Eine Privatreligion
Verrichtet der ängstliche Kranke, der erst einschlafen kann, wenn die Kissen genau liegen, eine Art Gottesdienst? »Zwangshandlungen und Religionsübungen« nimmt die Ähnlichkeit ernst und fragt, was sie über beide verrät.
Freuds Kranke hüten ihre Rituale eifersüchtig, verbergen sie vor Zuschauern und spüren Grauen, wenn ein Schritt ausfällt, und können doch nicht sagen, was sie bedeuten. Die Analyse findet in jeder Einzelheit einen Sinn, oft eine sexuelle Erinnerung, und eine Versuchung, die immer wiederkehrt, weil die Verdrängung nur halb gelungen ist. Die Religion, schlägt Freud vor, beruht auf demselben Triebverzicht, nur gilt er eigensüchtigen, sozialschädlichen Trieben statt sexuellen. Dann erscheint die Neurose als Privatreligion und die Religion als universelle Zwangsneurose.
- Nötigung
- Ritual
- Religion
- Schuldgefühl
- Triebverzicht
- Verbergung
- Angst
- Verdrängung
- Sünde
Ins Gespräch kommen
- In Ihrem Aufsatz über Zwangshandlungen und Religionsübungen nennen Sie die Zwangsneurose eine Privatreligion. Was haben die Schlafrituale eines Kranken mit den Zeremonien der Frommen gemeinsam?
- Eine Frau läuft immer wieder zu demselben Tisch und ruft das Stubenmädchen, wieder und wieder. Wie kann ein so sinnloses Ritual etwas bedeuten?
- Religiöse Riten tragen einen Sinn, den die Gemeinde kennt, die Rituale eines Kranken wirken selbst auf ihn albern. Warum bringt dieser Unterschied Ihren Vergleich nicht zu Fall?
- Der Kranke wie der Gläubige verzichten, so Ihr Argument, auf die Befriedigung eines Triebes. Worauf soll der Gläubige verzichten, worauf der Neurotiker nicht?
- Kranke behandeln ihre Rituale fast als heilige Handlungen und ertragen kaum einen Zuschauer. Warum muss eine solche Zeremonie vor anderen verborgen bleiben?