Die Zunge hinter ihren Toren
Warum richtet ausgerechnet das kleinste Organ des Körpers den größten Schaden an? Erasmus liest die Antwort aus Anatomie, Schrift und antiker Anekdote und findet sie in den öffentlichen Streitigkeiten seiner eigenen Zeit.
Die Natur ließ die Ohren offen und schloss die Zunge hinter Zähnen und Lippen ein, als wollte sie den Rat des Jakobusbriefes wiederholen, schnell zum Hören und langsam zum Reden zu sein. Die Rede zeigt die Seele, wie Sokrates wusste, als er einen schönen Jüngling bat zu sprechen, damit er ihn sehe. Eine Zunge, die ihre Gestalt wechselt wie ein Krake, verrät ein geteiltes Herz. Erasmus verzeichnet ihre Verfehlungen, vom Geschwätz und verratenen Geheimnis bis zur Schmeichelei und zur Verleumdung des Denunzianten, und schließt mit dem Glaubensstreit, den Scheiterhaufen und Ketten, sagt er, nicht geheilt haben.
- Sprechethik
- Selbstkontrolle
- Üble Nachrede
- Geheimhaltung
- Schweigen
- schädliche Rede
- Kürze
- Klatsch
- Wahrhaftigkeit
- Rhetorik
Ins Gespräch kommen
- Die Natur, bemerken Sie, ließ die Ohren stets offen, die Zunge aber schloss sie hinter Zähnen und Lippen ein. Welche Lehre steckt im Bau des Körpers?
- Sokrates sagte zu einem schönen Jüngling: ‚Sprich, damit ich dich sehe.‘ Was verrät die Rede eines Menschen, das ein Gesicht verbergen kann?
- Die Zunge, schreiben Sie, nimmt mehr Gestalten an als jeder Krake. Liegt die Doppelzüngigkeit an der Rede oder am Herzen dahinter?
- Jemand hört ein schädliches Gerücht über einen Kollegen und ist versucht, es weiterzugeben. Was verlangt Ihr Buch über die Zunge von ihm?
- Scheiterhaufen, Verstümmelungen und Ketten, schreiben Sie, haben im Glaubensstreit nichts gewonnen. Womit hätten die Bischöfe stattdessen vorgehen sollen?