WerkSigmund Freud

Zur Einführung des Narzißmus

Die Liebe zu sich selbst wird zu einer Stufe, die jeder durchläuft, und zur Quelle des Ideals, dem ein Mensch dann nachzuleben versucht.

von Sigmund Freud55 Passagen vorhanden

  • Deutsch, die Originalsprache, und deine Sprache
Erstveröffentlichung
(mit 58 Jahren)
Originalsprache
Deutsch

Rechtsverletzung melden

Überblick

Das Wort stammte aus der Klinik: 1899 verwendete der Psychiater Paul Näcke Narzissmus für die Perversion eines Menschen, der den eigenen Körper behandelt wie sonst den eines Geliebten. Sigmund Freuds Aufsatz von 1914 holt das Wort aus dem Katalog der Perversionen und macht es zu einer normalen Stufe des Heranwachsens. Jeder Säugling, so Freud, liebt zuerst sich selbst, und die Liebe, die er später anderen Menschen zuwendet, wird aus diesem Vorrat geschöpft und kann in ihn zurückgezogen werden. Die beiden Ströme steigen und fallen gegeneinander: Wer verliebt ist, gibt so viel her, dass das Ich verarmt; wer Schmerzen leidet, zieht sein Interesse von der Welt ab – wie der zahnschmerzkranke Dichter bei Wilhelm Busch: „Einzig in der engen Höhle des Backenzahnes weilt die Seele.“ Die Hingabe der Eltern an ihr Kind ist ihre eigene aufgegebene Selbstliebe, wiederbelebt und auf das Kind übertragen. Und der Erwachsene, der sich selbst nicht mehr bewundern kann, setzt sich ein Ideal, das er stattdessen bewundert, bewacht von einem inneren Beobachter, der ihn daran misst – das, sagt Freud, was wir unser Gewissen heißen. Ein Teil des Anlasses war ein Streit. Carl Gustav Jung hatte erklärt, Freuds Theorie des Sexualtriebs könne die Dementia praecox, die heute Schizophrenie genannte Krankheit, nicht erklären, und Freud schrieb, Jung habe ihn zu Auseinandersetzungen gezwungen, die er sich gern erspart hätte. Ein Schlussabschnitt nimmt sich Alfred Adler vor, den Wiener Arzt, der Freuds Kreis im Juni 1911 verlassen hatte, und dessen Gedanken vom sogenannten männlichen Protest. Der Aufsatz erschien 1914 im Jahrbuch der Psychoanalyse, auf Englisch 1925 als „On Narcissism: An Introduction“. Neun Jahre später kehrte die beobachtende Instanz in Das Ich und das Es als Über-Ich wieder.

Schlüsselbegriffe

Was unterscheidet primären und sekundären Narzissmus?

Der primäre Narzissmus ist der ursprüngliche Zustand des Säuglings, in dem seine ganze Liebe ihm selbst gilt, bevor er irgendjemanden liebt. Der sekundäre kommt später, wenn Liebe, die anderen Menschen galt, zurückgezogen und wieder auf das Ich gewendet wird, wie Freud es bei der Schizophrenie mit ihrem Größenwahn sieht. Der zweite baut auf dem ersten auf, der im Leben Erwachsener gewöhnlich verborgen bleibt.

Was sind Ichlibido und Objektlibido?

Es ist dieselbe sexuelle Energie an zwei Orten: im eigenen Ich angelegt oder an andere Menschen und Dinge ausgesandt. Freud stellt sich das Ich wie ein winziges Protoplasmatierchen vor, das Fortsätze nach den Objekten ausstreckt und wieder einziehen kann. Je mehr auf der einen Seite verbraucht wird, desto weniger bleibt auf der anderen, und darum scheint die Verliebtheit das Ich zu entleeren.

Welche zwei Typen der Objektwahl gibt es?

Freud unterscheidet das Lieben nach dem Vorbild der Menschen, die uns genährt und beschützt haben, der Mutter oder des Vaters, vom Lieben nach dem eigenen Vorbild. Den ersten nennt er den Anlehnungstypus. Der zweite, der narzisstische Typus, liebt, was man selbst ist, was man war, was man sein möchte, oder jemanden, der ein Teil des eigenen Selbst war. Beide Wege, sagt er, stehen jedem offen.

Was ist das Ichideal?

Das Ichideal ist das Bild der Vollkommenheit, das ein Mensch in sich errichtet, damit es die Selbstliebe empfängt, die er als Kind genoss. Von den Eltern und später von anderen kritisiert, kann der Erwachsene sich nicht mehr bewundern, wie er ist, also bewundert er ein Ideal und versucht, ihm zu genügen. Die Verdrängung, sagt Freud, geht von diesem Ideal aus: Was ihm widerspricht, wird weggedrängt.

