Ein Merkmal für den ganzen Menschen
Ist abstraktes Denken das Laster der Philosophen oder der Straße? Hegel dreht den Vorwurf um: Abstrakt denkt, wer einen Menschen auf ein einziges Etikett bringt.
Die schöne Welt flieht vor den Wörtern Denken und abstrakt wie vor einem Pestkranken, und Hegel beantwortet seinen Titel sofort: Der ungebildete Mensch denkt abstrakt, nicht der gebildete. Abstrakt denken heißt, ein Merkmal eines Menschen zu packen und alles Übrige darin untergehen zu lassen, so wie das Volk in einem Verurteilten nichts sieht als einen Mörder oder eine Marktfrau, der man faule Eier vorwirft, die ganze Familie der Käuferin verdammt. Wer fragt, wie der Mörder wurde, was er ist, denkt konkret; ebenso eine alte Frau, die im Sonnenschein auf seinem Haupt Gottes Gnade sieht.
- Abstraktion
- moralisches Urteil
- Ironie
- Rhetorik
- Erziehung
- Personsein
- soziale Vorurteile
- Strafe
- Menschenwürde
- sozialer Status
- Entmenschlichung
- Aussöhnung
- Sentimentalität
- religiöse Gnade
- Sozialkritik
- Strafjustiz
- Soziale Hierarchie
- Herr-Knecht-Verhältnis
- militärische Hierarchie
- philosophische Sprache
Ins Gespräch kommen
- Wirft man einer Marktfrau faule Eier vor, schimpft sie auf Vater und Mutter der Käuferin und die Löcher in ihren Strümpfen. Was ist daran abstraktes Denken?
- Jemand verfolgt den Weg eines Mörders: schlechte Erziehung, eine harte Strafe für ein kleines Vergehen. Heißt das ihn verstehen oder ihn entschuldigen, wie das Volk einwendet?
- Im preußischen Heer darf der Soldat geprügelt werden, und so ist er dem Offizier nichts als ein prügelbares Subjekt. Was macht ein solches Etikett aus einem Menschen?
- Jemand erfährt, dass ein Kollege einmal etwas Schändliches getan hat, und sieht seither nichts anderes mehr in ihm. Was verlangte es, konkret über diesen Kollegen zu denken?
- Zu sagen, die Ungebildeten dächten abstrakt, klingt nach Dünkel. Warum sieht dann ausgerechnet eine arme alte Frau aus dem Spital den Hingerichteten wahrer als alle anderen?