Wenn das Vertraute fremd wird
Warum erschrecken uns manche Dinge mehr als alles offen Gefährliche? Freud geht von einem Wort und einer Erzählung aus und findet, dass das Unheimliche etwas einst Bekanntes ist.
Ernst Jentsch hatte das Gefühl auf Ungewissheit zurückgeführt, wie vor einer Puppe, die vielleicht lebt. Freud genügt das nicht. Er schreibt die Wörterbuchartikel zu »heimlich« ab, heimisch und zugleich geheim, und sieht zu, wie das Wort in sein Gegenteil hinübergleitet. In Hoffmanns »Sandmann« ist das eigentliche Grauen die Gestalt, die Kindern die Augen nimmt, was Freud mit der Kastrationsangst verbindet. Sein Ergebnis borgt Schellings Satz: Unheimlich ist, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist, das wiederkehrende Verdrängte.
- das Unheimliche
- Semantik
- Sprache
- Vertrautheit
- Zuhause
- Geheimhaltung
- Verbergung
- Verdrängung
- intellektuelle Unsicherheit
Ins Gespräch kommen
- Das deutsche »heimlich« heißt vertraut und heimisch, aber auch versteckt und geheim, bis es mit seinem Gegenteil zusammenfällt. Was verrät diese Wanderung über die Angst?
- Ein Psychiater vor Ihnen führte das Unheimliche auf die Ungewissheit zurück, ob eine lebensechte Puppe lebt oder tot ist. Warum genügt Ihnen diese Antwort nicht?
- In Hoffmanns Erzählung wirft der Sandmann Kindern Sand in die Augen, bis sie herausspringen. Warum ist er und nicht die Puppe Olimpia der eigentliche Schrecken?
- Schelling nannte unheimlich, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist. Warum passt sein Satz so gut zu Ihrer Theorie?
- Ein vertrautes Haus, ein bekanntes Gesicht kann plötzlich fremd und bedrohlich wirken. Warum sind gerade die vertrautesten Dinge die unheimlichsten?