Warum ist die Hypochondrie für Freuds Narzissmustheorie wichtig?

Die Hypochondrie zeigt dieselbe Verlagerung des Interesses wie eine echte Krankheit, nur ohne körperliche Ursache. Der Kranke zieht seine Liebe von der Welt ab und in das schmerzende Organ; der Hypochonder tut dasselbe bei einem gesunden Organ. Freud folgert daraus, dass jeder Körperteil Libido an sich ziehen kann und dass ein im Ich aufgestauter Vorrat an Liebe schmerzhaft wird.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Der Vorrat an Eigenliebe

Ist Selbstliebe eine Perversion, eine Krankheit oder der Ursprung aller Liebe? Freud nimmt einen klinischen Begriff und macht daraus eine Stufe, durch die jeder Mensch geht.

Bevor er jemanden liebt, so Freud, liebt der Säugling sich selbst, und die Liebe, die er später an andere aussendet, stammt aus diesem Vorrat und kann dorthin zurückfließen. Der Kranke und der Hypochonder ziehen ihr Interesse auf einen schmerzenden Körper zurück, der Verliebte entleert sein Ich in den Geliebten hinein. Menschen wählen ihre Liebesobjekte entweder nach dem Vorbild der pflegenden Eltern oder nach dem eigenen Bild, dem, was sie waren oder sein möchten. Die Hingabe der Eltern an ihr Kind ist ihr alter, wiedergeborener Narzissmus.

  • Narzissmus
  • Libido
  • Ichlibido
  • Objektliebe
  • Liebe
  • Objektwahl
  • Hypochondrie
  • Psychose
  • Schizophrenie
  • Leib

Das Ideal und sein Wächter

Was wird aus der kindlichen Selbstbewunderung, wenn das Leben sie verweigert? Sie wandert in ein Ideal, und ein innerer Wächter misst uns daran.

Niemand verzichtet gern auf eine einmal genossene Befriedigung, und so errichtet der Erwachsene, der sich nicht mehr bewundern kann, wie er ist, ein Ideal, das er stattdessen bewundert. Eine innere Instanz beobachtet das wirkliche Ich und misst es an diesem Ideal; sie ist, was wir Gewissen nennen, zuerst die Stimme der elterlichen Kritik, später die der Gesellschaft. Kranke, die Stimmen jeden ihrer Schritte kommentieren hören, beschreiben diesen Beobachter in verzerrter Form. Das Selbstgefühl steigt und fällt damit, wie nah das Ideal scheint, und mit dem Geliebtwerden.

  • Ichideal
  • Selbstwertgefühl
  • Gewissen
  • Selbstbeobachtung
  • Sublimierung
  • Paranoia
  • Verdrängung

In diesem Werk

Passagen vorhanden
55
eigenständige Begriffe
96
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 642

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Libido“ und „Narzissmus“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 7 Konzepte, verbunden durch 20 Paarungen. 53 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
LibidoNarzissmus10
LibidoPsychoanalyse6
LiebeNarzissmus6
LibidoNeurose5
IchidealNarzissmus4
IchidealLibido3
IchidealLiebe3
IchidealSelbstwertgefühl3
LibidoSelbstwertgefühl3
LiebeSelbstwertgefühl3
NarzissmusPsychoanalyse3
NarzissmusSelbstwertgefühl3
IchidealNeurose2
LibidoLiebe2
NeurosePsychoanalyse2
IchidealPsychoanalyse1
LiebeNeurose1
LiebePsychoanalyse1
NarzissmusNeurose1
NeuroseSelbstwertgefühl1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1900 Die Traumdeutung

    In den 1890er Jahren an den eigenen Träumen begonnen und von Auflage zu Auflage erweitert: Hier entwickelt Freud die Deutungsmethode, die seine späteren Bücher auf Versprecher, Witze und Mythen anwenden.

    DE
  2. 1901 Zur Psychopathologie des Alltagslebens

    Die Methode des Traumbuchs, übertragen auf das wache Leben; die Versprecher und Vergessensfälle dieses Buches bildeten später den ersten Teil der Vorlesungen, die Freud in Wien für Anfänger hielt.

    DE
  3. 1905 Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten

    Freuds einzige buchlange Studie über das Komische und das Buch, das er am stärksten aus fremdem Material baut: Wortspiele, Anekdoten und jüdische Witze, einer nach dem anderen zerlegt.

    DE
  4. 1907 Frühe Schriften zu Religion und Dichtung

    Zwei frühe Ausflüge aus der Klinik, hier in einem Band vereint: der Keim von Freuds späteren Büchern über Religion und seine kurze Antwort auf die Frage, woher der Dichter seine Stoffe nimmt.

