Dichtung als Ergriffenheit, nicht als Handwerk
Warum blendet ein Rezitator bei Homer und versagt bei jedem anderen Dichter? Weil seine Gabe kein lehrbares Können ist, sondern ein göttliches Ergreifen.
Frisch von einem Preis in Epidauros kann Ion nicht erklären, warum seine Glanzleistung allein Homer umfasst, und Sokrates liefert die Antwort, für die das Stück erinnert wird: Ion weiß nichts durch Kunst. Die Muse magnetisiert den Dichter, der Dichter den Rezitator, der Rezitator die Menge — eine Kette göttlicher Anziehung, Glied um Glied weitergereicht wie die Kraft eines Magnetsteins. Dichtung ist hier Eingebung, nicht Wissen, ein Bild, das man später anrief, um die Kunst zu verteidigen wie zu erniedrigen, und das Platon im Streit der Politeia mit den Dichtern weit schärfer wieder aufgreift.
- Expertise
- Wissen
- Kunst
- Inspiration
- Interpretation
- Dichtung
- Wahnsinn
- Kreativität
- Ästhetik
- Erkenntnistheorie
- Rhetorik
- Göttliche Inspiration
Ins Gespräch kommen
- Du sagst Ion, seine Gabe sei göttliche Ergriffenheit, kein Können. Warum dem Rezitator jedes eigene Handwerk absprechen?
- Wenn ein Künstler bei einer Sache blendet und bei allem Verwandten versagt, was verrät das über seine Gabe?
- Wie unterscheidest du echte Kunst, die sich lehren und erklären lässt, von einem göttlichen Ergreifen, das es nicht kann?
- Wenn ein Dichter nichts durch Kunst weiß und nur die Anziehung der Muse weitergibt, welchen Anspruch auf Weisheit muss er aufgeben?
- Die Magnetkette macht den Rezitator zu einem bloßen Glied. Bleibt ihm damit etwas, das er ehrlich seine eigene Leistung nennen kann?