jede Wissenschaft haben muss; die Wissenschaftslehre gibt Form und Gehalt zusammen und trennt sie nie. Daraus zieht Fichte einen überraschenden Schluss: Die Logik ist überhaupt keine philosophische Wissenschaft, sondern eine eigene, abgesonderte, an ihrem Ort durchaus würdig, deren Regeln letztlich von dem abhängen, was die Wissenschaftslehre begründet.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Ein fester Grund

Was macht aus einem Haufen wahrer Sätze eine Wissenschaft? Fichtes Antwort stellt der Philosophie eine Aufgabe, die noch niemand gelöst hatte.

Eine Wissenschaft, argumentiert Fichte, ist ein Ganzes, dessen Teile alle auf einem Grund ruhen, der vor dem System gewiss ist, so wie ein Gebäude fest steht, weil jede Wand auf dem Fundament ruht. Strenges Folgern allein genügt nicht: Eine noch so lückenlos verkettete Naturgeschichte der Luftgeister wäre keine Wissenschaft, weil ihr erster Satz grundlos ist. Die Philosophie muss also Wissenschaftslehre werden, die Wissenschaft dessen, was jede Wissenschaft möglich macht, und selbst die Logik, die nur die Form liefert, erweist sich als eigene Wissenschaft außerhalb ihrer.

  • Wissenschaftsphilosophie
  • Erste Prinzipien
  • Systematizität
  • systematische Philosophie
  • Grundlagen der Erkenntnis
  • Fundamentalismus
  • Wissenschaftliche Methode
  • Logik
  • Wissen
  • Wissenschaft
  • Definition
  • Vollständigkeit
  • Erkenntnistheorie

Ein System, das irren könnte

Kann eine Philosophie, die Gewissheit verspricht, zugeben, dass sie sich geirrt haben könnte? Fichte baut das Eingeständnis in das Programm ein.

Der erste Grundsatz lässt sich nicht beweisen, ohne eben die Regeln zu gebrauchen, die er begründen soll, und Fichte sagt das offen: Hier ist ein Zirkel, aus dem der menschliche Geist nie herauskommt, und kein Grund, darüber verlegen zu sein. Was er nicht behauptet, ist die Unfehlbarkeit seiner eigenen Darstellung. Wer die Kette vom Grundsatz zum Ergebnis prüft, erhöht die Wahrscheinlichkeit, nie bis zur Gewissheit. Philosophen, schließt er, sind nicht Gesetzgeber des menschlichen Geistes, sondern seine Historiographen, und zwar pragmatische.

  • Gewissheit
  • Beweisführung
  • Zirkularität
  • Wahrscheinlichkeit
  • Fehlbarkeit
  • Skeptizismus
  • Reflexion
  • Selbstbewusstsein
  • Freiheit

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Nr. 554

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Erste Prinzipien“ und „Systematizität“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 25 Paarungen. 78 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Erste PrinzipienSystematizität9
ErkenntnistheorieWissenschaftliche Methode8
ErkenntnistheorieSystematizität7
ErkenntnistheorieGewissheit6
ErkenntnistheorieWissenschaftsphilosophie6
Erste PrinzipienGewissheit6
LogikWissenschaftsphilosophie6
GewissheitSystematizität5
GewissheitWissenschaftliche Methode5
SystematizitätWissen4
SystematizitätWissenschaftsphilosophie4
Wissenschaftliche MethodeWissenschaftsphilosophie4
ErkenntnistheorieErste Prinzipien3
ErkenntnistheorieLogik3
LogikWissenschaftliche Methode3
SystematizitätWissenschaftliche Methode3
ErkenntnistheorieWissen2
Erste PrinzipienWissenschaftliche Methode2
WissenWissenschaftsphilosophie2
Erste PrinzipienLogik1
Erste PrinzipienWissen1
Erste PrinzipienWissenschaftsphilosophie1
GewissheitWissen1
LogikWissen1
WissenWissenschaftliche Methode1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1792 Versuch einer Kritik aller Offenbarung

    Das Debüt, in wenigen Wochen in Königsberg geschrieben, um Kant zu beeindrucken: ein Buch über Religion, das Fichte berühmt machte, bevor er ein eigenes System hatte.

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  2. 1794 Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten

    Populäre Ethik für Studenten, gehalten im Sommer 1794, als Fichte nach Jena kam – neben der weit schwierigeren Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre.

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  3. 1794 Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre

    Fichtes bekannteste Abhandlung und die erste vollständige Darstellung seines Systems, 1794 als Vorlesungsbogen begonnen; der Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre von 1795 führt ihren theoretischen Teil weiter, die Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre von 1797 beginnt die Erklärung neu.

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  4. 1794 Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie, als Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen über diese Wissenschaft (Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie – als Einladungsschrift zu seinen Vorlesungen über diese Wissenschaft) du bist hier DE
  5. 1795 Grundriss des Eigenthümlichen der Wissenschaftslehre

    Eher Begleitschrift als eigenes Buch: die Ergänzung von 1795, die den theoretischen Teil der Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre bis zu Empfindung, Raum und Zeit fortführt.

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  6. 1797 Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre

    Für Anfänger geschrieben: der Journalaufsatz von 1797, in dem Fichte, verärgert darüber, wie man die Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre gelesen hatte, sein System noch einmal von den ersten Grundsätzen an zu erklären begann.

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  7. 1799 Streitschriften zur Denk- und Gewissensfreiheit

    Hier aus zwei getrennten Veröffentlichungen von 1793 und 1799 zusammengeführt, die Fichtes Aufstieg zum Ruhm und seinen Sturz in Jena einrahmen.

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  8. 1800 Der geschlossene Handelsstaat

    Ein Ausflug in die Ökonomie, als Anhang zu seiner Rechtslehre angeboten und 1800 veröffentlicht, im selben Jahr wie Die Bestimmung des Menschen.

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  9. 1800 Die Bestimmung des Menschen

    Unmittelbar nach dem Atheismusstreit geschrieben, in seinen ersten Berliner Monaten: das System, für allgemeine Leser neu erzählt als Weg eines Ich vom Zweifel zum Glauben.

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  10. 1806 Die Anweisung zum seligen Leben, oder auch die Religionslehre (Die Anweisung zum seligen Leben)

    Nach Fichtes eigenem Urteil der Gipfel der populären Vorlesungen, die er vor dem Krieg in Berlin hielt: die Religion als Ergebnis der Wissenschaftslehre, seiner Lehre vom Wissen, vorgetragen für Hörer ohne philosophische Vorbildung.

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  11. 1806 Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters

    Einer von drei populären Vorlesungszyklen, die Fichte 1806 veröffentlichte: die Geschichtsphilosophie, als deren Fortsetzung sich die Reden an die deutsche Nation später ausgeben sollten.

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  12. 1808 Reden an die deutsche Nation

    Sein einflussreichstes Buch: wieder öffentliche Vorlesungen, diesmal aber keine Geschichtsphilosophie und keine Religionslehre, sondern ein Aufruf an eine besiegte Nation.

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  13. 1810 Kürzere Darstellungen der Wissenschaftslehre

    Ein Jenaer Anfang und eine Berliner Summe, getrennt erschienen und hier auf einer Seite versammelt – vor und nach den vielen Fassungen des Systems, die Fichte dem Hörsaal vorbehielt.

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  14. 1845 Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus dem Jahre 1801 (Darstellung der Wissenschaftslehre aus dem Jahre 1801)

    Eine frühe Berliner Neufassung des Systems, 1801 geschrieben, als Fichte und Schelling sich voneinander entfernten, und im Nachlass liegen geblieben.

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