    DE
  5. 1910 Zur Theorie des Unbewußten

    Vier theoretische Aufsätze aus den Jahren 1910 bis 1915, hier in einem Band vereint, die den Weg vom Traumbuch zu den metapsychologischen Schriften von 1915 nachzeichnen; der letzte der vier gehört selbst zu ihnen.

    DE
  6. 1913 Spätere Schriften zu Dichtung und Mythos

    Zwei Aufsätze von 1913 und 1917, hier in einem Band vereint, die Freud als Leser Shakespeares und Goethes zeigen: die Methode des Traumbuchs, angewandt auf ein Bühnenmotiv und auf die erste Seite einer berühmten Autobiographie.

    DE
  7. 1913 Totem und Tabu

    Das erste von Freuds Büchern über Gesellschaft und Religion, in dem er vom Patienten zur Gattung übergeht; Massenpsychologie und Ich-Analyse, Die Zukunft einer Illusion und sein letztes Buch, über Moses, bauen alle auf seiner Geschichte vom ermordeten Vater auf.

    DE
  8. 1914 Zur Einführung des Narzißmus du bist hier DE
  9. 1915 Das Unbewußte

    Freuds ausführlichste Darlegung dessen, was er unter dem Unbewussten verstand, geschrieben im Wien der Kriegsjahre, acht Jahre bevor Das Ich und das Es seine Landkarte der Seele neu zeichnete.

    DE
  10. 1915 Schriften aus dem Weltkrieg

    Freuds unmittelbare Antworten auf den Ersten Weltkrieg, auf dieser Website in einem Band vereint: ein langer Aufsatz von 1915 über Enttäuschung und Tod und ein kurzer von 1916 über Vergänglichkeit und Trauer.

    DE
  11. 1915 Triebe und Triebschicksale

    Der Aufsatz, der Freuds theoretische Reihe von 1915 eröffnet, indem er ihren Grundbegriff bestimmt; die Begleitaufsätze über die Verdrängung und über das Unbewusste bauen auf ihm auf.

    DE
  12. 1917 Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse

    Freuds eigene Einführung in sein Werk und das, was einem Lehrbuch bei ihm am nächsten kommt: seine Bücher über Träume und Fehlleistungen, für Hörer neu erzählt und zu einer allgemeinen Neurosenlehre weitergeführt.

    DE
  13. 1919 Das Unheimliche

    Ein seltener Ausflug Freuds in die Ästhetik, ein Gebiet, zu dem sich Psychoanalytiker, wie er sagt, selten hingezogen fühlen – geschrieben 1919 neben dem ersten Entwurf von Jenseits des Lustprinzips.

    DE
  14. 1920 Jenseits des Lustprinzips

    Der Wendepunkt in Freuds Spätwerk: das Buch von 1920, das den Todestrieb einführt und dem binnen drei Jahren die neue Landkarte der Seele in Das Ich und das Es folgte.

    DE
  15. 1921 Massenpsychologie und Ich-Analyse

    Die Brücke zwischen Freuds Spekulationen über die Vorzeit und seinem neuen Modell der Seele: Das Kapitel „Eine Stufe im Ich“ entwickelt das Ichideal, das Das Ich und das Es zwei Jahre später umbenennen sollte.

    DE
  16. 1923 Das Ich und das Es

    Das Buch, in dem Freuds spätes Modell der Seele seine endgültige Gestalt findet; die Aufsätze und Bücher danach, über Angst, Religion und Kultur, sprechen alle seine Sprache von Ich, Es und Über-Ich.

    DE
  17. 1924 Späte Schriften zur Ich-Psychologie

    Drei kurze Arbeiten aus der Mitte der 1920er Jahre, hier in einem Band vereint, in denen Freud das Modell von Das Ich und das Es an der Psychose, am Gedächtnis und am Lachen erprobt.

    DE
  18. 1926 Hemmung, Symptom und Angst

    Das Buch, drei Jahre nach Das Ich und das Es geschrieben, baut die Theorie der neurotischen Symptome in dessen Begriffen neu auf – ausgehend vom Unterschied zwischen einem Symptom und einer Hemmung, einer Einschränkung, die das Ich sich selbst auferlegt.

    DE
  19. 1927 Die Zukunft einer Illusion

    Freuds direkteste Streitschrift gegen die Religion, geschrieben vierzehn Jahre nachdem Totem und Tabu sie auf den ermordeten Vater zurückgeführt hatte, und der Auftakt der späten kulturtheoretischen Schriften, die sich in Das Unbehagen in der Kultur fortsetzen.

    DE
Anmelden oder abonnieren, um dieses Werk zu besprechen

— oder öffne ein anderes Werk aus dieser Feder