Die Rede als Führung der Seelen
Kann Überredung je eine Kunst sein statt ein Sack voll Kunstgriffe? Nur, antwortet Platon, wenn der Redner sowohl die Wahrheit kennt als auch die Seele, die er führen will.
Sokrates übertrifft zuerst eine kühle Rede gegen die Liebe, widerruft dann in der Palinodie, die die Liebe als göttlichen Wahnsinn preist und die Seele als Wagenlenker malt, dem beim Anblick der Schönheit die Flügel nachwachsen, während er sich der Ideen erinnert. Von dort wendet sich der Dialog ins Praktische: Wahre Rhetorik ist in Dialektik und der Kenntnis des Hörers gegründet, nicht in Manipulation. Er schließt mit dem Mythos von der Schrift als pharmakon — Heilmittel und Gift zugleich — und warnt, geschriebene Worte, die nicht antworten können, schienen nur zu lehren. Derridas berühmte Lektüre kehrt zu jener Stelle zurück.
- Rhetorik
- Überredung
- Wahrheit
- Kommunikation
- Liebe
- Seele
- Weisheit
- Wissen
- Manipulation
Ins Gespräch kommen
- Eine Frau will Menschen für eine Sache gewinnen, an die sie glaubt — was macht ihre Überredung zur Kunst statt zum Sack voll Kunstgriffe?
- Du warnst, die Schrift schwäche das Gedächtnis und könne nicht antworten — doch du hast es alles niedergeschrieben; warum sollte man diesem Dialog trauen?
- Wenn echte Überredung heißt, sowohl die Wahrheit als auch die einzelne Seele vor dir zu kennen, was verlangt das von jedem, der gut reden will?
- Wie unterscheidet sich der göttliche Wahnsinn der Liebe, den du in der Palinodie preist, von gewöhnlicher Vernarrtheit, die die Vernunft ebenso überwältigt?
- Jemand ist hin- und hergerissen zwischen Vernunft und einer widerspenstigen Leidenschaft — bildet dein Bild vom Wagenlenker und den zwei Rossen diesen Kampf ab?